Anlageempfehlungen : Gut beraten in der Finanzkrise

Was in guten Zeiten billigend hingenommen wird, tritt in mageren Jahren umso deutlicher zu Tage: Das Finanzwissen breiter Bevölkerungsschichten ist mangelhaft, gleichzeitig haben nicht wenige Banken, Sparkassen und Makler ihre Kunden fehlerhaft bis falsch beraten. Wie man schlechte Anlageempfehlungen erkennt und unnötige Ausgaben vermeidet.

Veronika Csizi
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Der Kunde zahlt häufig drauf. Berater kassieren meist Provisionen für den Vertrieb eigener Bankprodukte. Ein Tipp: nach...

Was in guten Zeiten billigend hingenommen wird, tritt in mageren Jahren umso deutlicher zu Tage: Das Finanzwissen breiter Bevölkerungsschichten ist mangelhaft, gleichzeitig haben nicht wenige Banken, Sparkassen und Makler ihre Kunden fehlerhaft bis falsch beraten.

Kunden seien oft nicht ausreichend über Risiken aufgeklärt worden, Bankberater hätten auch unerfahrenen Verbrauchern hochkomplizierte Produkte empfohlen, kritisiert etwa Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner. Rentner hätten auf Rat des Bankberaters ihr Sparbuch zugunsten von – heute wertlosen – Lehman-Zertifikaten aufgelöst, bei inhaltlich gleichwertigen Produkten verkauften Banken stets jenes, das ihnen mehr einbringt, bemängeln Verbraucherschützer.

Der Schaden ist gewaltig: 30 Milliarden Euro etwa kosten fehlerhafte oder unpassende Bank- und Maklerempfehlungen die Deutschen jedes Jahr, schätzt das Forschungsinstitut Evers & Jung in einer Studie zur Anlageberatung. 50 bis 80 Prozent aller Langfristanlagen würden vorzeitig mit Verlust abgebrochen. Rund 20 Milliarden Euro ließen sich sparen, wenn nur günstige und wirklich notwendige Versicherungen in den Schubladen lägen. Grund genug für Gesetzgeber, Wissenschaft und Verbraucherschutz, Maßnahmen und Ideen zur Verbesserung der Anlageberatung zu entwickeln.

KODEX ZUR ANLAGEBERATUNG

Unter dem Titel „Gute Sitten und optimale Entscheidungen“ etwa hat der Mannheimer Professor für Finanzwirtschaft, Martin Weber, einen „Kodex zur Anlageberatung“ entwickelt – auf wissenschaftlicher Basis, doch mit klaren Forderungen und Checklisten. „Der Kodex soll verhindern, dass für schlechte Beratung bezahlt wird und dass Produkte verkauft werden, die der Bank mehr als dem Anleger dienen“, sagt Weber. Denn über jeder Anlageberatung schwebe ein Interessenkonflikt: Der Kunde brauche kostengünstige, transparente Produkte, der Verkäufer – also die Bank, der Makler oder die Versicherung – wolle möglichst viel verdienen. Bankberater neigen also dazu, Produkte als vorteilhaft zu preisen, bei denen sie hohe Provisionen kassieren. Zwar schreibt das Wertpapierhandelsgesetz vor, dass Bankberater ihre Kunden „umfassend, zutreffend und verständlich“ über Provisionen und andere finanzielle Zuwendungen für Geschäftsabschlüsse informieren müssen. Der Bundesgerichtshof hat zudem in mehreren Urteilen darauf hingewiesen, dass eine Verletzung dieser Informationspflichten Schadenersatzansprüche der Kunden rechtfertige. Trotzdem wisse kaum ein Verbraucher, sagt Weber, welchen Anreizstrukturen sein Berater folge und welcher Teil des Geldes bei welchem Investment konkret in seine Tasche fließe.

Bei Fonds etwa gehe der Ausgabeaufschlag und zusätzlich die Hälfte der Managementgebühr an den Vertrieb. Deshalb kauften auch fondsgebundene Lebensversicherungen vorzugsweise Fonds mit hohen Gebühren. „Bei einer Investition von 10 000 Euro erhält der Berater in 20 Jahren rund 3000 Euro Gebühren – ohne den Ausgabeaufschlag“, rechnet Weber vor. Deshalb würden auch attraktive und kostengünstige Anlageformen wie Exchange Traded Funds (ETF) am Bankschalter kaum angeboten, denn die Kosten seien so niedrig, dass keine Provisionen fließen können.

