Fall der Gemeinschaftswährung : Der Euro kommt dem Dollar näher

Schon bald könnte der Euro nur noch einen Dollar kosten. Experten fragen sich daher, wie weit es noch bergab geht mit dem Euro-Kurs?

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Manche Experten rechnen mit der Parität bereits in diesem Jahr.
Manche Experten rechnen mit der Parität bereits in diesem Jahr.Foto: dpa

Der Euro ist am Donnerstag kurzfristig auf 1,0497 Dollar gefallen, so tief wie seit zwölf Jahren nicht mehr. Ende der Woche waren es immer noch weniger als 1,06 Dollar. Die europäische Währung ist auf rasanter Talfahrt nicht nur gegenüber dem Dollar. Vor einem Jahr kostete ein Euro noch knapp 1,40 Dollar. Womöglich ist ein Euro bald nur noch einen Dollar wert, die Parität der beiden weltweit wichtigsten Währungen wäre Realität. George Saravelos, Devisen-Experte der Deutschen Bank rechnet noch in diesem Jahr damit, und 2017 könnte der Euro nur noch 0,85 Dollar wert sein. Lutz Karpowitz von der Commerzbank dagegen glaubt nicht, dass die Parität kurzfristig kommt. Eher werde der Euro wieder leicht steigen.

DIE POLITIK DER ZENTRALBANKEN

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat nicht nur den Leitzins auf das Rekordtief von 0,05 Prozent gesenkt. Für Einlagen bei der Notenbank müssen Banken einen Strafzins zahlen. Entscheidend ist aber das neue Anleihe-Programm, das die EZB am 9.  März begonnen hat. In den ersten Tagen hat sie Papiere für mehr als zehn Milliarden Euro gekauft. Monat für Monat will sie Staatsanleihen der Euro-Staaten, Pfandbriefe und Kreditverbriefungen für jeweils 60 Milliarden Euro erwerben. Bis mindestens September 2016 wird so die Geldmenge um 1,14 Billionen Euro aufgebläht – in der Hoffnung, dass die Konjunktur anzieht und die Inflation steigt.

Mario Draghi pumpt über Anleihekäufe Geld in den Markt.
Mario Draghi pumpt über Anleihekäufe Geld in den Markt.Foto: AFP

Die US-Notenbank hat ihr Anleihe-Programm mit Käufen von bis zu 85 Milliarden Dollar im Monat im November beendet, vermutlich im Frühsommer wird sie erstmals seit 2008 wieder den Leitzins erhöhen. Die US-Konjunktur läuft und die Arbeitslosigkeit sinkt. Die Zinsschere zwischen den USA und der Euro-Zone geht auf. Das stärkt den Dollar und schwächt den Euro. Hinzu kommt: Die Schuldenkrise in Euroland ist nicht überwunden und die Regierungen ziehen immer noch nicht an einem Strang. Die wirtschaftlich alles andere als rosige Lage in Frankreich und Italien lastet neben dem Theater um die Finanzierung Griechenlands zusätzlich auf dem Euro.

DIE DEUTSCHE EXPORTWIRTSCHAFT

Der Außenhandelsverband BGA rechnet 2015 auch wegen des schwachen Euro mit einem Exportplus von vier Prozent auf den Rekordwert von fast 1,2 Billionen Euro. Aus einem einfachen Grund: Ein schwächerer Euro verbilligt europäische Produkte in den Ländern, in denen mit Dollar bezahlt wird. Er hilft Exporteuren in der Eurozone, in Griechenland, Spanien oder Portugal. Auch deutsche Firmen haben Vorteile. Freilich: Etwa zwei Drittel der deutschen Exporte gehen in die Euro-Zone oder die EU. Da wird mit Euro bezahlt. Ein schwacher oder starker Euro spielt hier keine Rolle. Deutsche Autohersteller produzieren im Übrigen schon seit Jahren in Nordamerika, um den Markt besser bedienen und sich von Wechselkursen unabhängig machen zu können. Der schwache Euro schlägt auch hier also nicht durch.

Was gut ist für die Exporte, ist schlecht für die Importe: Der schwache Euro verteuert die Einfuhren. Öl und andere Rohstoffe müssen mit Dollar bezahlt werden. Aber die sind derzeit sehr preiswert. Der schwache Euro spielt zwar eine Rolle. Aber sein Einfluss wird bei Öl und Rohstoffen weniger deutlich, auch an der Tankstelle. Klar ist: Wäre der Euro stärker, dann wären Diesel, Benzin und auch Heizöl noch preiswerter und die Energie-Rechnung der Unternehmen noch niedriger. Der Anstieg der Tankstellen preis um rund acht Prozent in den vergangenen Wochen erklärt sich fast ausschließlich mit dem schwachen Euro.

DIE GEWINNE STEIGEN

Die exportorientierten Konzerne profitieren, was sich auch an den enorm gestiegenen Aktienkursen ablesen lässt. Die Hausse auf dem deutschen Aktienmarkt liegt nach Ansicht von Börsianern aber auch daran, dass immer mehr US-Anleger auf die Börsen in Europa schauen. Schließlich können sie mit dem starken Dollar gut hier investieren. Und dies in Unternehmen, die nicht nur gut dastehen, sondern sich offenbar weiter gut entwickeln. Die Gewinnaussichten sind jedenfalls zumeist gut und die Dividenden hoch.

REISEN WIRD TEURER

Der schwache Euro belastet Reisende, die Urlaub in den USA oder etwa in der Karibik machen. Gemessen an der Veränderung des Wechselkurses müssen sie, wenn sie jetzt buchen, etwa 20 Prozent mehr auf den Tisch legen als vor einem Jahr. Hierzulande trifft es die Verbraucher unter anderem beim Kaffee: Er wird importiert und zumeist in Dollar bezahlt, sodass Kaffee wegen des schwachen Euro teurer wird. Überhaupt müssen die Preise tendenziell steigen, weil Importe tendenziell teurer werden, Darauf hofft auch die EZB. Sie sieht die Preisstabilität bei einer Inflationsrate von knapp zwei Prozent gewahrt. Im Februar lag sie in der Eurozone aber bei minus 0,3 Prozent.

Hält das länger an, könnte es zu Deflation und einer gefährlichen Spirale aus sinkenden Preisen mit sinkender Nachfrage kommen. Verbraucher kaufen nicht und Unternehmen investieren nicht, weil alle mit weiter fallenden Preisen rechnen.

WANN KOSTET EIN EURO EINEN DOLLAR?

Viele Banken rechnen mit der Parität, noch in diesem Jahr. Auf ein genaues Datum legt sich aber keiner fest. In einem Jahr könnte ein Euro sogar nur noch 97 Dollar-Cent kosten, vermuten die DZ Bank-Ökonomen. Die Deutsche Bank sagt für 2017 sogar einen Kurs von nur noch 0,85 Dollar voraus, das wäre fast der bisherige Tiefstand von 0,82 Dollar aus dem Jahr 2000. Andere sehen allmählich das Tief erreicht. Der Euro werde langsam wieder an Wert gewinnen und auf 1,06 oder 1,07 Dollar stiegen. Aber jene 1,40 von vor einem Jahr sind auch nicht im Ansatz am Horizont erkennbar.

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