Wirtschaft : Fiat ist am Ende

Übernahme der Autosparte durch General Motors ist nur noch eine Fragedes Preises –ganz Italien protestiert

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Rom (dpa/mig). Der Verkauf der Fiat-Autosparte an den US-Branchenführer General Motors wird immer wahrscheinlicher. Dies geht aus einem Interview des Fiat-Präsidenten Paolo Fresco mit dem „Wall Street Journal“ hervor. Tausende Fiat-Mitarbeiter protestierten am Freitag gegen den geplanten Abbau von weiteren 8100 Stellen. Die Regierung von Ministerpräsident Silvio Berlusconi kündigte an, die geplante Schließung mehrerer Fiat-Werke verhindern zu wollen.

Fresco sagte, er betrachte den Plan von GM, fast die gesamte Investition von 2,4 Milliarden Dollar (2,44 Milliarden Euro) für den Einstieg bei Fiat im Jahr 2000 abzuschreiben, lediglich als Startschuss für Verhandlungen über den Preis. GM hatte sich im Jahr 2000 beim Einstieg die Option gesichert, Fiat komplett zu übernehmen. Fiat und GM diskutierten derzeit „endlose Möglichkeiten“, sagte Fresco. Eine Zusammenlegung von Fiat mit der GM-Tochter Opel sei nicht im Gespräch. „Es wäre offensichtlich eine logische Alternative, aber sie steht derzeit nicht zur Debatte.“

Der verschuldete Fiat-Konzern kämpft seit Monaten um die Sanierung der verlustreichen Autosparte und hatte zuletzt den Abbau weiterer 8100 Stellen und Werkschließungen angekündigt. Berlusconi sagte dazu: „Wir müssen alternative Lösungen finden.“

Regierung will helfen

In der kommenden Woche wolle die Regierung Gespräche mit den Gewerkschaften aufnehmen. Am Freitag protestierten in ganz Italien erneut tausende Fiat- Mitarbeiter gegen den geplanten Stellenabbau. Am Turiner Hauptwerk Mirafiori, wo bis Juli 2003 mehr als 3000 Stellen gekürzt werden sollen, blockierten zahlreiche Demonstranten mehrere Straßen. Im sizilianischen Termini Imerese, wo eine Fiat-Fabrik mit fast 2000 Angestellten komplett geschlossen werden soll, nahmen tausende Menschen an Protestzügen teil. „Wir wissen einfach nicht, wie es ohne das Fiat-Werk weiter gehen soll. Am Ende trifft es immer den ohnehin schon armen Süden besonders hart“, sagte ein Arbeiter. Die Gewerkschaften hatten gleich nach Bekanntwerden der Fiat-Pläne vor zwei Tagen zu mehrstündigen Arbeitsniederlegungen aufgerufen. Für die kommende Woche wurden weitere Streiks angekündigt. Fiat-Auto hat in Italien rund 35 000 Mitarbeiter.

Allein seit Anfang dieses Jahres haben die Fiat-Aktien über 60 Prozent ihres Wertes verloren. Immer weniger Autos werden verkauft.. Der italienische Markt ist schon lange keine Garantie für Verkäufe mehr, denndie Italiener bevorzugen preiswertere japanische Autos. Noch vor zehn Jahren kamen von 100 in Italien verkauften Autos 57 aus den Fiat-Hallen – heute sind es nur noch 30. Eine Umfrage der italienischen Autozeitung „Quattroruote“ ergab, dass für 60 Prozent aller Leser die Fiat-Produkte zu wenig innovativ, zu hausbacken und zu wenig gestylt sind. Abstürzende Einnahmen und steigende Schulden engen den Spielraum des Managements ein, daran etwas zu ändern.

Das hatten auch die Banken begriffen, die sich nach langem Bitten Ende September dazu bereit erklärt hatten, Fiat unter die Arme zu greifen. Ein Konsortium stellte dem angeschlagenen Autohaus 1,7 Milliarden Euro zur Verfügung. Gleichzeitig gab es Um- und Neubesetzungen im Verwaltungsrat und unter den Managern. Von einer „neuen Epoche“ schwärmte bereits Umberto Agnelli, Bruder von Gianni Agnelli, Ehrenpräsident von Fiat. Doch vergebens – das Unternehmen erholt sich nicht. Analysten von Morgan Stanley befürchten, dass der Autokonzern verloren ist.

Solche Einschätzungen setzen die Verantwortlichen in Turin in Angst und Schrecken. Nicht ausgeschlossen wird, dass man in den nächsten Monaten noch mehr Arbeiter entlassen muss. Doch einen Totalverkauf der Institution Fiat an GM halten viele für unvorstellbar. „Fiat ohne Autos, das ist doch total paradox“, meint Giorgio Airaudo, Chef des Turiner Büros der Gewerkschaft CGIL. Er kündigt weiteren Protest an, weil er noch mehr Entlassungen fürchtet. „Das langsame Sterben von Fiat“, so die prominente römische Sozialanthropologin Ida Magli, „wird von allen Italienern als etwas Dramatisches begriffen, denn kein anderes Unternehmen Italiens ist so sehr mit unserer modernen Geschichte und Identität verbunden“. Und kein anderer Konzern pflegte so enge Kontakte zu den jeweils Regierenden.

Hätten die Agnellis vor zwei Jahren dem Drängen von GM nachgegeben und die Fiat-Autosparte abgestoßen, dann hätten sie dafür noch viel Geld bekommen. Mit diesem Geld hätten sie, wie Umberto Agnelli damals vorschlug, ganz groß in anderen Bereichen investieren können. Damit ist es jetzt vorbei.

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