Bankenkrise : Der "schwarze Montag"

Der Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers und der Notverkauf des Rivalen Merrill Lynch haben die Wirtschaftswelt tief verunsichert. Stehen wir vor einem Zusammenbruch der Finanzmärkte?

New York/FrankfurtVon einem "schwarzen Montag" ist zu lesen, in Anlehnung an den "schwarzen Freitag" vom 25. Oktober 1929. Damals stürzten die Kurse ins Bodenlosen und es folgte die schwerste Weltwirtschaftskrise des vergangenen Jahrhunderts.

Doch dieser Vergleich hinkt, auch wenn einige Akteure an der Wall Street noch lange an den heutigen Ereignissen zu knabbern haben werden. Noch haben wir keine Weltwirtschaftskrise. Nach vergeblichen Rettungsversuchen musste aber die über 150 Jahre alte Bank Lehman Brothers Insolvenz anmelden. Die drittgrößte Investmentbank Merrill Lynch wurde von der Bank of America aufgekauft. Die Hiobsbotschaften lösten weltweit Schockwellen an den Börsen aus.

Aller Dramatik zum Trotz: Otto-Normalbürger muss nicht um seine Ersparnisse fürchten. Bankkunden in Deutschland sind nach Ansicht von Verbraucherschützern von der dramatischen Zuspitzung der Finanzkrise kaum betroffen. "Es gibt für normale Bankkunden derzeit überhaupt keinen Grund zur Panik", sagte der Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg, Niels Nauhauser. Nur wer Aktien oder Schuldverschreibungen der betroffenen Banken wie Lehman Brothers habe, müsse möglicherweise mit Verlusten rechnen.

An den Börsen rappelt es

Es gibt jedoch eine Furcht die alle betrifft - die Furcht vor einer Kettenreaktion im Finanzsystem, die schließlich die Weltwirtschaft als Ganzes bedroht. Daher griffen heute Notenbanken und Finanzbehörden zur Stabilisierung der Märkte ein. Zehn internationale Bankkonzerne, darunter die Deutsche Bank, legten einen 70 Milliarden Dollar schweren Unterstützungsfonds auf, um sich gegenseitig auszuhelfen.

Und an der Börse rappelte es gewaltig: Der Deutsche Aktienindex Dax schloss auf dem tiefsten Stand seit Oktober 2006. Im Handelsverlauf war er zwischenzeitlich unter die Marke von 6000 Punkten gesackt und hatte beim Stand von 5942,14 Punkten den schwächsten Stand seit September 2006 markiert. Bis Handelsende erholte er sich allerdings etwas und schloss mit minus 2,74 Prozent bei 6064,16 Punkten.

Aktienmärkte in Frankreich, Zürich, Großbritannien und Russland verbuchten ebenfalls herbe Verluste, auch in Asien reagierten die Börsen mit einem kräftigen Minus. Die Wall Street eröffnete am Montag sehr schwach. Die US-Börsen reagieren damit erwartungsgemäß auf das Bündel schlechter Nachrichten. Vor allem Finanztitel verbuchten im Sog der Krise dramatische Verluste. Börsianer spekulierten darüber, welches Unternehmen als nächstes zusammenbrechen könnte.

Greenspan: Finanzkrise ist Jahrhundertereignis

Die Europäische Zentralbank (EZB) und die Bank of England pumpten am Montag zusammen 36,3 Milliarden Euro in den Geldmarkt, um kurzfristig eine Kreditklemme zu verhindern. EZB-Präsident Jean-Claude Trichet erklärte, die EZB werde angesichts der derzeitigen Lage an den Finanzmärkten "außergewöhnlich wachsam" sein und alle tun, um ein ordentliches Funktionieren der Finanzmärkte sicherzustellen. Der frühere US-Notenbank-Chef Alan Greenspan nannte die Finanzkrise ein "Jahrhundertereignis". "Das übertrifft ohne Zweifel alles, was ich je gesehen habe - und es ist längst noch nicht überwunden", sagte er im US-Fernsehen.

Nach Einschätzung von Finanzexperten wird die Bankenkrise in den USA keine Pleitewelle im deutschen Bankensystem hervorrufen, aber weitere Zusammenschlüsse wie die geplante Fusion von Dresdner und Commerzbank. Bundesfinanzministerium, Finanzaufsicht Bafin und Bundesbank beruhigten in einer gemeinsamen Erklärung: Die Auswirkungen der Krise auf den deutschen Markt seien "verkraftbar". Ministerium, BaFfn und Bundesbank stünden in engem Kontakt mit den internationalen Partnerbehörden und den Spitzen der deutschen Kreditwirtschaft. Die weitere Entwicklung werde "sehr genau" beobachtet.

Das nächste Drama?

Unterdessen kündigt sich das nächste Drama beim amerikanischen Versicherungsriesen AIG an. Die American International Group (AIG), einer der weltgrößten Versicherer, habe die US-Notenbank um einen Überbrückungskredit von 40 Milliarden Dollar gebeten, berichtet die "New York Times". Das "Wall Street Journal" berichtet, der Konzern wolle umfangreiche Sparten verkaufen. Neue Investoren sollen zudem für eine dringend benötigte weitere Finanzspritze von mehr als zehn Milliarden Dollar (sieben Milliarden Euro) sorgen. AIG erlitt zuletzt Milliardenverluste. Die AIG-Aktie verlor am Montag zum Auftakt 45 Prozent, nachdem ein erwarteter Sanierungsplan zunächst ausblieb. (ck/dpa/AFP)

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