Wirtschaft : Fahrt ins Ungewisse

Nur zwei Firmen teilen sich den Markt für digitale Kartendaten – und grübeln über Geschäftsmodelle

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Foto: promo
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Berlin - Das Ruhrgebiet, die Peripherie von Paris, der Feierabendverkehr in Rom – Andreas Erwig ist in den Brennpunkten des Verkehrs unterwegs. Für ihn ist die Zeit im Stau Arbeitszeit: Der Manager testet den Infoservice Navteq Traffic. Während er im Stau steht, muss sich Erwig außerdem Gedanken machen, wie man mit Verkehrs- und Navigationssystemen künftig Geld verdienen kann. Denn inzwischen bietet nicht nur der Internetkonzern Google sondern auch Nokia Navigation auf dem Handy kostenlos an. „Der Druck auf die Preise ist groß“, sagt Andreas Erwig, Leiter des Produktmanagements Verkehrsinformation bei Navteq in Europa. „Wir befinden uns in einer Übergangsphase. In zwei Jahren wird sich das Geschäftsmodell enorm geändert haben.“

Es gibt nur zwei große Anbieter, die weltweit digitale Kartendaten und standortbezogene Informationen zur Navigation liefern: Navteq und Tele Atlas. Beide bauen selbst keine Navigationsgeräte, sammeln und bereiten aber die nötigen Daten dafür auf. „Die Mehrheit der Autohersteller weltweit nutzt unsere Karten“, sagt Erwig.

Google kooperiert mit Tele Atlas. Navteq wiederum gehört seit 2007 zu Nokia. Der finnische Handyhersteller zahlte für das US-Unternehmen 5,7 Milliarden Euro. Konkurrent Tele Atlas wurde im gleichen Jahr von Tom Tom übernommen, einem Anbieter von Navigationslösungen. Tom Tom zahlte knapp drei Milliarden Euro für Tele Atlas.

Mit dem Kauf von Navteq hatte Nokia seine Mobiltelefone mit neuen Funktionen aufwerten wollen, um dem konstanten Preisverfall bei den Geräten etwas entgegenzusetzen. Navigation sollte einen erheblichen Anteil zu den Umsätzen von Nokias Online-Shop Ovi beisteuern. Doch Google hat mittlerweile ein eigenes Handybetriebssystem und hat Nokias ursprünglichem Konzept mit seinem werbefinanzierten Navigationsangebot den Boden entzogen. „Wir bereiten uns darauf vor, dass die Werbefinanzierung ein wichtiges Geschäftsmodell wird“, sagt Erwig. In den USA hat Navteq dafür bereits einen Kooperationspartner gefunden: Garmin, einen Anbieter von Navigationsgeräten. Navteq wird am Umsatz der Werbeeinnahmen beteiligt. Auch mit der Hotelkette Best Western hat es bereits eine Werbekampagne gegeben.

Noch zahlen die Anbieter von Navigationslösungen Lizenzgebühren für die Daten von Navteq. Microsoft mit seiner Suchmaschine Bing gehört dazu, auch Nokia zahlt, obwohl es den Dienst kostenlos an seine Kunden abgibt. Doch immer mehr Nutzer, vor allem die Besitzer kostspieliger Navigationssysteme in Autos, werden nicht mehr lange hohe Preise zahlen wollen für etwas, das es auf dem Handy kostenlos gibt. Das bringt erst die Diensteanbieter, dann Navteq unter Druck.

Während Google das Werbegeschäft versteht, sieht sich Navteq mit seinen weltweit 4700 Mitarbeitern bei der Qualität seines Angebots im Vorteil. Gerade hat Navteq in Deutschland seinen Service weiter ausgebaut. Neben dem Zugriff auf die Daten von 10 000 Sensoren, die Verkehrsaufkommen und zum Teil die Geschwindigkeiten auf Autobahnen messen, greift Navteq nun auch auf Millionen von Bewegungsdaten per Mobilfunk zurück. Die Informationen stammen von Handys, Navigationssystemen und aus Lkws, die mit dem Ortungssystem GPS ausgestattet sind. Die gesammelten Daten werden anonymisiert. Der Kunde, der die kostenlosen Verkehrsinfos nutzt, zahlt also in Wahrheit mit seinen Daten. Durch die Vielzahl der Informationsquellen wird die Qualität der Verkehrsinfos besser, es wächst aber auch die Sorge um den Datenschutz. „Wir sammeln Daten in großem Stil, aber anders als Google“, sagt Erwig. Google hatte für einen Skandal gesorgt, weil das Unternehmen auch Daten aus privaten Funknetzen aufzeichnete. Verbraucherdaten seien geschützt und sicher, beteuert Navteq in einer Pressemitteilung. Um noch mehr Informationen – zum Beispiel über aktuelle Verkehrsschilder, Brückenhöhen oder Straßenbelag – sammeln zu können, schickt Navteq künftig neue Fahrzeuge (Foto) auf Deutschlands Straßen, die bis zu einem Terabyte Daten pro Tag erfassen.

Das Vertrauen der Kunden in die Datensicherheit ist wichtig, denn um künftig zur Refinanzierung des Dienstes Werbung schalten zu können, müssen die Kunden bereit sein, ihren Standort preiszugeben. „Ich glaube nicht an Werbung mit der Gießkanne“, sagt Andreas Erwig. An ortsbezogene Werbung dagegen schon. „In den USA zum Beispiel erhalten Kunden Gutscheine von Starbucks, wenn sie in die Nähe eines Cafés kommen.“ Das kann Erwig sich auch in Deutschland vorstellen.

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