Weber hält eine Beratung gegen Honorar oder mit einer Pauschale („all-in-fee“) für sinnvoller. Auch neue Dienstleistungen mit Kostenabstufungen wie Luxusberatung oder Sparberatung wären denkbar. Denn klar müsse ebenfalls sein: Gute Anlageberatung könne nicht gratis sein.

Manfred Westphal, Fachmann für Finanzdienstleistungen beim Bundesverband der Verbraucherzentralen, fordert deshalb auch eine Stärkung der unabhängigen Finanzberatung, etwa durch Honorarberater oder Verbraucherschützer selbst. Derzeit würden nur 0,14 Prozent aller deutschen Haushalte unabhängig in Finanzangelegenheiten beraten.

KONZEPT FÜR DEN LEBENSZYKLUS

Kern einer Beratung dürfe nie sein, ein bestimmtes Produkt zu verkaufen, sagt Finanzexperte Weber. Da kein Berater eine Kristallkugel besitze, sei es „egal, ob man in BASF oder Bayer investiert“. 80 bis 90 Prozent des Anlageerfolges würden durch richtige Streuung des Geldes auf Aktien, Renten, Immobilien und Rohstoffe erzielt, nicht durch die Wahl eines speziellen Titels. Aufgabe des Beraters müsse es sein, für den Kunden ein passendes Lebenszykluskonzept zu entwickeln, dies unter Berücksichtigung der Vorkenntnisse zu erläutern, Risiken wie Jobverlust oder Scheidung einzukalkulieren, die Beratung regelmäßig zu wiederholen und nichts zu empfehlen, was aus wissenschaftlicher Sicht unsinnig sei.

Unseriös, sagt Weber, seien Berater, die den Kunden glauben machen, es sei möglich, ohne höheres Risiko eine Mehrrendite zu erzielen, oder Berater, die unverständliche Produkte verkaufen – oder die Kunden mit Prophezeiungen wie „der Markt dreht im August“ oder „die Zinsen fallen die nächsten Monate noch“ locken.

Auch der Bundesverband deutscher Banken sieht Handlungsbedarf: Der Verband hat zehn neue Leitlinien vorgelegt, mit denen er für mehr Vertrauen wirbt und einheitliche Qualitätsstandards für die privaten Banken schaffen will. So soll künftig intern überprüft werden, ob ein Kunde und ein bestimmtes Produkt wirklich zusammenpassen. Vergütung und Beförderung der Berater sollen sich nicht mehr nur an den verkauften Produkten, sondern auch an der Kundentreue und damit der Zufriedenheit der Kunden orientieren. Geplant sei auch, dem Anleger kurze, übersichtliche Infoblätter zu seinen Investments auszuhändigen.

PLÄNE DES GESETZGEBERS

Die Banken greifen damit teilweise auf, was der Gesetzgeber ohnehin demnächst vorschreiben will: Noch vor der Sommerpause will Ministerin Aigner die Rechte der Anleger per Gesetz stärken. So sollen Banken künftig ein detailliertes Beratungsprotokoll erstellen und es dem Kunden vor dem Kauf eines Produkts aushändigen. „Anleger, die falsch beraten werden, können ihre Rechte dann besser durchsetzen“, ist sich Aigner sicher. Zudem kann ein Anleger künftig bis zu zehn Jahre nach einer falschen oder mangelhaften Beratung Schadenersatz einfordern. Bisher liegt die Verjährungsfrist bei Schadenersatzansprüchen bei drei Jahren. Der Bankenverband empfiehlt in strittigen Fällen, vor einer Klage den Ombudsmann des Verbandes einzuschalten.

In der Praxis sollte jeder Anleger schon vor einer Auseinandersetzung mit einem einfachen Fragenkatalog prüfen, ob er einen guten Berater habe, sagt Wissenschaftler Weber: Kann man dem Nachbarn die Produkte erklären, die man im Depot hat? Hat der Berater bei längerfristigen Anlagen über die Wirkung der Inflation gesprochen? Wann hat der Berater zum letzten Mal eine Fortbildung besucht? Wie reagiert der Berater, wenn man ihm einen ETF vorschlägt? Hat der Berater konkrete und später überprüfbare Spar- und Vermögensziele definiert?

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