Wirtschaft : Fest im Griff der Krake

NAME

Von Dieter Fockenbrock

Dieter Attig lässt sich nicht beeindrucken. „Die Ruhrgas greift uns mit ihrer geballten wirtschaftlichen Macht an“. Der Konzern versuche, mit Dumpingpreisen den kleinen Stadtwerken in Aachen die Kunden abzujagen. Attig ist Vorstandschef dieser Stadtwerke, kurz Stawag genannt, und er weiß auch, warum die Ruhrgas so aggressiv auf „seinem“ Terrain wildert. Die Stawag hat gemeinsam mit anderen kommunalen Versorgern eine eigene Einkaufsfirma für Strom und Gas gegründet. Damit machte er sich unabhängig von den Energieriesen - aber auch unbeliebt.

Attigs Stadtwerke haben einen großen Vorteil. Sie agieren im so genannten Dreiländereck Deutschland, Belgien und Niederlande. Und da bietet es sich geradezu an, Strom- und Gasleitungen kurzerhand selbst über die Grenzen zu legen und sich aus dem Ausland mit preiswerter Energie zu versorgen. Das gefällt den heimischen Energieriesen natürlich gar nicht. Attig meint sogar, dass Ruhrgas eine regelrechte „Abstrafaktion“ gestartet hat. Den Kunden der Stawag, so klagt er, böten die Essener Erdgas zu Preisen, die sie nicht einmal ihm als Zwischenlieferanten einräumten.

Und jetzt soll die Ruhrgas auch noch unter das Dach des ohnehin schon gigantischen Stromriesen Eon aus Düsseldorf schlüpfen. Vor diese Ballung von Marktmacht graut Attig. Die Stadtwerke „sind die Hauptleidtragenden einer Fusion von Eon und Ruhrgas.“ Steigende Preise, ist er sicher, werden die Folge dieser Konzentration auf dem Energiemarkt sein. Nicht nur der Chef der Aachener Stadtwerke und seine Kollegen sind daher erbitterte Gegner des Plans. Auch Konkurrenten wie RWE oder EnBW, Wettbewerbsexperten und Verbraucherschützer wettern seit Monaten gegen die umstrittenste Fusion in der deutschen Energiebranche.

Das Kartellamt untersagte im Januar die geplante Übernahme der Ruhrgas durch Eon. Das Urteil der unabhängigen Monopolkommission im Mai ließ ebenfalls an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Selbst unter Auflagen, sagt der Chef der Kommission, Professor Martin Hellwig, kommt eine Genehmigung nicht in Betracht. Gegen eine Erlaubnis sprächen „schwer wiegende Wettbewerbsbeeinträchtigungen“.

Eon-Chef Ulrich Hartmann lässt sich aber nicht unterkriegen. Jetzt soll der Bundeswirtschaftsminister eine Ministererlaubnis erteilen. Das Ergebnis wird in dieser Woche bekannt gegeben. In der Branche bestehen keine Zweifel, dass Hartmann das O.K. des Ministeriums für seinen Zehn-Milliarden-Euro schweren Deal bekommt. Der „Spiegel“ berichtete am Wochenende, dass Hartmann und der im Bundeswirtschaftsministerium mit dem Vorgang befasste Staatssekretär Alfred Tacke am Mittwoch zu einem Spitzentreffen zusammenkommen werden. Eon habe zugesagt, für Ruhrgas in den kommenden Jahren etliche Milliarden in die Erforschung und Erschließung neuer Gasfelder zu investieren. Zudem sollen Ruhrgas-Konkurrenten leichteren Zugang zum Netz des Gasversorgers bekommen. Mit diesen Zugeständnissen, schreibt das Magazin, sollen noch offene Fragen in Sachen Ministererlaubnis ausgeräumt werden.

In Berlin wird eine politische Entscheidung gefällt. Die Frage ist: Gibt es Gründe des Gemeinwohls, die für diese Fusion sprechen? Und: Kann dem Plan unter Abwägung der Wettbewerbsnachteile trotzdem zugestimmt werden? Soviel ist klar: Eon und Ruhrgas werden Federn lassen müssen. Die große Vision, von der Gasförderung bis zum Endkunden (vertikale Integration genannt) einen starken Versorgungskonzern zu schmieden, wird nicht ganz in Erfüllung gehen. Eine Fusion wird in Berlin nur abgesegnet, wenn Eon und Ruhrgas wichtige Töchter abgeben, um ihre wachsende Marktmacht im Inland wenigstens zu mildern.

Das interessanteste Verkaufsobjekt ist zweifellos die Eon-Tochter Thüga. Seit Wochen laufen sich die Wettbewerber warm. Denn mit dieser Beteiligungsgesellschaft können sie 120 Stadtwerke kontrollieren. Fünf Millionen Erdgaskunden locken. Kandidaten sind Energie Baden-Württemberg (EnBW), vielleicht sogar Vattenfall, die gerade in Berlin mit der Bewag und HEW einen neuen Stromkonzern bauen. Vorsorge treffen ebenso die 900 Stadtwerke. Unter Führung Münchens will ein Konsortium aus Stadtwerken für die Thüga bieten.

Die Krake Eon-Ruhrgas greift auch nach Ostdeutschland. Bislang hatte Ruhrgas im Osten nicht viel zu melden, Platzhirsch ist die Leipziger Verbundnetz Gas (VNG) mit ihrem überregionalen Leitungsnetz. Denn an der VNG ist alles, was Rang und n in der westdeutschen Energieszene hat, beteiligt. Und da wird sorgsam darauf geachtet, dass niemandes Interessen verletzt wird. Das ändert sich mit einer Fusion, weil Eon und Ruhrgas dann 42 Prozent kontrollieren. Da wird man im Wirtschaftsministerium auf die Idee kommen, die VNG abzukoppeln und einem starken Konkurrenten der Ruhrgas in die Hand zu geben.

Die Gesellschafterversammlung der Ruhrgas ist schon in Bewegung geraten. Mehr als ein Dutzend Aktionäre saßen immer am Tisch: BP, Shell, selbst Eon-Konkurrent RWE. Eon kauft einen nach dem anderen Aktionär heraus. Folge: Aus Partnern werden jetzt Konkurrenten. Die historisch gewachsenen Verbindungen in der deutschen Energiewirtschaft werden gekappt.

Die Beteiligungen laufen kreuz und quer durch die gesamte Republik. Wer weiß schon, dass der rheinische Konzern Eon die Hansestadt Hamburg mit Gas und einen Großteil Bayerns mit Strom versorgt, dass Ruhrgas die Belieferung an der Saar und im Frankenland voll im Griff hat oder die Essener RWE Stromkunden am Bodensee beliefert. Selbst wenn sich Eon-Chef Hartmann mit seiner Vision in Berlin nicht durchsetzt: Die Entflechtung der Energiebranche ist nicht mehr aufzuhalten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar