Wirtschaft : Familienpolitik in Deutschland: Frischer Wind in den Kindergärten

Antje Sirleschtov

Fischer: Zwei. Scharping: Drei. Schily, Eichel, Müller, Bergmann: Zwei. Trittin: Eins. Künast, Bulmahn und Wieczorek-Zeul: Fehlanzeige!

23 Kinder zählt das rot-grüne Bundeskabinett insgesamt. Und liegt dabei voll im Trend. Denn mit einem Schnitt von nicht einmal 1,5 Kindern dokumentieren die deutschen Familien seit Jahren, wie wenig Spaß sie am Nachwuchs haben.

Ein Grund von vielen: Wer sich heute für Kinder entscheidet, schliddert nur allzu leicht in einen wirtschaftlichen Teufelskreis. Verdienstausfall, Betreuungskosten und Karriereknick: Mit Kosten von 400 000 bis 600 000 Mark, schätzen Ökonomen, müssen Eltern rechnen, bis der erste Spross volljährig ist. Bei zwei Kindern ist die erste Million schnell erreicht - und die Kosten für ein Studium sind dabei noch gar nicht eingerechnet. Größter Posten bei den Einbußen ist der Verlust des Einkommens von Mutter oder Vater für Jahre. "Ganz klar", sagt die Berliner Wissenschaftlerin Katharina Spieß, "wo Kindergärten Mittags um zwölf die Tür zuschließen, da können Mütter allenfalls bei Aldi ein paar Regale einräumen". Für einen richtigen Job reicht das lange nicht. Meist nicht mal für eine Halbtagsstelle. Und wer dennoch berufstätig werden will, muss für private Nachmittagsbetreuung kräftig aus der Haushaltskasse zubuttern. Eine erfolgversprechende Familienpolitik, urteilt die Mitarbeiterin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung DIW, muss deshalb in allererster Linie für bessere Betreuungsmöglichkeiten sorgen. Statt 30 Mark mehr Kindergeld oder Erziehungsprämien, meint Katharina Spieß, ist eine "umfassende Reform bei Kindergärten und Schulen dingend erforderlich".

In der Tat leistet sich kaum ein westliches Land ein so katastrophales System bei der Betreuung der Minderjährigen. Obwohl es seit 1996 einen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz gibt, schaffen es Mütter hierzulande kaum, eine Vollzeit-Arbeitsstelle zu besetzen. Nicht einmal jedes fünfte Kind zwischen drei und sechs Jahren erhält in Westdeutschland ein Mittagessen im Kindergarten. Nur im Osten, der noch von den Strukturen der DDR zehrt, ist Ganztagsbetreuung keine Seltenheit. Weit überwiegend nehmen die Erzieherinnen die Sprösslinge morgens erst in Empfang, wenn kinderlose Sekretärinnen bereits im Büro sitzen und machen am frühen Nahmittag die Kindergärten wieder zu. Wochenlange Schließzeiten während der Schulferien sind eine berufsfeindliche Selbstverständlichkeit.

Deutsche Kinder, urteilt denn auch die DIW-Wissenschaftlerin Spieß, "werden heute noch so betreut, wie es dem Familienbild der sechziger Jahre entsprach". Kinderbetreuung verstand und versteht sich allenfalls als humanistische Wohltat mit Bildungsanspruch, die man armen Bevölkerungsschichten mildtätig zuteil werden lässt. Dieser Wohlfahrtsansatz ist dann auch Schuld daran, dass die Kinderbetreuung bis heute nur die Einrichtungen selbst finanziert und damit vom Gutdünken der Verantwortlichen in den Kommunen abhängig organisiert ist. Ob kommunale Einrichtungen oder freie Träger der Wohlfahrtsverbände und Kirchen: Sie alle buhlen um ein begrenztes staatliches Budget. Die Nachfrage von Eltern spielt so gut wie keine Rolle.

