Aktien : Riskante Verlockung

Einstieg, Ausstieg oder Abwarten: Nach dem Absturz des Dax sind viele Anleger verunsichert. Fragt man Experten, hört man höchst Unterschiedliches. Für die Aktien, da sind sich fast alle einig, sprechen indes die Rekord-Dividenden, die demnächst ausgeschüttet werden.

Veronika Csizi
Dax
18 Prozent an Wert hat der Leitindex seit seinem letzten Hoch eingebüßt. -Foto: dpa

Weit weg scheint der letzte Höhepunkt des Dax. Im Januar stieg der Leitindex auf gut 8100 Punkte. Seitdem hat er deutlich verloren – zwischenzeitlich um rund 2000 Punkte oder 23 Prozent. Und auch am Mittwoch lag der Abschlag noch bei etwa 18 Prozent. Viele Anleger fragen sich nun: Könnte sich ein Einstieg zum jetzigen Zeitpunkt lohnen? Oder sehen wir im Moment nur eine zwischenzeitliche Gegenbewegung auf die hohen Verluste der letzten Wochen, so dass neuerliche Rückschläge noch vor uns liegen könnten?

Fakt ist, dass die Bewertungen der 30 Dax-Werte im historischen Vergleich sehr verlockend erscheinen. Im Schnitt liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), das den Kurs einer Aktie in Relation zu ihrem Jahresgewinn setzt, im Dax derzeit bei gut zehn, das langfristige Mittel jedoch etwa bei 15. Das bedeutet: Quer über alle Börsenzyklen gerechnet wird eine Dax-Aktie im Schnitt zu einem Kurs verkauft, der 15 mal höher ist als der Gewinn je Aktie. Aktuell liegt der Kurs jedoch nur rund zehn Mal höher als der Gewinn. Besonders günstige KGV finden sich demnach vor allem bei den Versicherungs- und Banktiteln, aber auch bei BMW und Daimler, Lufthansa, MAN oder Thyssen-Krupp. Deutlich teurer sind dagegen Linde, Fresenius Medical Care, SAP und VW. Während aktuell 14 der 30 Dax-Werte mit einem einstelligen KGV bewertet sind, wurde dies 2003, als der Dax mit 2190 Punkten seinen Tiefpunkt in der Baisse erreichte, nur 13 Werten zugebilligt. Optisch gesehen sind deutsche Standardwerte also ein Schnäppchen, teilweise günstiger als zum Dax-Tiefpunkt der letzten Baisse.

Doch die Gleichung hat eine Unbekannte, denn die Gewinne für 2008 oder gar 2009 können natürlich nur geschätzt werden. Schwappt also die Konjunkturschwäche, wie sie die USA derzeit heimsucht, über den Atlantik nach Europa, dann muss neu gerechnet werden. Derzeit gehen die Analysten für den Dax immer noch von einer Steigerung der Gewinne für 2008 und 2009 um rund zehn Prozent im Schnitt aus. Doch selbst eine Rücknahme der Prognosen um 25 Prozent ließe die Bewertungen der Dax-Aktien nur auf ein KGV von 13 bis 14 steigen, also immer noch auf ein moderates Niveau.

„Der Markt ist fragil, aber wir haben gute Chancen auf eine Bodenbildung“, glaubt Hans Bernecker vom Börsenbrief AB Daily. Dazu müsse der Dax aber die Marke von rund 7000 Punkten hinter sich lassen, an der sämtliche Erholungsversuche der vergangenen Wochen durchweg scheiterten. Gelinge dies dem Dax nicht, dann sei die Gefahr erneuter Kursrutsche hoch. Auch Thomas Grüner, Aktienstratege bei der Landesbank Berlin (LBB), bleibt zunächst skeptisch. Zwar seien die günstigen Bewertungen der meisten Dax-Aktien „ein Puffer, der stützend wirken wird“, doch sei in der aktuellen Erholung des Marktes vorerst eher eine Zwischenrallye denn eine Rückkehr zur strammen Hausse zu sehen. Bis Ende Mai könnte der Dax bis auf 6350 Punkte fallen, während die Chancen für eine positivere Entwicklung durch die Finanzkrise und drohende Schreckensnachrichten aus US-Unternehmen begrenzt seien, erklärt Grüner. General Electric etwa, ein Mischkonzern, der gleichsam als Synonym für die Lage der US-Wirtschaft gilt, enttäuschte vergangene Woche mit einer deutlich abgespeckten Gewinnprognose. Umgekehrt jedoch konnten die ordentlichen Bilanzen von Intel oder auch JP Morgan Chase den Markt beruhigen. Insgesamt rechnen die Analysten für die 500 größten börsennotierten Unternehmen der USA mit einem Gewinnrückgang von 12,3 Prozent – ein Minus, das jedoch größtenteils durch die angeschlagenen Bank-Bilanzen zustande kommt.

Die Hessische Landesbank (Helaba) indes geht davon aus, dass reichlich Pessimismus bereits in den Kursen enthalten sei. Zudem drehe der Aktienmarkt erfahrungsgemäß ein halbes Jahr bevor die Konjunktur ihr Tief erreiche. Zumindest für die USA könnte dies gelten: Der am Montag veröffentlichte Empire State Index, der als verlässlicher Frühindikator für die konjunkturelle Entwicklung gilt, deutete einen neuen Frühling für die US-Wirtschaft an. Auch Grüner sieht, trotz vorhandener Risiken, derzeit einen guten Zeitpunkt für einen „Aufbau erster Positionen auf dem Aktienmarkt“, allerdings nur bei langfristiger Haltefrist. Auf Sicht von zwölf Monaten taxiert er den Dax bei 7400 Punkten, das wäre ein Plus von fast zwölf Prozent, gemessen am Stand von Mittwoch. „Für einen breiten Einstieg ist es jedoch noch zu früh“, warnt der Experte der Berliner Landesbank gleichzeitig.

Weitaus vorsichtigere Stimmen allerdings sehen in der leichten Erholung des Dax nicht mehr als ein Frühlingslüftchen innerhalb einer Baisse. Tatsächlich gab es in allen Bärenmärkten immer längere Phasen von Optimismus mit teilweise monatelangen Erholungen. So stieg der Dax in der Baisse zwischen 2000 und 2003 zwischendurch auch einmal binnen sechs Monaten von 3540 auf 5470 Punkte, also um mehr als 50 Prozent, um anschließend wieder bis auf 2188 Zähler abzusacken. Der Charttechniker Wieland Staud von Staud Research etwa berücksichtigt keine Bewertungen, sondern achtet alleine auf seine Kursbilder. Er rechnet damit, dass der Dax gerade eine ähnliche Phase erlebt: Er werde, prophezeit er, ausgehend vom Jahrestief bei 6167 Punkten, 50 Prozent seiner Verluste erst wieder wettmachen, um dann einen erneuten Rückgang ähnlicher Dynamik zu erleben. Rund 7300 Punkte sind für Staud innerhalb dieser Gegenbewegung möglich, bevor dann wieder „Heulen und Zähneklappern angesagt sind“.

Für den Aktienmarkt hingegen spreche, da sind sich fast alle Analysten einig, auch die Rekord-Dividenden, die bis in den Sommer hinein ausgeschüttet werden. 27, 2 Milliarden Euro – und damit 13 Prozent mehr als im vergangenen Jahr – werden allein die 30 Dax-Unternehmen an die Anleger auszahlen. Vor allem die Deutsche Telekom und die Lufthansa, aber auch die Deutsche Bank und die Commerzbank locken hier mit Dividendenrenditen von bis zu sieben Prozent.

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