Wirtschaft : Ferien im Irak

Der Tourismuschef des Landes wünscht sich Scharen von Touristen – aber bitte nicht jetzt

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Von Yochi J. Dreazen Als er in den 60er Jahren in einem Stockholmer Reisebüro arbeitete, träumte Ahmad alJobori davon, Touristen aus dem Westen in sein Heimatland Irak zu bringen. Er verbrachte viele ruhige Stunden damit, sich Werbekampagnen auszudenken, in deren Mittelpunkt die große Geschichte seines Landes und dessen reiche Natur standen. Mit Freunden und Kollegen spielte er Slogans durch wie „Willkommen dort, wo alles begann“ – wegen der zentralen Rolle des Irak für die Geschichte des Christentums, des Judentums und des Islam.

Jetzt, Jahrzehnte später, hat Jobori ein schwer bewachtes Büro in einem heruntergekommenen Regierungskomplex, eine Menge bewaffneter Wächter und einen harten Job im neuen Irak: Er ist Leiter des staatlichen Tourismusbüros. Aber er denkt sich nicht länger Strategien aus, um Touristen anzulocken, sondern sie fern zu halten. „Ich habe volles Verständnis für den Wunsch nach Abenteuer, aber bei einer Reise in den Irak könnte man sich vielleicht die Rückfahrkarte sparen“, sagt er kopfschüttelnd. „Das hier ist kein Ort für Touristen.“

Das Land wird heimgesucht von blutigen Guerillakriegen, Entführungen und Morden. Trotzdem planen einige Abenteuerlustige Irakreisen – die erste Welle westlicher Touristen in fast 35 Jahren.

Phil Lalani, ein Hotelbesitzer aus dem englischen Blackpool, hofft, einer der Pioniere zu sein. Er und seine Freundin Katrina Copsey sind unter den zehn Touristen, die eine Reise durch das Land gebucht haben. Sie wird von Don Lucey geleitet, der im vergangenen Jahr im Irak für eine britische Telekommunikationsfirma gearbeitet hat. Das ist nicht billig: Die achttägige Reise soll 2200 US-Dollar (1785 Euro) pro Person kosten und weitere 1000 Dollar für die gesetzlich vorgeschriebene Versicherung.

„Ich wünschte, ich wäre in Berlin gewesen, als die Mauer fiel, und in Hongkong, als die Briten Abschied nahmen“, sagt der 38-jährige Lalani. „Jetzt habe ich die Chance, etwas bahnbrechendes zu tun.“ Aus Sicherheitsgründen wird Lucey seiner Reisegruppe erst bei Ankunft im Irak die genaue Route mitteilen, und dann auch jeweils nur für einen Tag. Er sagt, die Gruppe werde keine westliche Kleidung tragen, diskret in unauffälligen Fahrzeugen reisen und immer durch bewaffnete Wächter beschützt werden. „Die Leute denken, wir würden mit der Kamera um den Hals herumlaufen und Fotos schießen, aber dies wird eine verdeckte Operation“, sagt Lucey. „Man kann nicht die Augen davor verschließen, dass der Irak ein sehr gefährlicher Ort ist, aber ich will unbedingt Touristen hierher bringen.“

Nicht, wenn es nach Jobori ginge. Er steht auf der Gehaltsliste der von den USA ernannten irakischen Interimsregierung und er tut alles, damit die Touristen keinen Fuß in das Land setzen. „Derzeit rate ich unseren Freunden in der Welt, Geduld zu haben, bis der Terrorismus aufhört“, sagt er. Er schmiedet lieber Pläne für die Zukunft. Im Rahmen seines auf zehn Jahre ausgelegten Projekts renoviert er Hotels, historische Stätten und Freizeiteinrichtungen, damit diese fertig sind, wenn sich die Lage verbessert hat. Jobori glaubt, dass auch viele Touristen in das Land kommen werden, um die Paläste und Gefängnisse des früheren irakischen Diktators Saddam Hussein zu besichtigen. Der Tourismus, meint er, könne einmal das Öl als größte Industrie des Landes ablösen.

Aber seine Träume kollidieren mit der blutigen Realität im Irak. In diesem Sommer hatte er eine Broschüre über Touristenattraktionen im Irak zusammengestellt. Doch immer wieder wurden historische Stätten und Hotelanlagen durch Anschläge und Gefechte zerstört. „Es war unglaublich. Jeden Tag verfolgte ich die Nachrichten und musste wieder einen Ort in unserer Broschüre streichen“, sagt er. Im August hat sein Büro das bislang größte Projekt beendet, die 14 Millionen Dollar teure Renovierung des Nineveh Hotels im Norden Mosuls, das schwer beschädigt wurde, als es als US- Militärbasis diente. Aus Angst vor Anschlägen gab Jobori aber die Fertigstellung noch nicht öffentlich bekannt.

Trotz aller Warnungen Joboris, das Land zu meiden, bleibt Lucey dabei: Er nehme Reservierungen für eine Reise im Januar entgegen und hoffe, ein- oder zweimal im Monat Touristen in den Irak bringen zu können. „Wir werden die ersten Touristen im Irak sein. Aber mit Sicherheit nicht die letzten.“

Die Artikel wurden übersetzt und gekürzt von Karen Wientgen (China), Svenja Weidenfeld (Irak), Matthias Petermann (Türkei), Tina Specht (Boeing) und Christian Frobenius (Niederlande).

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