Noch schlimmer: Die Wohltaten des Sozialstaates treffen in der Regel die Falschen. Nicht die Eltern mit kleinsten und geringen Einkommen, ergab eine Untersuchung des DIW, profitieren vom staatlichen Engagement in der Kinderbetreuung. Mit 2800 Mark pro Jahr werden besserverdienende Eltern stärker unterstützt als solche, deren Gehälter niedrig sind. Und Länder wie Baden-Württemberg setzen dem noch eine Krone auf: Dort müssen arbeitslose Eltern die gleichen Beiträge für die Betreuung ihrer Kleinen zahlen wie vermögende. Von den rund 16 Milliarden Mark, die in Deutschland jährlich zur Betreuung der Kleinkinder aufgebracht werden, landet ein großer Teil dort, wo er eigentlich nicht hingehört.

Geradezu sozialstaatsfeindlich ist es, dass die Spaltung von Arm und Reich schon im Kleinkindalter gefördert wird. Denn im Gegensatz zu kommunalen und geimeinnützigen Einrichtungen werden private Kindergärten, Krippen und Horte nur ausnahmsweise subventioniert. Mit der Folge, dass sich diese teuren Einrichtungen nur Eltern mit hohen Einkommen leisten können.

In einem sozial schwächeren Stadtteil Berlins - etwa in Pankow - wären solche rein privat finanzierten Kindergärten, wie die "Rasselbande" von Sandra Kobs längst bankrott. Die 27-jährige Erzieherin kann den Betrieb allein deshalb aufrecht erhalten, weil sie Räume im wohlhabenden Wilmersdorf angemietet hat und den Eltern pro Monat 850 Mark - und damit weit mehr als den Höchstsatz der Elternbeiträge in kommunalen Einrichtungen in Berlin - abknöpft. "So schrecklich, wie das für uns ist", sagt Kobs, "wer sich den Beitrag nicht leisten kann, der muss draußen bleiben". Die anderen Eltern wissen dafür, dass Kobs und ihre drei Angestellten von morgens um sieben bis abends um 17 Uhr für ihre Kinder sorgen, mit ihnen turnen, Musik machen und sie mit Mittagessen versorgen. Beinahe 365 Tage im Jahr. Schließzeiten, sagt Kobs, "können wir uns nicht leisten". Geradezu paradiesische Bedingungen für Eltern, deren Arbeitgeber kaum Verständnis dafür aufbringen, wenn Mütter oder Väter im Frühling, Sommer, Herbst und Winter wochenlang organisatorische Klimmzüge machen müssen, um ihre Kinder während der regulären Schulferien gut versorgt zu wissen.

Es ginge auch anders: In einem Gutachten schlägt das DIW vor, das gegenwärtige System der "Objektfinanzierung" durch eine "Subjektfinanzierung" zu ersetzen. Eltern von kleinen Kindern sollen dann Gutscheine von den Kommunen erhalten, die sie beim Kindergarten oder Hort ihrer Wahl einlösen. Die Einrichtungen erhalten dann, je nach Anzahl der Gutscheine, Zuschüsse von den Kommunen. Den Rest der Finanzierung müssen die Eltern durch einkommensabhängige Zuschüsse zusteuern. Auf diesem Weg würden auch privat-gewerbliche Anbieter mehr Chancen bekommen. Statt immer mehr Geld in ein System zu drücken, das Effizienz der Mittelverwendung und Nachfrage der Eltern so gut wie gar nicht berücksichtigt, sagt DIW-Expertin Spieß, "brauchen wir den radikalen Systemwechsel". Sicher, um deutschlandweit eine vollkommen bedarfsgerechte Finanzierung sicher zu stellen, würden rund 50 Milliarden Mark zusätzlich benötigt. Das Geld allerdings in das bestehende System zu investieren, hält Spieß für "absurd".

Wettbewerb bei der Kinderbetreuung: Nicht nur Hamburg hat sich bereits dafür entschieden, das Gutscheinmodell ab 2003 einzuführen und eine "Kitacard" zu schaffen. Wie heilsam das Spiel von Angebot und Nachfrage wirken kann, spürt der paritätische Wohlfahrtsverband in Berlin schon seit zwei Jahren. Seitdem erhalten die Kindergärten des gemeinnützigen Trägers neben der Objektfinanzierung einen Teil ihres Geldes in Abhängigkeit von der Anzahl der Kinder, die sie betreuen. Und siehe da, auf einmal verschwinden lange Schließzeiten, verbessert sich bei den Einrichtungen des Verbandes das Angebot. Dessen Kindergarten-Referent Martin Hoyer: "Seit wir den Markt haben, bewegt sich was."

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