Wirtschaft : Feldküche

Andrea Dernbach

Da erzählt einer von seinem Weg in den Krieg, 1938, als er noch nicht einmal siebzehn Jahre alt war. Er erzählt von den Tränen seiner Mutter am Bahnhof, den Empfehlungsschreiben für die Armee, dem ersten Abendessen bei den Gebirgsjägern – Nudeln und Salat – und vom ersten Toten, einem Kameraden, der am 7. Januar 1939 in eine Lawine gerät.

Eine Genauigkeit in teils banalen Details und Daten, über deren dramaturgischen Zweck man rätselt, bis man versteht: Es gibt diesen Zweck gar nicht. Mario Rigoni Stern erzählt diese Details in seinen Erinnerungen „Geblendet und betrogen“ einzig und allein aus dem schlichten Grunde, weil er sie noch weiß. Nicht Raffinesse macht den Wert seiner Erzählung aus, sondern dass sie die Geschichte hunderttausender Männer ist, hunderttausendfach erzählt – oder verschwiegen. Es ist die Geschichte des Zweiten Weltkriegs in den Berichten derer, die ihn als blutjunge Soldaten überlebten und die er für den Rest ihres Lebens zeichnete. Jetzt, fast siebzig Jahre danach, muss sie aufgeschrieben werden, denn bald wird sie keiner mehr weitergeben können.

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Mario Rigoni Stern, 1921 in einem Hochtal am Südrand der Dolomiten geboren, wo er bis heute lebt, war auf dem Balkan, in Russland zur Zeit der Schlacht um Stalingrad und in deutscher Gefangenschaft. Sein Buch legt Zeugnis ab von der Brutalität dieses Krieges und beantwortet wie nebenbei die Urfragen der Kinder dieser Väter: Wusstet ihr, wem ihr gedient habt? Hättet ihr nicht Widerstand leisten können? Ja, sagt Stern, und er braucht nur wenige Sätze, um zu überzeugen. Überhaupt, die Kinder der Soldaten: Diesem Buch wünscht man vor allem sie als Leser. Sie werden es ganz rasch zweimal verschenken wollen. An ihre eigenen Kinder, denen das alles fern ist wie der Mond. Und an die alten Väter, denen sie sagen werden: Da, lies diese Geschichte. Und dann erzähl mir endlich deine, bevor es zu spät ist.

Mario Rigoni Stern: Geblendet und betrogen. Eine italienische Jugend. Aus dem Italienischen von Verena von Koskull. Berenberg Verlag, Berlin. 124 Seiten, 19 €.

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