Wirtschaft : Falsch geschmiert

Toyota muss weltweit 7,4 Millionen Autos wegen des Fensterhebers in die Werkstatt rufen.

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Berlin - Für Toyota-Kunden ist es eine Kleinigkeit, für den Autohersteller eine mittlere Katastrophe: Der größte Autoproduzent der Welt muss erneut rund um den Globus 7,4 Millionen Fahrzeuge wegen technischer Mängel in die Werkstatt rufen. In Deutschland sind gut 136 000 Fahrzeuge der Toyota-Modelle Yaris, Auris sowie des Geländewagens RAV4 betroffen, die zwischen September 2006 und Dezember 2008 hergestellt wurden.

Das Problem: Das Schmiermittel in den Fensterhebelschaltern auf der Fahrerseite wurde nicht richtig dosiert, deshalb kann es zum Verschleiß kommen und der Schalter schwer oder gar nicht mehr zu betätigen sein. Erst am Montag hatte Honda mehr als eine halbe Million Autos wegen des gleichen Problems zurückgerufen. Das spricht dafür, dass ein gemeinsamer Zulieferer fehlerhafte Teile in Umlauf gebracht hat.

Gefährlich könnte es werden, wenn Fahrer in Eigenregie versuchten, Schmiermittel in die Ritzen zu sprühen. Dadurch könne in Teilen der Elektrik dauerhaft ein schwacher Strom fließen, sagte ein Sprecher von Toyota-Deutschland. „Der kann auf Dauer wiederum genug Wärme erzeugen, um Teile des Systems schmelzen zu lassen.“ Toyotas US-Tochter warnt in ihrem Rückrufschreiben sogar vor Rauch und Flammen.

In den USA sind 2,4 Millionen Fahrzeuge betroffen, in China 1,4 Millionen und in Europa 1,39 Millionen. Die defekten Teile würden kostenfrei ausgetauscht, teilte Toyota mit. Die Halter der betroffenen Fahrzeuge müssten eine halbe Stunde für den Werkstattbesuch einplanen.

Toyota dürfte länger mit den Folgen der Rückrufaktion zu kämpfen haben, denn der gute Ruf des für seine Qualität bekannten japanischen Herstellers hat schwer gelitten. Schon 2010 musste der Konzern mehr als acht Millionen Autos wegen klemmender Gaspedale und rutschender Fußmatten in die Werkstätten rufen. Weitere 1,5 Millionen Fahrzeuge wurden zurückgerufen, bei denen die Bremsen wegen austretender Bremsflüssigkeiten nicht mehr sicher waren. Produktionsausfälle nach der Erdbeben- und Atomkatastrophe in Japan warfen den Hersteller 2011 zusätzlich zurück. Toyota fiel deshalb weltweit auf Platz zwei hinter den US-Wettbewerber General Motors (GM) zurück, hat aber den Spitzenplatz in den vergangenen Monaten zurückerobert. Im ersten Halbjahr 2012 verkauften die Japaner 4,97 Millionen Autos, GM kam auf 4,67 Millionen, der Volkswagen-Konzern auf 4,45 Millionen Autos.

Rückrufaktionen, bei denen Millionen Fahrzeuge verschiedener Modellvarianten betroffen sind, offenbaren nach Meinung von Experten die Schwächen der in der Autobranche verbreiteten Baukasten- und Plattformstrategie. Zwar sparen die Hersteller durch den Einsatz vieler Gleichteile in zahlreichen Fahrzeugtypen Kosten bei der Entwicklung und Produktion. Sind Teile und Komponenten aber fehlerhaft, sind gleich mehrere Modelle betroffen. Fast drei Viertel eines Autos stammen inzwischen von Zulieferfirmen.

Auch der VW-Konzern ist durch die Einführung des sogenannten modularen Querbaukastens angreifbarer geworden. VW stellt jährlich Millionen Einheiten seiner insgesamt mehr als 220 Konzernmodelle an mehr als 90 Standorten in aller Welt her. Das neue Plattformkonzept soll die Fahrzeugproduktion vereinheitlichen und in mehr als 40 Modellen von VW, Audi, Skoda und Seat Vorteile bei der Produktion schaffen.

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