Börse : Sprichwörtlicher Gewinn

Börsenweisheiten sind simpel, sie haben aber einen wahren Kern. David C. Lerch stellt einige vor.

David C. Lerch

Die Experten sind sich einig, dass sie sich nicht einig sind. Bei den Prognosen für das Börsenjahr 2010 gehen die Meinungen weit auseinander, „Schaukelbörse“ heißt das im Fachjargon. Nichts für schwache Anlegernerven, könnte man meinen. Hilfe und Orientierung versprechen eine Reihe von althergebrachten Weisheiten, wie man sich an der Börse verhält. Die Ratschläge sind gut gemeint, leicht einprägsam und manche reimen sich sogar. Doch taugen sie auch was? „Die Börsenweisheiten sind verknappt und literarisch simpel dargestellt, aber sie spielen auf reale Erfahrungen an“, sagt Achim Matzke, Börsenexperte der Commerzbank. Hier sind einige der beliebtesten Tipps.

Gewinne lassen, Verluste begrenzen

Das ist wohl der profitabelste Ratschlag für Anleger, allerdings ist er auch besonders schwer umzusetzen. Es widerstrebt der menschlichen Psyche, kleine Verluste zu realisieren oder erzielte Gewinne laufen zu lassen. Börsenexperten schätzen, dass Anleger ihre Verluste etwa zwei Mal so hoch bewerten wie ihre Gewinne in gleicher Höhe. Viele Börsianer sind also bereit, hohe Einmalverluste in Kauf zu nehmen, weil sie es nicht ertragen können, mit vielen kleinen Verlusten zu leben. Schließlich fällt es oft schwer, sich eine falsche Entscheidung einzugestehen.

Der einfache Ratschlag zum Risikomanagement spielt auch bei Börsenexperten eine zentrale Rolle, nur natürlich in anderen Dimensionen. „Verluste begrenzen klingt einfach, aber bei den Profis stecken da hochkomplexe Prozesse dahinter“, erklärt Matzke.

Der Trend ist dein Freund

Diese Weisheit geht davon aus, dass sich ein bestehender Trend in der Regel weiter fortsetzt. Ist also eine Aktie auf dem Weg nach oben, gilt es als wahrscheinliches Szenario, dass sich der Trend fortsetzt. Das gilt natürlich auch in die andere Richtung, wie der nächste Börsenrat weiß.

Greife nie in ein fallendes Messer

Wenn die Kurse fallen, soll man nicht investieren, sondern erst nach einer Bodenbildung oder einem kleinen Kursanstieg, empfehlen die Auguren. Doch das ist nicht so einfach. Häufig fallen Kurse nach einer kleinen Erholung weiter. Der als „Mr. Dax“ bekannt gewordene Aktienhändler Dirk Müller verwendet dafür das Bild eines Fallschirmspringers. Es kann sein, dass dessen Flug kontrolliert verläuft. Er kann aber auch in eine Tanne und dort von Ast zu Ast stürzen. Jedes Mal wird sein Sturz gebremst, aber wenn ein Ast bricht, fällt der Springer weiter.

Die Börsenrealität des vergangenen Jahres sah etwas anders aus. Verunsichert von der Finanzkrise zögerten viele Anleger eher zu lang als zu kurz, in der Erwartung, die Kurse würden weiter purzeln. Den idealen Einstiegspunkt erwischt man ohnehin so gut wie nie – das gilt nicht nur für Privatanleger, sondern auch für Profis. Der richtige Zeitpunkt ist auch Glückssache.

Hin und her macht die Taschen leer

Mit hin und her ist das ständige Kaufen und Verkaufen von Aktien gemeint, um selbst kleine Kursschwankungen gewinnbringend auszunutzen. Richtig ist: Meistens verdient daran nur die Bank oder der Online-Broker. Richtig ist aber auch: In stark schwankenden Märkten wird Anlegern geraten, ihre Depotzusammenstellung regelmäßig zu prüfen und gegebenenfalls umzuschichten, also häufiger zu handeln. Für die meisten Anlageklassen sollte sich die Weisheit aber wohl bewahrheiten, eine langfristige Strategie zahlt sich eher aus. Eine Studie des „Handelsblatts“ bestätigt das: Je mehr ein Anleger handele, desto geringer falle seine Rendite nach den bezahlten Gebühren aus.


Kaufe bei Gerüchten, verkaufe bei Fakten

An der Börse spielt Psychologie eine wichtige Rolle. Deshalb können Erwartungen und Hoffnungen bisweilen mehr bewegen als Zahlen und Fakten. Darauf spielt diese Börsenregel an. Wenn etwa ein positives Gerücht über ein Unternehmen in Umlauf kommt, kann das die Fantasie der Anleger und damit den Kurs anregen. Bei der Bestätigung eines Gerüchts kann die gute Nachricht bereits im Kurs enthalten sein.

In eine ähnliche Richtung geht der Ausdruck „Dienstmädchen-Hausse“. So nennen Börsianer die letzte Euphorie vor dem Crash. Sinngemäß: Wenn schon die Dienstmädchen Aktien kaufen, steht die Trendwende unmittelbar bevor.

There’s no free lunch – Umsonst gibt’s nix

Diese Erkenntnis ist – gerade nach der Krise – vielleicht die wichtigste Börsenweisheit. Sie bedeutet: Gewinne ohne Risiko gibt es nicht. Auch nicht, wenn man alle die genannten Ratschläge befolgt. „Die Weisheiten sind keine automatische Gewinngarantie“, sagt Achim Matzke. Man müsse stets von Fall zu Fall entscheiden.

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