Aktienmarkt : Üppige Dividenden trotz Krise

Allein in dieser Woche streichen Aktionäre 5,2 Milliarden Euro ein. Die Gewerkschaft meint, das: Geld gehört ins Unternehmen, nicht in die Geldbeutel der Aktionäre.

Ulf Sommer (HB)
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Großzügig. Kali + Salz steigert die Ausschüttung auf knapp das Fünffache. Foto: ddp

Düsseldorf - Inmitten der tiefsten Rezession in der Nachkriegsgeschichte erwartet die Aktionäre ein warmer Geldregen. Allein die 30 größten börsennotierten Unternehmen im Deutschen Aktienindex (Dax) reichen in diesem Jahr 22,4 Milliarden Euro weiter, den Großteil bis Ende Mai. Vor allem die üppigen Ausschüttungen in der krisengezeichneten Industrie sorgen für Unmut bei Gewerkschaften und Teilen der Politik.

Allein diese Woche laden sechs Dax- Firmen zur Hauptversammlung. Ihr folgen Dividenden von 5,2 Milliarden Euro. Nach einem Gewinneinbruch von 40 Prozent im vergangenen Geschäftsjahr sinkt die Ausschüttungssumme „nur“ um 20 Prozent. Selbst dafür sind fast nur die Kürzungen bei den Banken verantwortlich. Zehn der 30 Dax-Konzerne erhöhen sogar ihre Dividenden, am stärksten K+S. Der Düngemittelhersteller zahlt 2,40 Euro nach 0,50 Euro im Vorjahr.

Der weltgrößte Chemiekonzern BASF reicht wie im Vorjahr 1,8 Milliarden Euro weiter, obwohl Firmenchef Jürgen Hambrecht die wirtschaftliche Situation als „rabenschwarz“ bezeichnet. BASF stellt sich an seinem Stammsitz Ludwigshafen erstmals seit 1993 auf Kurzarbeit ein. „Wir haben versprochen, auch in schwierigen Zeiten eine Dividende auf Vorjahresniveau zu zahlen. Daran halten wir fest“, sagte Hambrecht. Auch der Softwarehersteller SAP hält an seiner Dividende fest, obwohl die Walldorfer die Zahl ihrer Stellen um 3000 senken wollen. Der Stahlhersteller Thyssen-Krupp hat bereits 669 Millionen Euro ausgeschüttet, genauso viel wie im vorangegangenen Boomjahr. Trotz geplanter Entlassungen von mehreren tausend Mitarbeitern will Berthold Beitz, Vorstand der mächtigen Krupp- Stiftung, nicht auf Dividende verzichten. 10 000 Thyssen-Arbeiter hatten kürzlich gegen den Stellenabbau protestiert.

„Hohe Dividendenausschüttungen bei gleichzeitig geplanten Entlassungen sind grundfalsche Strategien. Das Geld gehört während einer Krise ins Unternehmen und nicht auf die Anlagekonten von Aktionären und Finanzinvestoren“, sagt Dietmar Hexel, Mitglied des DGB-Bundesvorstandes und der Regierungskommission Corporate Governance Kodex, dem „Handelsblatt“. Solche Vorstöße lehnen Börsianer ab. „Dividenden sichern auch Arbeitsplätze. Schließlich geben Aktionäre das Geld zum Teil wieder aus“, sagt Franz-Josef Leven vom Deutschen Aktieninstitut. Es gebe keinen Beleg dafür, dass einbehaltene Dividenden Arbeitsplätze in den betroffenen Betrieben sichern.

Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) hatte die Unternehmen aufgefordert, angesichts der Wirtschaftskrise auf Dividendenzahlungen zu verzichten. Er erhielt damit aber selbst in den eigenen Reihen wenig Zustimmung. Aus gutem Grund: Ausgerechnet Post und Telekom, bei denen der Bund Großaktionär ist, schütten überdurchschnittlich viel und sogar mehr aus als sie netto verdient haben. Direkt und indirekt über die KfW-Bankengruppe streicht der Finanzminister so rund 1,5 Milliarden Euro ein.

Abgesehen von den Finanzinstituten ist bei der Post die Schieflage am größten: Sie zahlt 60 Cents pro Aktie. Ihr liegt ein Nettoverlust von 1,40 Euro pro Anteilsschein zugrunde. Die Telekom geht als einziger Dax-Konzern sogar das zweite Jahr in Folge an ihre Substanz.

Die übrigen Dax-Konzerne können sich ihre Dividenden leisten. Durchschnittlich geben die Firmen in diesem Jahr 45,4 Prozent der Nettogewinne weiter, fünf Prozentpunkte mehr als 2008. Erstmals seit fünf Jahren erreichen die heimischen Konzerne damit wieder den international üblichen Standard von 45 Prozent.

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