Familienunternehmen : Vom Gejagten zum Jäger

2008 wird für die deutsche Wirtschaft das Jahr der Familie. Ein Clan aus Franken und die Porsche-Piëch-Dynastie drehen in der Autoindustrie große Räder. Warum Familienunternehmen jetzt angreifen.

Henrik Mortsiefer

BerlinDer Versuch der Schaeffler-Gruppe, Conti für mehr als elf Milliarden Euro zu übernehmen, und die Mehrheitsübernahme von VW durch Porsche rütteln den wichtigsten Industriezweig auf.

Die Finanzkrise hat die Gewichte verschoben. „Im aktuellen Finanzmarktumfeld können Familienunternehmen ihre Stärken besser ausspielen“, sagt Norbert Winkeljohann, Vorstandsmitglied des Beratungsunternehmens Pricewaterhouse- Coopers. Von der Öffentlichkeit unterschätzt und ohne Schlagzeilen zu machen hätten große Familienunternehmen sehr gut verdient und verfügten heute über eine „herausragende Finanzkraft“. Die Beispiele Porsche/VW oder Schaeffler/Continental zeigten, „welche beeindruckende Größenordnung die Expansionsbemühungen erreichen können“.

Martin Kannegiesser, Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall und Unternehmer, bestätigt: „Gesunde Kontinuität erzeugt Dynamik“, sagte er dem Tagesspiegel am Sonntag. „Die börsennotierten Unternehmen stehen ständig unter Darstellungs- und Begründungsdruck und müssen womöglich häufiger den Kurs ändern.“

Bislang gaben börsennotierte Konzerne oder Finanzinvestoren („Heuschrecken“) den Ton an, wenn es um milliardenschwere Übernahmen ging. Solange die Aktien stiegen und börsennotierte Konzerne immer wertvoller wurden, schienen dem Expansionsdrang von Aktiengesellschaften, die von Managern geführt werden, keine Grenzen gesetzt. Familienkonzerne waren stattdessen auf die Gunst der Banken und das Vermögen ihrer Eigentümer angewiesen. Diese finanzielle Disziplin zahlt sich in Zeiten des knappen Geldes am Kapitalmarkt aus. „Familienunternehmen konzentrieren sich sehr stark auf ihre Möglichkeiten und Ressourcen“, sagt Martin Kannegiesser, Inhaber eines Unternehmens für industrielle Wäschereitechnik im westfälischen Vlotho. „Mal eben eine Milliarde in den Sand setzen, womöglich durch eine waghalsige Akquisition, das kann sich ein Familienunternehmen nicht leisten.“ Hier werde der Gewinn über Jahre in die Firma gesteckt – und häufig persönlich gehaftet. „Wenn ich pleitegehe, wären mehr als 90 Prozent meines Vermögens weg“, sagt Kannegiesser. Das erzeuge einen „Zwang, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren“.

Was im Börsenboom als Bedächtigkeit belächelt wurde, bringt heute Punkte. Eine in dieser Woche veröffentlichte Studie der Universität Witten/Herdecke kommt zu dem Ergebnis, dass erfolgreiche, von Eigentümern geführte Unternehmen inzwischen in der Öffentlichkeit als eine Marke für sich wahrgenommen werden: „Gerade bei Familienunternehmen ist es oft der Name der Familie selbst, der im Laufe der Jahre zu einer eigenen Marke wurde – Porsche, Otto und Oetker sind nur einige Beispiele.“ Mit diesen Namen würden Stabilität, Mitarbeiterorientierung und Standorttreue assoziiert, sagt Arist von Schlippe vom Institut für Familienunternehmen, das an der Uni angesiedelt ist. Verkehrte Welt: Die im Stillen gewachsenen Familien seien lange nur als Gejagte betrachtet worden. „An der Börse hieß es immer: Die können sich nicht mehr lange halten“, sagt von Schlippe. Das habe sich gewandelt. „Familienfirmen sind zu Jägern geworden.“

Deren Selbstbewusstsein dokumentiert eine Befragung von Pricewaterhouse-Coopers, die zeigt, dass viele Familien den Aufschwung der letzten Jahre genutzt haben und erfolgreich am Markt agieren. Die Unternehmer setzen auf ihre eigene Innovationskraft: Die technische Leistungsfähigkeit wurde von 42 Prozent der Befragten als entscheidende Stärke genannt. „Viele sind in Marktnischen gewachsen, weil sie schneller Innovationen umgesetzt haben. Heute sind sie in vielen Bereichen Technologieführer“, sagt Berater Winkeljohann.

Doch die Verteidigung dieser Spitzenposition kann gerade für Familienfirmen zum Problem werden. „Die Achillesferse ist die Nachfolgefrage“, weiß Kannegiesser. Soll die Firma über Generationen in der Familie bleiben und wird sie an Erben übergeben, denen es an Talent fehlt, hat das fatale Folgen. Der Gesamtmetall-Chef zitiert den Chef eines Dax-Konzerns: „Es gibt nichts Besseres als ein gut geführtes Familienunternehmen – und nichts Schlechteres als ein schlecht geführtes Familienunternehmen.“ Mitarbeit: Alfons Frese

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