Wirtschaft : Feindliche Übernahme: Die Messe Berlin will Köln die Hausgeräte-Messe abnehmen

Alfons Frese

Die Schrittfolge auch: Übertragung der Immobilie vom Land auf die Messe Berlin GmbH, dann einen privaten Investor als Anteilseigner gewinnen, der das für die Expansion erforderliche Kapital mitbringt. Und schließlich, spätestens 2004, der Börsengang. So sieht der Fahrplan aus für Christian Göke, seit April als Geschäftsführer für das operative Messegeschäft in Berlin zuständig. Die Partnerschaft mit der Reed Exhibition Companies, der weltweit größten Messegesellschaft, sei "ein entscheidender Schritt nach vorn", sagt Göke. Zusammen mit Reed will die Messe Berlin in den kommenden Jahren mindestens fünf neue Veranstaltungen in Berlin platzieren. Doch im Schnitt braucht eine neue Messe drei Jahre, bis sie kostendeckend läuft. "Für das Wachstum brauchen wir Geld, aber es gibt keine Alternative, ohne Wachstum geht man in diesem Geschäft unter", sagt Göke. Die Übertragung der Grundstücke und Gebäude vom Land auf die Messegesellschaft würde den finanziellen Handlungsspielraum erweitern, da die Kapitalbeschaffung erleichtert würde. "Die Eigentumsfrage ist im übrigen eine Grundvoraussetzung für einen privaten Investor", sagt Göke. Interessenten gibt es offenbar reichlich, Göke zufolge "Banken, Beteiligungsgesellschaften und Medienunternehmen."

Der 35-jährige Göke, ehemals Unternehmensberater und zuletzt für die Frankfurter Messe tätig, hat große Pläne mit der bislang eher behäbigen Messe Berlin. "Wir sind nicht in einem Kommunikationsmarkt tätig." Und von diesem Markt, der in Deutschland ein Volumen von knapp 100 Milliarden Mark hat, will Göke ein größeres Stück für die Messe. Das Kalkül: Nur 15 Milliarden entfallen bislang auf das Messegeschäft, aber 45 Milliarden "verpuffen" laut Göke in Werbeausgaben. Gegenüber den Mitspielern auf dem Kommunikationsmarkt - Fernsehen und Rundfunk, Printmedien und Internet - sieht er die Messen im Vorteil, weil sie den "direkten Kontakt" zwischen Anbietern und Kunden ermöglichen. "Wir haben Zugang zu den Leuten, einen Markennamen und als Veranstalter von Publikumsmessen Endverbraucher-Know-how", beschreibt Göke die eigenen Stärken.

Als "Cash Cows" der Messe nennt der Geschäftsführer Funkaustellung, Grüne Woche, Bautech und ITB; ferner gebe es "zwei bis drei gute Messen", namentlich Innotrans und Fruit Logistica. Alle anderen Veranstaltungen "stehen in diesem Jahr auf dem Prüfstand". Und was kommt an neuen Messen unter den Funkturm? Göke hat "den ersten großen Tanker" vor Augen, "eine internationale Leitmesse" für Weiße Ware, also Haushaltsgeräte, soll in zwei Jahren erstmals in Berlin stattfinden. Bislang stellt die Branche Kühlschränke und Herde auf der Domotechnica in Köln aus, zuletzt immerhin auf gut 200 000 Quadratmetern. Sozusagen per feindlicher Übernahme will Göke die lukrative Großveranstaltung (Überschuss: 15 Millionen Mark) nach Berlin holen. Anfang Oktober wollen die Gerätehersteller entscheiden, ob aus der Kölner Domotechnica eine Berliner Hometech wird. Die Chancen stehen nicht schlecht, denn die Domotechnica ist angeschlagen: Auf der nächste Messe im März 2001 nehmen die Branchenführer Electrolux (AEG, Zanussi) Whirlpool (Bauknecht, Ignis) und Bosch Siemens Hausgeräte nicht teil. Begründung: Hohe Kosten in Köln, insbesondere die Hotelpreise, sowie die bisherige Konzeption als reine Fachmesse. "Die Branche braucht eine Veranstaltung, die Erfahrung mit Verbrauchermessen hat", sagt Göke und meint die Messe Berlin. "Wir sind sehr zuversichtlich."

In Köln ist man etwas kleinlauter. "Der Wettbewerb ist härter geworden", sagt Mario Bernhards, Sprecher der KölnMesse. Die kommende Domotechnica werde "eventmäßiger" und sich erstmals auch für die Endverbraucher öffnen, unter anderem mit einer "Erlebniswelt Küche". Ferner habe man eine Köln Messe Service GmbH gegründet, die über eine Bündelung der Nachfrage die Hotelpreise senken soll. Dieser Kostenfaktor ist nicht zu unterschätzen, denn Großkonzerne wie Electrolux wenden für die Domotechnica bis zu 20 Millionen Mark auf, ein Großteil davon sind Übernachtungskosten.

Der Kölner Bernhards sieht sehr wohl, dass Berlin mit der "Ausrichtung auf den Endverbraucher" die besseren Karten hat. Ferner sehe das Konzept der Berliner vor, Messe als "Wanderausstellung" in Zusammenarbeit mit Miller Freeman zu platzieren: Ein Jahr in Berlin, das nächste Jahr in Paris oder London. Der Messeveranstalter Miller Freeman ist bereits bei der Pariser Hausgerätemesse Comfortech involviert. Und Miller Freeman wurde unlängst von Reed übernommen. Reed wiederum ist Partner der Messe Berlin. Somit spricht alles dafür, dass Göke seinen "ersten Tanker" 2002 vom Stapel lassen kann.

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