Fangquoten in der EU : Fischen mit Verstand

Die Fangmengen in der EU werden künftig wissenschaftlich festgelegt. Und der Großteil des Beifangs muss an Bord bleiben.

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Danke für den Fisch. Knapp die Hälfte der Bestände im Atlantik – in dem diese Fischer vor Porto ihrer Arbeit nachgehen – gelten als bedroht, im Mittelmeer sind es sogar 80 Prozent. Mit neuen Regulierungen wollen EU-Parlament und -Kommission von 2015 an einen Erholungsprozess in Gang setzen.
Danke für den Fisch. Knapp die Hälfte der Bestände im Atlantik – in dem diese Fischer vor Porto ihrer Arbeit nachgehen – gelten...Foto: REUTERS

„Wir haben heute Nacht Geschichte geschrieben“, sagte die deutsche SPD-Europaabgeordnete Ulrike Rodust am Donnerstagmorgen in Brüssel. Nicht nur, dass erstmals überhaupt das Europaparlament bei einer Fischereireform gleichberechtigter Gesetzgeber ist. Das Ergebnis ist radikal, weil es, so Rodust, „Schluss macht mit der Überfischung“. Nach Angaben der EU-Kommission sind 47 Prozent der Fischbestände im Atlantik überfischt, im Mittelmeer sogar 80 Prozent. Das liegt zu einem ganz erheblichen Teil auch daran, dass die Fangquoten, die in nächtlichen Schacherrunden auf EU-Ebene zwischen den Mitgliedstaaten festgelegt wurden, viel höher lagen als die wissenschaftliche Empfehlung. Im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre waren es der Abgeordneten Rodust zufolge fast 50 Prozent. Auch der irische Ratspräsident Simon Coveney, der im Namen der Mitgliedstaaten jetzt die Einigung mit dem Parlament erzielte, sprach davon, dass die bisherige Fischereipolitik „teilweise gescheitert“ sei.

Nun sollen die Fischbestände in den europäischen Gewässern bis zum Jahr 2020 wieder ein Niveau erreichen, dass „in den Küstengemeinden auch die nächste Generation von Fischern genug fangen kann“, wie Coveney sagte. Damit sich die Bestände erholen können, wird die Fangmenge in den nächsten Jahren reduziert. Das neue Gesetz sieht dafür keine jährliche Quotenfestlegung, sondern Mehrjahrespläne für bestimmte Fanggebiete auf der Basis fachlicher Erkenntnisse vor. Bis 2015 müssen die Fischereiminister diese „nachhaltigen Quoten“ vorlegen. Auf Dauer wird einer Folgeabschätzung der EU-Kommission zufolge dann wieder mehr Fisch zur Verfügung stehen – 500 000 Tonnen zusätzlich, die Europas Fischern um 24 Prozent höhere Einkünfte bescheren könnten.

Zu den Neuerungen gehört auch, dass meeresbiologisch sensible Gebiete besser geschützt werden. Zentraler Bestandteil der Reform ist aber vor allem ein Rückwurfverbot. Bisher werden viele gefangene Fische, halb oder ganz tot, wieder über Bord gekippt, da die Fischer es auf andere Arten abgesehen haben oder für diese Art keine entsprechende Quote haben. „Besonders zerstörerisch ist die Seezungenfischerei“, schreibt etwa die Umweltschutzorganisation Greenpeace. „Pro Kilo Seezunge werden zehn Kilo Beifang mitgefischt.“ Der nun erzielten Einigung zufolge, die aller Voraussicht nach nur noch formal vom Plenum des Europaparlaments und dem Ministerrat abgesegnet werden muss, gibt es künftig ein „Anlandegebot“. In mehreren Schritten bis 2017, abhängig von der Fischart und dem Fanggebiet, wird künftig alles gezählt, was gefangen wird.

Eine Ausnahme allerdings gibt es, die indes auf Drängen des Europaparlaments in der Nacht noch eingedämmt wurde. So wollten die Mitgliedstaaten ursprünglich weiterhin neun Prozent der Fangmenge über Bord werfen dürfen. Die Abgeordneten setzten nun durch, dass es sieben Prozent und vom Jahr 2018 an nur noch fünf Prozent sind – und dies nur noch auf einen begründeten Antrag bei der EU-Kommission hin.

Entgegen deren ursprünglicher Idee wird es auch in Zukunft keine Möglichkeit geben, dass die Fischer mit ihren jeweiligen Quoten handeln. Dafür können wichtige Regelung wie die Maschengröße der Netze künftig stärker vor Ort entschieden werden. „Wir in Brüssel müssen kein Mikromanagement betreiben“, sagte EU-Fischereikommissarin Maria Damanaki, „nun gehen wir in Richtung Regionalisierung.“

Einschneidende Veränderungen wird die Fischereireform auch außerhalb der europäischen Gewässer bewirken. Denn sie enthält das Prinzip, dass in fremden Gewässern nur noch das gefischt werden darf, was die einheimische Bevölkerung vor Ort nicht braucht. „In Drittländern dürfen die Europäer nur noch Überschussbestände fischen“, sagte die Grünen-Abgeordnete Rebecca Harms, „das ist ein entscheidender Schritt gegen die Überfischung in Entwicklungsländern.“ Besonders vor der westafrikanischen Küste sind viele europäische Trawler unterwegs, die den Menschen dieser Staaten teils die Lebensgrundlage entziehen. „Wer unter europäischer Flagge fährt“, so die parlamentarische Verhandlungsführerin Rodust, „wird nicht mehr nach anderen Regeln fischen können“.

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