Wirtschaft : Faule Versprechen

Deutsche essen immer mehr Ökokost. Doch vom Anspruch, regional zu kaufen, ist nicht viel übrig. Sogar aus China wird Ware eingeflogen

Es ist ein langer Weg, den die Erdbeere zurücklegt, bis sie – in Südafrika gepflückt – im deutschen Bioladen landet. Einen riesigen Kontinent muss sie überwinden, Berge und Wüsten überfliegen. Mehr als 11 000 Kilometer wird sie am Ende hinter sich gebracht und vier Kilo Kerosin verbraucht haben – gerechnet auf das Kilo Frucht. Am Schluss der Reise wird sie trotzdem als Bioerdbeere verkauft werden, von einem Kunden, der das gute Gefühl haben wird, mit dem Aufschlag beim Preis auch etwas Gutes für die Umwelt zu tun. Aber wie ökologisch einwandfrei ist Bioware, die aus immer ferneren Ländern nach Deutschland geschafft wird?

„Die Biobewegung ist mit dem Ziel angetreten, Kreisläufe zu schließen“, sagt Martin Demmeler, Agrarwissenschaftler an der TU München. „Das funktioniert eigentlich nur auf regionaler Ebene.“ Wenn aber immer mehr Produkte aus Neuseeland, Argentinien oder China importiert würden, „stellt das den ganzen Biogedanken in Frage“, sagt Demmeler. „Lärmbelastungskosten, CO2-Kosten, Feinstaubbelastung werden bislang kaum berücksichtigt“, kritisiert der TU-Wissenschaftler im Vorfeld der Agrarmesse Grüne Woche, die kommende Woche in Berlin beginnt.

Fakt ist: In Deutschland kaufen immer mehr Menschen Biomöhren und Ökofleisch. Die Branche boomt, auch, weil immer mehr Discounter Bioware verkaufen, der Branchenumsatz ist im vergangenen Jahr um 15 Prozent auf mehr als fünf Milliarden Euro gestiegen. Zweistellige Wachstumsraten werden auch für dieses Jahr erwartet.

Doch der Erfolg droht der Biobranche zum Verhängnis zu werden. Sie ist dabei, ihre Glaubwürdigkeit zu verspielen. Schon jetzt sind die deutschen Biobauern mit der sprunghaft gestiegenen Nachfrage überfordert. Sie produzieren nicht genug, um den deutschen Markt zu versorgen. Und das wird sich auch nicht so schnell ändern: Nur wenige konventionelle Landwirte stellen ihre Produktion auf Öko um, weil das bis zu drei Jahre dauert, sie viel investieren müssen und es derzeit zudem lukrativer ist, Energiepflanzen für die Biospritproduktion anzubauen. Eine Prämie für die Umstellung auf Ökoanbau wird erst seit dem vergangenen Jahr wieder gezahlt.

Die Folge: „Einen wachsenden Teil der Nachfrage nach Biolebensmitteln müssen wir aus dem Ausland decken“, sagt Michael Radau, Mitinhaber der Superbiomarkt AG und Vorstand im Verband der Biosupermärkte. Begünstigt werde der Trend auch dadurch, dass der ökologisch bewusste Kunde selbstverständlich erwartete, dass alle Produkte rund ums Jahr verfügbar sind. Da Bioäpfel aus deutscher Produktion aber spätestens im Frühjahr zur Neige gingen, sagt Radau, müsse er danach eben zu 100 Prozent Ware aus Neuseeland einführen. Wie groß der Anteil der Importware aus Argentinien, Südafrika oder Israel ist, wird von keiner Statistik erfasst. Nach Angaben der Zentralen Markt- und Preisberichtstelle der Landwirtschaft (ZMP), die sich auf Konsumentenbefragungen stützt, liegt der Anteil bei Biogemüse im Schnitt schon jetzt bei mehr als 50 Prozent, bei Obst sind es sogar 70 Prozent.

Weil die Nachfrage steigt, haben auch Einzelhandelsketten und Discounter ein Interesse daran, immer mehr Biolebensmittel zu verkaufen. Da die Ware knapper wird, spielt die Herkunft eine untergeordnete Rolle, zumal Transportkosten kaum ins Gewicht fallen. „Die Nachfrage ist so groß, dass viele Handelsketten große Schwierigkeiten haben, überhaupt genügend Ware heranzuschaffen“, sagt Ulrich Hamm, Agrarwissenschaftler von der Uni Kassel.

Die zunehmende Zahl von Ökolebensmitteln, die unter dem EU-Biosiegel verkauft werden, genügt zwar den Mindeststandards der EU-Ökoverordnung; diese liegen aber bei den Anforderungen an die Verarbeitung und Qualität schon jetzt weit hinter den Anforderungen der Ökoverbände zurück (siehe Kasten). Ab 2009 werden die Kriterien weiter aufgeweicht. Dann darf selbst Bioware einen Anteil gentechnisch hergestellter Bestandteile enthalten.

Während deutsche Ökobauernverbände den Staat auffordern, gegenzusteuern und mit einer höheren Flächenprämie stärkere Anreize für die Umstellung zu schaffen, sieht der Bauernverband den Handel in der Pflicht. „Wir versuchen, den Handel zu zwingen, mit den Ökolandwirten langfristige Abnahme- und Lieferverträge zu schließen“, sagt Verbandssprecher Michael Lohse. Bislang ist das noch die Ausnahme. Tengelmann (Kaiser’s, Mema) baut in Brandenburg gerade die neue Regionalmarke „Von hier“ auf – mit Bauern aus der Umgebung. Es ist der Anfang einer Gegenbewegung. „Wir wollen uns damit bewusst von den Discountern absetzen“, sagt Tengelmann-Manager Tobias Tuchlenski.

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