Wirtschaft : Finanzdebakel bei der Bahn: Es drohen Milliardenverluste

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Die Deutsche Bahn schlittert offenbar einem massiven Finanzdebakel entgegen. Wegen der dringend nötigen Investitionen in die Sanierung des Schienennetzes und in die Erneuerung von Güterloks und Zügen werde das Schienenunternehmen in den kommenden drei Jahren voraussichtlich Verluste in Milliardenhöhe einfahren, sagte Unternehmenssprecher Dieter Hünerkoch dem Tagesspiegel am Sonnabend. Bahnchef Hartmut Mehdorn war bislang noch von Gewinnen ausgegangen. Genaue Zahlen wollte Hünerkoch noch nicht nennen. "Wir arbeiten derzeit mit Hochdruck an der Bestandsaufnahme. Alle Planungen werden überprüft. Bis Ende des Jahres müssen die Zahlen auf den Tisch."

Das Magazin "Der Spiegel" berichtet in seiner Montagsausgabe unter Berufung auf Bundesverkehrsminister Reinhard Klimmt (SPD), dass die Bahn in den kommenden drei Jahren jährlich Verluste von 800 Millionen bis 1,2 Milliarden Mark einfahren wird. Erst 2004 werde das Unternehmen wieder die Gewinnzone erreichen. Innerhalb des Bahnkonzerns kursieren dem Magazin zufolge sogar noch viel drastischere Zahlen. Demnach drohe im kommenden Jahr ein Defizit von 1,5 Milliarden Mark, das in den beiden Folgejahren auf jeweils zwei Milliarden Mark steigen könnte. "Das Ergebnis ist eine Katastrophe", wird Klimmt zitiert.

In diesem Zusammenhang gibt es nun auch Spekulationen, wonach Finanzvorstand Diethelm Sack und der nun für Marketing zuständige und bis vor kurzem noch für den Nahverkehrsbereich verantwortliche Vorstand Klaus Daubertshäuser entlassen werden sollen. Auslöser sei eine aktuelle Analyse, die Vorstandschef Hartmut Mehdorn in den vergangenen Tagen vorgelegt worden sei, berichtet die "Bild am Sonntag" vorab. Die Analyse habe aufgedeckt, dass die Bahn-Manager jahrelang dringend notwendige Investitionen für Schienennetz, Loks und Wagen unterlassen hatten. "So wurde die Bilanz jedes Jahr schön gerechnet", zitiert das Blatt einen nicht genannten, ranghohen Bahn-Mitarbeiter. "Die gesamte Planung zur Bahn-Sanierung ist Makulatur. Es wurde so sehr eingespart, dass der Betrieb kaum noch aufrecht zu erhalten ist. Wenn wir jetzt nicht eingreifen, fliegt uns das ganze System um die Ohren." Auch in Kreisen der Bundesregierung sei bestätigt worden, dass bei der Bahn "jahrelang an der Realität vorbeigeplant" worden sei. Der Zeitung zufolge wird nun erwogen, die Personalentscheidungen schon vor der nächsten offiziellen Sitzung des Aufsichtsrates am 6. Dezember zu fällen.

Bahnsprecher Hünerkoch wies dies zurück. "Derartige personelle Konsequenzen sind mir nicht bekannt", sagte er. Mit vermeintlichen "Schlampereien" in der Vergangenheit habe die gegenwärtige Misere nichts zu tun. Der Bahn seien mit Beginn der Bahnreform jährliche Zuwendungen des Bundes in Höhe von zehn Milliarden Mark für Investitionen zugesichert worden. "Diese Zusage ist nicht eingehalten worden", statt zehn Milliarden waren es zuletzt 6,8 Milliarden Mark. "Der Rückstand bei den Investitionen muss jetzt aufgeholt werden", sagte der Bahnsprecher.

Vor allem im Güterverkehr fahre die Bahn noch mit Loks, die 40 Jahre und älter seien. Damit könne man im Wettbewerb nie konkurrenzfähig sein. Bahnchef Hartmut Mehdorn plane deshalb eine "Sanierungs-Offensive". In den nächsten Jahren soll "ein zweistelliger Milliardenbetrag" in Loks, neue Züge und das Schienennetz investiert werden. Die genaue Höhe werde erst feststehen, wenn die interne Bestandsaufnahme, für die man Unternehmensberater von McKinsey engagiert habe, abgeschlossen sei, sagte Hünerkoch. Sicher sei aber schon jetzt, dass die sechs Milliarden Mark, die der Bund dem Schienenunternehmen nun für die kommenden drei Jahre aus den Zinsersparnissen durch die UMTS-Erlöse zusätzlich zugesagt habe, dafür nicht ausreichen werden.

Nach Informationen des "Spiegels" wird im Verkehrsministerium und im Kanzleramt inzwischen erwogen, eine Minderheitsbeteiligung an der Bahn an ausländische Unternehmen zu verkaufen. Damit erhoffe man sich nicht nur frisches Kapital, sondern auch einen Hebel für harte Sanierungsschritte. Eine Bestätigung war dazu am Sonnabend nicht zu erhalten.

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