Finanzen : Auf Nummer sicher

An der Börse wächst die Unruhe. Anleger müssen aufpassen, dass ihnen die Gewinne nicht wegschmelzen

Karl Eckerich

Turbulent geht es derzeit am deutschen Aktienmarkt zu. Nach einem rasanten Anstieg übersprang der Dax in der vergangenen Woche die Marke von 8000 Punkten, seitdem ist er aber wieder mehr als drei Prozent abgesackt. Die Anleger sind nervös. Kein Wunder, es gibt viel zu verlieren: Allein seit Jahresbeginn hat der Dax trotz der jüngsten Abschläge rund 15 Prozent an Wert zugelegt. Für die Anleger könnte es deshalb Zeit werden, die erzielten Gewinne zu sichern. Um einen günstigen Moment dafür zu erwischen, lohnt eine Analyse und die Beobachtung der Einflussfaktoren.

Nicht warten, bis alle dabei sind

Für eine anhaltende Aufwärtsbewegung, eine Hausse, sprechen immer noch die fundamentalen ökonomischen Fakten: eine boomende Konjunktur und satte Unternehmensgewinne. Selbst ausgewiesene Profis haben die Robustheit des derzeitigen wirtschaftlichen Aufschwungs falsch eingeschätzt. Hedgefonds-Manager, die als die cleversten und am besten informierten Marktteilnehmer gelten, rechneten wegen einer vermeintlich nachlassenden Konjunktur fest mit heftigen Kursverlusten an der Börse. Sie stießen nicht nur ihre Wertpapierbestände ab, sondern wetteten sogar auf fallende Kurse.

Da aber eine Kurskorrektur ausblieb und Aktien stark stiegen, wurden die Fondsmanager auf dem falschen Fuß erwischt. Sie müssen nun nachkaufen, um ihre Rendite zu retten. In dieser Fehleinschätzung der Profis steckt ein positives Signal für private Anleger: Die Nachfrage könnte weiter anziehen und Chancen für kletternde Kurse steigen. Analysten und Investmentbanker von JP Morgan und Deutsche Bank beispielsweise sehen in einer solch „verhaltenen Rally“ beste Voraussetzungen für eine gute Entwicklung der Börsen. Erst wenn alle investiert seien, werde der Markt seine Richtung verändern.

Privatanleger müssen sich indes beizeiten fragen, wie lange die Welle hält. Die Investmentbank Morgan Stanley zum Beispiel warnte am Mittwoch vor einem Negativszenario an den Aktienmärkten. Um Gewinne sicherzustellen – bisher existieren sie ja nur auf dem Papier – können Anleger zu verschiedenen Strategien und Werkzeugen greifen. Zwei Dinge spielen dabei die entscheidende Rolle: Timing und die Instrumente der Aktion.

Gefühl für gutes Timing

„Ein fundamentaler Marktzusammenhang rät derzeit durchaus zur Vorsicht, vor allem für konservativ ausgerichtete Anleger“, sagt Felix Pieplow, Geschäftsführer der Staedel Hanseatic Asset Management. Die Anleihenrenditen seien auf Dreimonatssicht stark gestiegen, was einem deutlichen Kursverlust bei Anleihen gleichkommt. „Typischerweise reagieren Aktien mit Kursabgaben auf vergleichbare Vorgaben vom Anleihenmarkt“, erklärt Pieplow. Sollten beide Trends, also Aktien rauf und Anleihen runter, in den nächsten Wochen anhalten, seien Absicherungsmaßnahmen in Erwägung zu ziehen.

Die richtigen Papiere verkaufen

Bei der klassischen Variante, dem Verkauf aller Aktien, würde der Anleger auf kommende Kurszuwächse verzichten. Eine wichtige Determinante ist dabei der Einstandspreis. Daraus abgeleitet könnte es sinnvoll sein, bestimmte Werte zu veräußern, deren Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) bereits weit über dem Durchschnitt (im Dax zurzeit bei 12,5) liegt. Fallen Verkäufe unter die zwölfmonatige Spekulationsfrist, entstehen zusätzliche Kosten in Form von Steuern. Frei werdendes Geld aus Aktienverkäufen würde auf Geldmarktkonten geparkt und erwirtschaftet Zinsen.

Abgrenzen nach unten

Anleger, die ihre Rendite möglichst nicht schmälern möchten, bestimmen mit Stop-Loss-Aufträgen (Grenzwerte) den Zeitpunkt des Verkaufs. Sie nehmen so teil an einem eventuell intakten Aufwärtstrend an der Börse. Das Problem ist die richtige Grenzziehung. Ist die Stop-Loss-Linie zu nah am aktuellen Kurs gesetzt und die Aktie taucht nur kurzfristig ab, wird zum ungünstigen Kurs verkauft. Dann muss eine neue Einstiegsgelegenheit gefunden werden. Bei großzügiger gefassten Schwellen wächst die Gefahr der Verluste pro Titel.

Optionsscheine sichern das Depot

Eine weitere Variante, das Depot zu sichern, ist die Beimischung von Verkaufsoptionen. Anleger erwerben gegen Zahlung einer Prämie das Recht, zu einem bestimmten Kurs (Ausübungspreis) die Aktie zu verkaufen. Die Vereinbarung kann auch beinhalten, die Differenz zwischen dem Ausübungspreis und dem tatsächlichen Kurs abzuschöpfen. Beachten: Die Prämien auf die auch Puts genannten Verkaufsoptionsscheine erhöhen die Depotkosten.

Zertifikate für fallende Märkte

Anleger, denen Optionsscheine suspekt vorkommen oder zu riskant sind, greifen zu Zertifikaten, der zurzeit beliebtesten Variante. Normalerweise bilden Zertifikate die Entwicklung von Indizes oder einzelnen Aktien nach. Sie können aber auch in die andere Richtung gehen. Bernd Ehmke, Zertifikate-Experte der Landesbank Berlin, empfiehlt zur Absicherung die hauseigenen Bär-Zertifikate. „Sie funktionieren wie ein umgedrehtes Indexzertifikat, das parallel zur Entwicklung der Indizes läuft“, erklärt Ehmke. „Es gewinnt in gleichem Maße an Wert, wie der Index fällt.“ So kostet beispielsweise das Zertifikat LBB1VT bei 8000 Punkten im Dax 20 Euro. Fällt der Index auf 7900, gewinnt das Papier einen Euro und notiert bei 21 Euro. Ähnliche Zertifikate bieten auch andere Banken an, etwa unter der Bezeichnung Reverse Bonus-Zertifikat.

Auf Langzeitwirkung setzen

Anleger, die in der Regel ihre Depots selbst oder per Filialbank verwalten, könnten die ungewöhnliche Situation an den Aktienbörsen nutzen, um ihre Anlagestrategie generell zu überdenken. „Geldanlage sollte von vornherein so strukturiert sein, dass die reine Aktienquote immer dem persönlichen Risikoprofil entspricht“, rät Markus Drescher, Partner der Portfolio Consulting in Berlin. „Dann muss sie nicht permanent angepasst werden. Kurskorrekturen gleichen sich dabei im langfristigen Trend aus.“ In der fehlenden langfristigen Strategie sieht Drescher auch das entscheidende Manko im Verhalten vieler privater Investoren: „Ein großer Teil der Privatanleger hat den Kursanstieg der letzten Monate verpasst, weil sie auf einen günstigen Zeitpunkt zum Einstieg gewartet haben“, sagt Drescher. „Wenn sie vorher schon voll investiert hätten, wären sie im Markt und hätten auch genug Kursgewinne, um einen Kursrückgang zu verkraften.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben