Wirtschaft : Feldversuch mit Arbeitslosen

Die Bundesregierung will mehr Deutsche und weniger ausländische Saisonkräfte bei der Ernte einsetzen

Cordula Eubel,Dagmar Rosenfeld

Berlin – Die Bundesregierung will in den kommenden beiden Jahren mehr Arbeitslose bei der Erntehilfe einsetzen. Mindestens zehn Prozent der Saisonarbeitskräfte aus dem Ausland sollen künftig durch Deutsche ersetzt werden. Das Kabinett stimmte am Dienstag einer entsprechenden Vorlage von Bundesarbeitsminister Franz Müntefering (SPD) zu. „Seit Jahren steigen die Arbeitslosenzahlen. Da müssen wir in der Lage sein, Jobs in Deutschland auch mit Deutschen zu besetzen“, sagte der Parlamentarische Staatssekretär im Arbeitsministerium, Gerd Andres, dem Tagesspiegel.

Viele Erntehelfer kommen aus Osteuropa, ein Großteil davon aus Polen. Rund 330 000 ausländische Saisonarbeiter waren in diesem Jahr im Einsatz. Bisherige Versuche, deutsche Arbeitslose für die Saisonarbeit zu gewinnen, waren nicht immer erfolgreich: Viele Bauern klagten über unmotivierte deutsche Langzeitarbeitslose, die von der Arbeitsagentur geschickt wurden. Sie engagierten lieber Osteuropäer, die häufig für die Dauer der Erntezeit auf dem Hof wohnen und sehr flexibel einsetzbar sind. Der Bauernverband kritisierte die Pläne der Bundesregierung. Die Bauern fürchten, dass sie ihre Felder nicht rechtzeitig abgeernet bekommen, wenn sie keine deutschen Arbeitslosen finden, die für rund fünf Euro pro Stunde die harte Feldarbeit machen.

Die Bundesregierung will mindestens 32 000 Arbeitslosengeld-II-Empfänger im nächsten Frühjahr motivieren, in der Ernte tätig zu werden. „Wenn der polnische Universitätsprofessor in der Lage ist, Spargel zu stechen, dann kann das auch ein normalbegabter deutscher Arbeitnehmer“, sagt Staatssekretär Andres. Für die Beschäftigung von Ausländern soll es mehr Einschränkungen geben: Danach darf jeder Betrieb bis zu 80 Prozent der in 2005 zugelassenen Arbeitskräfte aus Mittel- und Osteuropa beschäftigen. Wenn die Arbeitsagenturen bescheinigen, dass für die Tätigkeiten keine einheimischen Arbeitslosen vermittelt werden können, dürfen die Unternehmen auch mehr Saisonkräfte aus dem Ausland beschäftigen – höchstens aber 90 Prozent der in 2005 zugelassenen Zahl.

„Diese Vorgabe bringt natürlich Druck in die Vermittlung“, sagte ein Sprecher der Bundesagentur für Arbeit (BA). Den will die Behörde allerdings nicht an die Arbeitslosen weitergeben. „Wichtig ist nicht nur, dass die Leute körperlich leistungsfähig sind, sondern dass sie auch leistungswillig sind“, erklärte der BA-Sprecher. Arbeitslose durch die Androhung von Leistungskürzungen zu diesem Job zu zwingen, sei kontraproduktiv. „Die Landwirte sind auf zuverlässige Arbeitskräfte angewiesen“, sagte der BA-Sprecher.

Die Vermittlung von Erntekräften wird Sache der einzelnen Arbeitsagenturen und Arbeitsgemeinschaften vor Ort sein. Aus Nürnberg erhalten sie dazu eine so genannte Arbeitshilfe – das ist eine Art Leitfaden über die Arbeit auf dem Feld und die Voraussetzungen, die ein Bewerber erfüllen muss.

Die Agenturen und Arbeitsgemeinschaften in der Region können angehende Erntehelfer mit Trainingsmaßnahmen und Förderinstrumenten unterstützen. Zum einen erlernen Bewerber in einer Schulung die Grundfertigkeiten des Obst- und Gemüseanbaus, zum anderen können sie Lohnzuschüsse oder Mobilitätshilfen, also Fahrgeld, erhalten. Die Region Wittenberg in Sachsen-Anhalt habe mit diesem Modell bereits gute Erfahrungen gemacht. Hier sind im Frühjahr dieses Jahres 700 einheimische Erntehelfer vermittelt und nur 100 aus Polen eingesetzt worden. „Das hat vor allem funktioniert, weil hier enge Absprachen mit Arbeitgebern und Bewerbern stattgefunden haben“, sagte der BA-Sprecher. Staatssekretär Andres verweist außerdem auf Thüringen. Dort kämen über 50 Prozent der Erntekräfte aus Deutschland.

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