Wirtschaft : Fehler im System

Thomas Fischer, Ex-Chef der WestLB, trägt größere Schuld an den Problemen der Bank als gedacht

Jürgen Zurheide

Düsseldorf - Es war eine seiner ersten Amtshandlungen. Sofort nachdem Alexander Stuhlmann Ende Juli den Chefsessel bei der angeschlagenen WestLB in Düsseldorf übernommen hatte, beendete er den Vertrag mit einem der wichtigsten Berater seines Vorgängers. Der geschasste Bankchef Thomas Fischer hatte sich für 40 000 Euro pro Monat von Norbert Essing helfen lassen, um sich persönlich öffentlich besser darzustellen. Wie Stuhlmann feststellte, war Essing neben der Pressestelle für Fischer zuständig, wurde aber aus Töpfen der Bank bezahlt. Für Stuhlmann waren damit die Prioritäten falsch gesetzt: Während die Aktienhändler dreistellige Millionenbeträge verzockt hatten, war der Ex-Chef damit beschäftigt, sich selbst zu verkaufen.

Dies war nicht die einzige Schwachstelle im System. Wie aus den dieser Zeitung vorliegenden Berichten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG hervorgeht, gab es Probleme beim Controlling. Als Stuhlmann sein Amt antrat, war das Ausmaß der Fehlspekulationen noch nicht bekannt; damals hofften viele, der Schaden würde bei einem niedrigen dreistelligen Millionenbetrag liegen. Nun ist klar, dass die Bank allein deshalb in diesem Jahr mehr als 600 Millionen Euro an Verlusten zu verkraften hat. Aus den KPMG-Papieren geht zudem hervor, dass Fischer erhebliche Schuld trifft. Damit hat der ehemalige Chef mit zwei gravierenden Vorwürfen zu kämpfen, denn unmittelbar vor seinem Rauswurf Ende Juli war es hauptsächlich um die Frage gegangen, ob Fischer die Gremien falsch informiert hat. Die KPMG-Gutachter waren zum Schluss gekommen, der Bankchef habe unzureichende Informationen über die im Eigenhandel schlummernden Risiken dem Aufsichtsrat gegenüber verheimlicht und Protokolle bereinigt – was Fischer bestreitet. Außerdem ergibt sich aus dem KPMG-Papier der Vorwurf der Untreue, den die Justiz derzeit prüft.

Diese Fragen sind aus zwei Gründen hoch aktuell. Erstens muss Fischer fürchten, dass die Finanzaufsicht Bafin ihn für das Desaster verantwortlich macht. Zweitens erhält Fischer seit August kein Gehalt mehr von der West LB. Er pocht aber darauf, dass sein Vertrag eingehalten wird. Fischer fordert sogar deutlich mehr als die fünf Millionen Gehalt, die ihm bis zum Ende der Vertragslaufzeit zustehen würden, die Bank will, wenn überhaupt, viel weniger zahlen.

Um all dies wird hinter den Kulissen gerungen, derweil bleibt die Zukunft der Bank ungewiss. Während die Sparkassen immer eine Zusammenarbeit mit der baden-württembergischen Landesbank LBBW als den besten Weg angesehen haben, stellt sich NRW mit seinem 38-Prozent-Anteil quer. Weil die Bank derweil die hohen Verluste verkraften muss, steht Ministerpräsident Jürgen Rüttgers unter Druck. „Die Bank verliert täglich an Wert“, urteilt ein Berliner Koalitionär. Rüttgers hat deshalb umgesattelt: Die WestLB könne alleine weitermachen. Dafür braucht man aber frisches Eigenkapital; die Gutachter veranschlagen zwischen 500 Millionen und zwei Milliarden Euro. Dass die Sparkassen zahlen, ist ausgeschlossen, NRW hat auch kein Geld. Rüttgers wollte – im Gegenteil – durch den WestLB-Verkauf einen Investitionsfonds für das Land alimentieren. Das alles ist in so weite Ferne gerückt, dass ein anderer Koalitionär ein hartes Urteil fällt: „Die haben sich völlig vertaktiert.“ Jürgen Zurheide

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