Wirtschaft : Filmbranche: Kino-Aktien sind von der Rolle

Henrik Mortsiefer

Für Überraschungen ist die Filmbranche immer gut - auch für die bösen. Anleger, die sich die Kursverläufe der Glamour-Aktien in den vergangenen zwölf Monaten vor Augen führen, wissen, wovon die Rede ist. Dabei hatte das Kinojahr 2001 mit großen, optimistischen Erwartungen begonnen: Die Filmverleiher, Produzenten und Rechtehändler präsentierten sich zur Berlinale im Februar in neuem Glanz. Alle sprachen von einem guten Kinojahr mit echten Kassenschlagern, und die Investoren griffen endlich wieder zu. Kräftige Kursanstiege waren die Folge. Doch binnen weniger Wochen ist die Zuversicht wieder verflogen: Die zumeist am Neuen Markt notierten Unternehmen haben die Gunst der Börse wieder verloren. Abzulesen ist dieser Trend am Branchenindex Media & Entertainment, der am Neuen Markt nach einem kurzen Frühlings-Hoch nun wieder talwärts weist und neue Tiefsstände anpeilt.

"Nach dem Platzen der Blase bemühen sich die Marktteilnehmer, realistische Bewertungsniveaus für die vielfach noch relativ wenig vertrauten Unternehmen zu finden", schreibt Oliver Günter, Analyst bei der Bankgesellschaft Berlin, in seinem jüngsten Report über den Münchener Filmproduzenten und -verleiher Constantin Film (Wertpapierkennnummer 580 080). Wie viele seiner Kollegen kommt auch Günter zu dem ernüchternden Ergebnis, dass "das Filmgeschäft für Aktionäre weniger attraktiv ist, als man angesichts der Zahl der notierten Firmen glauben könnte". Die Märkte seien weitgehend gesättigt, der Wettbewerb sei erbarmungslos und die Filmprojekte generierten im Durchschnitt nur "moderate Wertbeiträge". Von Constantin-Aktien rät Günter Anlegern ab, obwohl das Unternehmen zu den erfolgreichsten Filmhäusern hierzulande zählt. Mit einem 2002er Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von rund 16 ist die Constantin-Aktie auch Günters Kollegen von Independent Research noch zu teuer. Und die Analysten von ABN Amro werteten die Korrektur der Planzahlen für 2001, die Constantin Anfang Mai vornehmen musste, als klares Verkaufssignal für die Aktie.

Weitaus günstiger zu haben sind zurzeit die kleinen Nischenanbieter im Filmgeschäft. Unternehmen wie Cinemedia, Odeon Film oder Fame, die ihre Aktionäre in dieser Woche zu Hauptversammlungen einladen, locken mit einstelligen Kurs-Gewinn-Verhältnissen und haben sich erfolgreich am Markt etabliert. Rechte Freude will bei den Anteilseignern dennoch nicht aufkommen. So überraschte Cinemedia (WKN 543 300) unlängst mit der Ankündigung, man werde sich aus dem Internet-Geschäft komplett zurückziehen und den Rechtehandel ebenfalls aufgeben. Bei Analysten kam die Botschaft zunächst gut an. Geschätzt wird an dem Unternehmen vor allem die Kompetenz in der Nachbearbeitung von Filmen, die im vergangenen Jahr zwei Drittel zum Konzernumsatz von gut 104 Millionen Euro beitrug. Als freilich auch der Vorstoß als Dienstleister für die digitale Postproduktion misslang, weil der Partner Gahrens + Battermann die Kooperation mit Cinemedia kündigte, wurden auch die Analysten nervös. "Cinemedia braucht einen neuen Partner, wenn es den Anschluss an die Digitalisierung seines Geschäfts nicht verlieren will", sagt Volker Bosse, Analyst bei der Hypovereinsbank. Er stufte Cinemedia als "Underperfomrmer" ein, eine Aktie, die sich schlechter als der Markt entwickelt.

Zu der gleichen Einschätzung gelangt Bosse bei Odeon Film (WKN 685 300). "Ein solides, im laufenden Jahr profitabel arbeitendes Unternehmen mit hohem Cash-Bestand." Aber: "Als Auftragsproduzent für das Fernsehen ("Wolffs Revier") ist Odeon zwar erfolgreich, als Kinoproduzent ist es jedoch bislang nur bei Ankündigungen geblieben", sagt Bosse. Auf Analysten-Meetings habe Odeon vor einem Jahr drei Trailer für Kinoproduktionen präsentiert. "Nicht ein Film ist auch tatsächlich auf die Leinwand gekommen", sagt Bosse. Nachdem Odeon Anfang Mai den Vorstandsvorsitz und das Finanzressort neu besetzt hat, wartet die Börse auf verlässliche Signale. Gemessen werden die Münchener an den im April angehobenen Planzahlen für 2001: Die Gewinnschwelle soll mit einem Ebit von rund 0,7 Millionen Euro überschritten und ein Umsatz von 50,1 Millionen Euro erwirtschaftet werden.

Günstig zu haben ist zurzeit auch die am Neuen Markt notierte Aktie der Fame Film & Music Entertainment AG (WKN 518 510). Das KGV (2001) von 3,6 rechtfertigt nach Meinung der Analysten von Trinkaus & Burkhardt allerdings noch keinen Kauf. Ihr Urteil: Verkaufen. Das Leichtgewicht unter den Filmwerten konnte den letzten Quartalsumsatz zwar um 82 Prozent auf 3,7 Millionen Euro steigern, verfehlte aber im Geschäftsjahr 2000 das geplante Ebit von rund 1,3 Millionen Euro um gut eine Million. Gravierende Probleme mit Vertriebspartnern, Chaos in der Buchhaltung nach einem Systemabsturz und unerwartete Investitionen machen Fame schwer zu schaffen. Das Ergebnis liefert die Börse prompt: Der Kurs verlor binnen zwölf Monaten 88 Prozent.

Ein ähnliches Drama erlebte die Kinowelt Medien AG (WKN 628 590), die selbst nach dem Absturz am Neuen Markt und einem KGV von 2,9 auf der Basis der für 2002 erwarteten Gewinne aktuell keinen Anleger locken kann. Vorstandschef Michael Kölmel agierte zuletzt mehr als glücklos. So rückten auffällige Kursbewegungen Kinowelt ins Visier der Börsenaufsicht. Vor Bekanntgabe der überraschend schlechten Geschäftszahlen für 2000 waren 2,8 Millionen Papiere verkauft worden. Der Verdacht: Insiderhandel. Zudem sitzt das Unternehmen immer noch auf teuren Filmpaketen, die sich bei den privaten Fernsehsendern gar nicht und bei den Öffentlich-Rechtlichen nur sehr mühsam verkaufen lassen. Seit Monaten, so heißt es, nehmen Wirtschaftsprüfer deshalb die Werthaltigkeit der Kinowelt-Filmbibliothek unter die Lupe. Im schlimmsten Fall muss Kölmel zu Wertberichtigungen schreiten, die das Vertrauen der Anleger ruinieren würden. Deren Nerven werden aktuell ohnehin schon vom millionenschweren Streit um die Sportrechte-Vermarktung der Kinowelt-Tochter Sportwelt strapaziert. Die Mehrheit der Analysten rät zum Verkauf der Aktie.

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