Aktien : Anleger in der Psycho-Falle

Anleger überschätzen sich, lassen Verluste zu lange laufen, folgen der Masse – und verlieren Geld dabei.

Veronika Csizi
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Was wäre passiert, hätte man Privatanleger Anfang März gefragt: Wo steht der Dax Anfang Juni? Damals war die Stimmung an den Finanzmärkten am Boden, der deutsche Leitindex rang mit der Marke von 3600 Punkten. Eine Prognose hätte mit großer Sicherheit nie den aktuellen Wert von knapp 5100 Punkten erreicht. Mehr als 40 Prozent hat sich der Deutsche Aktienindex binnen drei Monaten verbessert. Weltweit scheinen die Aktienmärkte im Rausch zu liegen. Mehr noch: Die seit März steigenden Kurse haben auch die Prognosen vieler Analysten radikal verändert, wirtschaftlichen Optimismus geschürt und eine Aufbruchsstimmung ausgelöst und verstärkt.

EMOTION STATT VERNUNFT

Dass psychologische Faktoren und menschliches Verhalten Börsen und Finanzmärkte massiver beeinflussen als die meisten ahnen, dachte sich schon Börsenaltmeister André Kostolany. Die Kurse an den Märkten, war sich Kostolany sicher, seien zu 90 Prozent von der Psychologie und nur zu zehn Prozent von harten ökonomischen Fakten getrieben. Dass der Anleger in seinen Kauf- und Verkaufsentscheidungen folglich nicht von Hirn und Vernunft, sondern von Stimmungen, Abneigungen, Hoffnungen, von der Lust am Risiko oder der Angst vor Verlusten, von Narzissmen und Gier getrieben ist, hat inzwischen auch einer jungen Wissenschaft zum Durchbruch verholfen: der Behavioural Finance, der verhaltensorientierten Finanzmarktanalyse. Sie erklärt, warum Anleger – ob Profi-Trader, Langfristanleger oder konservative Gelegenheitskäufer – häufig völlig anders reagieren als erwartet, warum sie immer wieder zu Opfern tief verankerter Verhaltensmuster und Emotionen werden und warum, wer die psychologischen Triebfedern nicht kennt, häufig auf der Verliererseite steht.

Auch aktuell ist davon auszugehen, dass nur sehr wenige Privatanleger von den saftigen Börsengewinnen des letzten Vierteljahres profitiert haben. Viele verarbeiten wohl noch die Folgen des Dax- Absturzes seit Januar 2008 von 8100 auf 3600 Punkte. Denn einer der psychologisch motivierten Hauptfehler sei, dass der Anleger Verluste nicht begrenze, sagt Joachim Goldberg, Gründer von Cognitrend, eine der führenden deutschen Anbieter von Behavioural-Finance-Analysen. Der Hintergrund: Investoren schätzen Verluste zweieinhalbmal gravierender ein als Gewinne in gleicher Höhe. „Es ist fast allen Menschen deutlich lieber, viermal 100 Euro Gewinn und einmal 400 Euro Verlust zu machen als umgekehrt einmal 400 Euro Gewinn und viermal 100 Euro Verlust, obwohl unter dem Strich kein Unterschied besteht“, weiß Goldberg. Denn im zweiten Fall müsse sich der Anleger eingestehen, viermal eine falsche Entscheidung getroffen zu haben. Verlustpositionen blieben deshalb „viel zu lange“ im Depot – in der Hoffnung, dass sich das betroffene Papier schon wieder erholen werde. Dies passiert zwar derzeit vielfach. Aber: Wer im Dax-Hoch vor eineinhalb Jahren sein Investment abgesichert habe, hätte die Verluste begrenzen und nun mit hoher Liquidität neu starten können.

PROFIS SIND NICHT KLÜGER

Auch Investment-Profis haben offensichtlich den Kursgewinnen seit März zunächst nicht getraut, sollten also eher zu wenige Aktien halten. Ablesbar ist dies am „Dax-Sentiment“, das die Deutsche Börse jede Woche bei Börsenhändlern und Fondsmanagern abruft: Danach hatte sich die Stimmung erst Mitte Mai drastisch gewandelt. Während damals der Pessimismus auf Rekordniveau lag, die Profis also eher fallende Kurse erwarteten, ist die Zahl der positiven Einschätzungen seither deutlich gestiegen. Nach den neuesten Daten, die am Mittwoch erhoben wurden, haben nun jedoch die Pessimisten wieder das Zepter in der Hand. Für Goldberg ist klar: „Wenn Stimmung und Markt gegeneinander laufen, gewinnt fast immer der Markt.“ Da die Mehrheit der Befragten im neuen Dax-Sentiment pessimistisch sei, könne der Markt weiter steigen.

Denn: Wer optimistisch ist, hat schon gekauft, entfällt somit als Käufer und Kurstreiber. Umgekehrt wünschen sich Analysten offenbar fallende Kurse und günstige Einstiegschancen, warnen folglich vor steinigen Zeiten. Rund um die 5000-Punkte-Marke haben die Warnungen zugenommen, denn solche Marken gelten – völlig willkürlich – als problematisch.

Aktuell wartet eine zusätzliche Psycho-Falle: Der Markt steigt und damit steigt auch die Angst, eine komplette Aufwärtsbewegung zu verpassen. Es dauert eine Weile, bis sich die Erkenntnis durchsetzt, dass die Pluszeichen tatsächlich nachhaltig sind. Häufig folgt der Anleger der Herde der anderen jedoch erst, wenn „sich die Party bereits dem Ende zuneigt“. Dies sei aktuell der Fall, sagt Wieland Staud, technischer Analyst. Auch die Analysten vieler Banken sagen Stürme voraus. Goldberg sieht zwar auch die Risiken eines Neuinvestments steigen, plädiert jedoch dafür, „den Markt für mich laufen zu lassen, wenn auch mit Absicherung.“ Denn letztlich könne natürlich niemand die Zukunft vorhersagen.

Der Finanzwissenschaftler Martin Weber, ein Verfechter der Behavioural Finance, hält es für wissenschaftlich belegt, dass die Entwicklung der Aktien nur vom Zufall bestimmt und nicht prognostizierbar sei, weder mit fundamentalen noch mit charttechnischen Methoden. In den Kursen spiegelten sich Gerüchte, Meinungen, Prognosen und Hoffnungen aller Marktteilnehmer. Alle Informationen seien allen bekannt, somit in den Kursen komplett enthalten. Trotzdem stolperten Anleger über einen Fallstrick, den Weber „overconfidence“ nennt, also Selbstüberschätzung: der Anleger glaubt, seine eigene Einschätzung sei grundsätzlich besser als die des Gesamtmarktes.

Die Folge: Investoren korrigieren (Fehl-)Entscheidungen zu langsam. Auch derzeit mache die Börse viele glauben, dass „die größte Krise seit 1929 sehr schnell abgehakt ist“, sagt Goldberg. Sinnvoller wäre es, sagt Weber, sich klarzumachen, dass nur „ein Glückspilz oder ein Insider“ den Markt schlagen könne.

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