Finanzen : Aus der Klemme

In der EU gelten bald neue Regeln für Verbraucherkredite. Die Finanzkrise hat (noch) keine Folgen

Henrik Mortsiefer

Den Kredit für die nächste Waschmaschine sollte man vielleicht in Finnland aufnehmen. Dort sind Verbraucherdarlehen nach einer Übersicht der EU-Kommission im Schnitt schon für sechs Prozent zu haben. Zum Vergleich: Bei deutschen Banken müssen Konsumenten durchschnittlich acht Prozent Zinsen bezahlen.

Doch wer sucht schon in Finnland die passende Bank? Und wer bekommt nach den Verwerfungen an den Kredit- und Aktienmärkten überhaupt noch einen Kredit? Die neue Verbraucherkreditrichtlinie der Europäischen Union, die vor zwei Wochen vom EU-Parlament verabschiedet wurde, könnte helfen. Ziel des neuen Regelwerks: der europäische Kreditmarkt soll transparenter werden und privaten Haushalten eine größere Auswahl bieten. Es geht um einen riesigen Markt. Das Volumen der Verbraucherkredite liegt allein in Deutschland bei rund 230 Milliarden Euro im Jahr, davon 130 Milliarden Ratenkredite. In der EU sind es insgesamt 800 Milliarden Euro.

Die EU-Richtlinie sieht vor, dass Kreditangebote bis 75 000 Euro künftig nach einheitlichen Kriterien ausgewiesen werden. Das betrifft unter anderem Informationen über die Verträge, das Widerrufsrecht und die Berechnung des effektiven Zinssatzes. Zwar soll die Richtlinie, die nicht für Immobilienkredite gilt, erst Anfang 2010 umgesetzt werden. Verbraucher fragen sich aber schon heute, was die neuen Normen nach den jüngsten Ereignissen am Finanzmarkt noch Wert sind. Die Angst vor einer Kreditklemme geht um: Banken, die selbst kaum noch Kredit bekommen, könnten künftig sehr viel genauer hinsehen, wem sie Geld leihen – und zu welchen Konditionen.

Doch ein Grund zur Sorge besteht (noch) nicht. Die Bundesbank gibt Entwarnung: Nach ihrer im Schlussquartal 2007 durchgeführten Bankenumfrage haben die deutschen Kreditinstitute „die Kreditrichtlinien für Ausleihungen an private Haushalte für Wohnungsbauzwecke kaum verändert und für Konsumfinanzierungen weiter leicht gelockert“. In den ersten drei Monaten des neuen Jahres wollen die Banken ihre Kreditvergabe an Verbraucher sogar weiter erleichtern. Zumindest gab dies die Mehrheit Ende 2007 an – vor dem Absturz der Finanzmärkte. Und: Die Institute lassen sich nach den Angaben zufolge ihre Bereitschaft, mehr Konsumentendarlehen auszureichen, bezahlen. Kredite sind demnach zuletzt im Schnitt also teurer geworden.

Den Weg nach Finnland können sich deutsche Verbraucher dennoch wohl sparen. Die Vorteile, die die EU-Kreditrichtlinie biete, seien für deutsche Haushalte „minimal“, meint der Bundesverband der Verbraucherzentralen. Sogar eine Verschlechterung bedeuteten die neuen Bedingungen für eine vorzeitige Rückzahlung von Krediten: Während diese in Deutschland ab Beginn des zehnten Vertragsmonats problemlos möglich ist, ist künftig für alle EU-Staaten zwingend eine Art Ablösegebühr vorgeschrieben. Damit sollen die Banken für entgangene Zinsen entschädigt werden. Der nationale Gesetzgeber kann allerdings festlegen, dass eine solche Vorfälligkeitsentschädigung nur dann greift, wenn der Rückzahlungsbetrag einen gewissen Schwellenwert überschreitet. Theoretisch können Rückzahlungen bis zu einem Wert von 10 000 Euro pro Jahr von der Vorfälligkeitsentschädigung freigestellt werden.

Mehr Information wird nach Ansicht der Verbraucherschützer außerdem künftig mit mehr Bürokratie erkauft. So müssen die Banken zu ihrem Kreditangebot ein achtseitiges Formular vorlegen, das europaweit einheitliche Informationen enthält – etwa über den effektiven Jahreszins, der ebenfalls überall in der EU nach der gleichen Methode berechnet werden soll. Schon heute sind in Deutschland Banken und andere Kreditgeber, etwa Autohändler oder Einrichtungshäuser, verpflichtet, ihren Kunden den Effektivzins anzugeben – also einschließlich Gebühren, Versicherungen und anderer Nebenkosten. Neu und vorteilhaft für deutsche Kunden: Banken müssen künftig zusätzlich einen detaillierten Tilgungsplan aufstellen. Somit können Kreditnehmer sehen, wie hoch ihre Ausgaben in jedem Monat sind. Solche Tilgungspläne sind derzeit beispielsweise in Frankreich vorgeschrieben, nicht aber in Deutschland.

Während Kritiker davor warnen, dass die EU-Richtlinie dazu führen könnte, dass Bankkunden mit noch mehr Informationen zugeschüttet werden, sehen Banken auch das lukrative Geschäft mit Dispokrediten in Gefahr. Die „unbürokratische Vergabe von Überziehungskrediten auf Girokonten“ sei in Zukunft nicht mehr wie bisher möglich. Generell warnen Verbraucherschützer davor, schon jetzt auf die Jagd nach Kreditschnäppchen im Ausland zu gehen. „Die Banken haben die Papiere noch nicht, die das Vergleichen ermöglichen sollen“, sagt Helga Springeneer vom Bundesverband. Komplexe Geschäfte wie den Abschluss eines Kredits sollten Kunden ohnehin lieber im eigenen Land erledigen. Nur ein Prozent der EU- Bürger habe bislang einen Kredit in einem anderen Land aufgenommen. Genug zu tun gibt es nach Meinung der Verbraucherlobby noch im Inland. So seien die gängigen Verfahren von Banken oder Einzelhändlern zur Bewertung von Kunden oft willkürlich, warnte der Verbraucherverband vergangene Woche. Beim „ Scoring“, der Prüfung der Kreditwürdigkeit, würden Verbraucher in Schubladen gesteckt und Zinsen ohne nachvollziehbare Begründung hochgesetzt. mit dpa

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