Wirtschaft : "Finanzdebatte um die Weltausstellung ist kleinkrämerisch"

Die Weltausstellung Expo 2000 in Hannover kommt aus den negativen Schlagzeilen nicht heraus.Professor Richard Schröde, Theologe und SPD-Politiker, DDR-Oppositioneller und Vizepräsident der Humboldt-Universität in Berlin, ist als Leiter des Kuratoriums Berater der Expo für den Themenpark, das Kernstück der Weltausstellung.Mit Schröder sprach Jobst-Hinrich Wiskow.

TAGESSPIEGEL: Welchen Sinn hat eine Weltausstellung heute noch?

SCHRÖDER: Ich halte es für absurd zu glauben, im Zeitalter des Internet sei eine Weltausstellung überflüssig geworden.auch Hochzeiten werden im Zeitalter des Internet noch gefeiert.Das Internet kann niemals die Begegnung von Menschen und den Austausch ihrer Gedanken ersetzen.

TAGESSPIEGEL: Wieso sollten sich Menschen ausgerechnet bei der Expo begegnen?

SCHRÖDER: Es wird für Deutschland eine besondere Begegnung mit der Welt sein.Im Jahr 2000 jährt sich die deutsche Einheit zum zehnten Mal.Wenn es uns gelingt, durch die Weltausstellung ein Signal zu geben, die Deutschen sind anders, als man gedacht hat, dann ist das für uns alle ein großer Gewinn.

TAGESSPIEGEL: Das Motto "Mensch - Natur - Technik" klingt vielen zu problembeladen.

SCHRÖDER: Mancher sagt, das gerate ihm zu sehr zu einer Glitzerschau.Andere meinen wiederum, das Konzept sei zu kritisch, zu grün.Die Expo zeigt genügend Ansätze, wie Probleme zu lösen sind.Sie wird die Hoffnung, daß es viele kleine Ansätze zur Problemlösung gibt, in die ganze Welt transportieren.

TAGESSPIEGEL: Will man wirklich am Sonntag zur Expo fahren, um zu lernen, wie die Welt ihre Probleme löst?

SCHRÖDER: Wer zur Weltausstellung fährt, will unterhalten werden.Der will staunen.Ich glaube, das wird gelingen.

TAGESSPIEGEL: Wen wird die Expo ansprechen?

SCHRÖDER: Die Expo soll ein Familienereignis werden.Man kann sich an den Show-Effekten erfreuen und einfach nur vergnügen.Aber wer will, kann auch in ein Problem eintauchen, sein Wissen vergrößern.

TAGESSPIEGEL: Die Eintrittskarte kostet pro Person 69 DM.Ist die Expo Luxus?

SCHRÖDER: Die Expo ist in meinen Augen mehr ein Sonderurlaub und weniger die spontane Antwort auf die Frage: Was machen wir denn heute? Die Expo braucht das Geld aus den Eintrittskarten.Es ist immer noch schwierig genug, den Finanzplan einzuhalten.

TAGESSPIEGEL: Jetzt muß der Steuerzahler ordentlich draufzahlen.

SCHRÖDER: Die schwarze Null ist in der Tat nicht zu halten, so wie das ursprünglich geplant war.Aber ich halte es für kleinkrämerisch, sich jetzt darüber aufzuregen, daß die Geschäftsführung die schwarze Null nicht erreicht.Wenn es eine Olympiade wäre, wären viele stolz darauf, daß sie in Deutschland stattfände.Da wären die Kosten egal.

TAGESSPIEGEL: Wieso hat es eine Expo denn so schwer?

SCHRÖDER: Zu wenige in Deutschland machen sich einen Kopf darüber, wie wir uns in der Welt darstellen.Die Expo ist eine nationale Aufgabe.Wir haben einen Ruf, und für den können wir was tun - oder auch nicht.

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