Fehlerhafte Statistik : Bundesamt vergisst jahrelang Millionen von Minijobs mitzurechnen

Brisanter Rechenfehler: Das Statistische Bundesamt hat zugegeben über Jahre gut zwei Millionen Minijobs nicht mit in ihre Statistik einbezogen zu haben. Ein Arbeitsmarktforscher hält die Aufspaltung von Vollzeitjobs in mehrere Minijobs durchaus für denkbar - so sparen die Unternehmen Steuern und Sozialabgaben.

Ursula Weidenfeld

BerlinDas Statistische Bundesamt hat sich bei der Zahl der Minijobs in den vergangenen Jahren regelmäßig um zwei Millionen verrechnet. Das sagte der Referatsleiter Arbeitsmarkt der Wiesbadener Behörde, Thomas Körner, dem Tagesspiegel. Im Gegensatz zur Minijob-Zentrale in Cottbus, die zur Zeit 6,2 Millionen Minijobs zählt, meldete das Statistische Bundesamt regelmäßig zwischen 1,5 und zwei Millionen weniger Jobs. Auch bei Teilzeitjobs ist die Statistik fehlerhaft.

Die Differenz ist brisant, weil in der Arbeitsmarktpolitik eine Auseinandersetzung darüber geführt wird, ob und wie sehr die weitgehend steuerfreien Minijobs der Vollzeitbeschäftigung gering Qualifizierter schaden. So schlägt der Wirtschaftsweise Peter Bofinger vor, die Minijobs ganz abzuschaffen und einen generell steuerlich geförderten Arbeitsmarkt für Geringverdiener einzuführen. Der Sachverständigenrat würde ebenfalls gern auf die Minijobs verzichten.

Unterschiedliche Zahlen bei Arbeitagentur und Minijob-Zentrale

Die Gewerkschaften beklagen, dass Minijobs reguläre Stellen verdrängen. Entscheidend in dieser Debatte ist, wie viele Minijobs es überhaupt gibt. Die Minijob-Zentrale gibt Unschärfen zu. "Wir werten zeitnah die Daten aus, die uns von den Arbeitgebern gemeldet werden", sagt Sprecherin Claudia Müller. "Zu diesem frühen Zeitpunkt sind dies die richtigen Zahlen." Allerdings gebe es auch eine Differenz zwischen den Zahlen der Minijob-Zentrale und denen der Bundesagentur für Arbeit, die sich aus unterschiedlichen Stichtagen erkläre.

Das Statistische Bundesamt räumt ein, dass die Daten falsch sind. "Wir haben das Problem erkannt, dass wir im Mikrozensus etwa eineinhalb Millionen Minijobs zu wenig erfassen. Deshalb veröffentlichen wir die Zahlen im Moment nicht und arbeiten weiter an einer verbesserten Erfassung, sagte Referatsleiter Körner. Die Verzerrung ergebe sich vermutlich daraus, dass die im Rahmen des Mikrozensus von den statistischen Ämtern Befragten nicht immer korrekt antworteten. Das liege zum Teil daran, dass beispielsweise ein Rentner, der auch einen Minijob habe, in der Befragung vermutlich antworte, dass er nur Rentner sei. Doch auch die Möglichkeit, dass die Befragten Missbrauch verschwiegen, "können wir nicht vollständig ausschließen", sagte Körner.

Einsparung von Steuern und Sozialabgaben

Diesen Aspekt gewichtet Karl Brenke, Arbeitsmarktforscher beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, deutlich stärker. "Eine Differenz von zwei Millionen Jobs – das kann nicht nur ein statistischer Fehler sein." Schon die Tatsache, dass die Unterschiede bei der Zahl der Minijobs vor allem bei Älteren und bei unter 18-Jährigen entstehen, deute darauf hin, dass auch Scheinarbeitsverhältnisse im Spiel sein könnten. Brenke hält es für denkbar, dass ein früher voll steuer- und sozialabgabenpflichtiger Vollzeitbeschäftigter weiter in einem Unternehmen arbeite, sein Arbeitsverhältnis aber in zwei oder drei Minijobs aufgespalten werde. Um Steuern und Sozialabgaben zu sparen, würden für den zweiten oder dritten Minijob Jugendliche oder Alte angemeldet, deren Einkommen die steuerlichen Freigrenzen nicht überschreitet, vermutet Brenke.

Entgegen der rückläufigen Arbeitslosenstatistik beklagt der Deutsche Landkreistag eine stetig wachsende Zahl von Hartz-IV-Empfängern. Demnach stieg die Zahl der Hilfeempfänger im April dieses Jahres auf rund 7,4 Millionen. Die Zahl der Arbeitslosen ist im Juli jahreszeitlich bedingt leicht um 28 000 auf 3,72 Millionen gestiegen.

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