Börsen : Wall Street in Angst

Die Nerven liegen weltweit blank: Der Beinahe-Zusammenbruch der US-Investmentbank Bear Stearns lässt auch die Wettbewerber zittern. Deutsche Institute müssen offenbar auch mit weiteren Verlusten rechnen.

R. Landgraf[O. Stock],T. Riecke[O. Stock],P. Köhler
bear stearns
In der Zentrale der US-Investmentbank hat die Finanzkrise Panik ausgelöst. Pessimisten fürchten, dass sie sich ausbreitet. -Foto: dpa

New York - Nach der Fast-Pleite der US-Investmentbank Bear Stearns liegen in Politik und Finanzindustrie weltweit die Nerven blank. Erste Analysten befürchten weitere Abschreibungen von bis zu 70 Milliarden Dollar für US-Banken im ersten Quartal. Auch US-Präsident George W. Bush sieht Handlungsbedarf und hat für diesen Montag eine Krisensitzung mit Finanzminister Hank Paulson, Notenbankchef Ben Bernanke sowie anderen führenden Finanzpolitikern einberufen. Die Citibank geht davon aus, dass die US-Notenbank auf ihrer Sitzung am Dienstag die Zinsen stärker als erwartet um einen Prozentpunkt auf dann zwei Prozent senkt.

Bear Stearns, die Nummer fünf unter den Wall- Street-Banken, steht nach der dramatischen Rettungsaktion durch die US-Notenbank vom Freitag vor dem Ende. Analysten an der Wall Street erwarten, dass das 85 Jahre alte Finanzhaus in Einzelteilen oder als Ganzes verkauft wird. Als Hauptinteressent gilt dabei die Großbank JP Morgan Chase, die mit Rückendeckung der Notenbank die Liquiditätshilfe für Bear Stearns bereitgestellt hatte.

Bear Stearns wird bereits an diesem Montag seine Ergebnisse für das erste Quartal des neuen Geschäftsjahres vorlegen. Es wird erwartet, dass Konzernchef Alan Schwartz Auskunft über die „strategischen Alternativen“ geben wird, die er am Wochenende zusammen mit Beratern geprüft hat. Verschärft wird die Lage der Bank dadurch, dass das chinesische Brokerhaus Citic seinen Einstieg bei Bear überdenkt. Die Staatsbank teilte am Wochenende mit, dass die geplante Beteiligung in Höhe von rund einer Milliarde Dollar nicht mehr garantiert werden könne. Die Bank notiert inzwischen weit unter ihrem Buchwert und ist deshalb ein Schnäppchen für Kaufinteressenten.

Der Beinahe-Zusammenbruch von Bear Stearns hat auch die Finanzlage der anderen großen Investmentbanken an der Wall Street in den Blickpunkt gerückt. Die Preise für Kreditabsicherungen schnellten in die Höhe. „Wir wurden mit Anfragen überschüttet“, sagte eine Bankerin in New York. Gleichzeitig schlossen alle Bankaktien tief im Minus. Besonders hart traf es Lehman Brothers mit einem Kurseinbruch von fast 15 Prozent. Grund dafür ist die wachsende Unsicherheit der Anleger über die finanzielle Verfassung der Banken. Weitere Aufschlüsse über die tatsächliche Lage erhoffen sich die Investoren von den Quartalsergebnissen der Branche in den nächsten Tagen. „Unsere Liquiditätsposition ist sehr stark“, hieß es beschwichtigend bei Lehman Brothers. Die kurzfristigen Zahlungsverpflichtungen lägen deutlich unter der Liquiditätsreserve. Zudem habe Lehman gerade problemlos seine Kreditlinie um zwei Milliarden Dollar erweitert. Probleme hat inzwischen selbst Branchenprimus Goldman Sachs. Analysten haben ihre Ergebniserwartungen für die Bank massiv nach unten korrigiert und rechnen mit einem Gewinneinbruch von rund 60 Prozent in den ersten drei Monaten des neuen Geschäftsjahres. Die Aktie von Goldman ist seit Jahresanfang um fast 30 Prozent abgesackt.

Der dramatische Fall von Bear Stearns zeigt jedoch, wie schnell sich die Kassenlage bei einer Panik verschlechtern kann. Mitte vergangener Woche hatte Konzernchef Alan Schwartz noch öffentlich erklärt, dass die Bank ein ausreichendes Liquiditätspolster habe, um die Finanzkrise durchzustehen. Am Freitag musste der Banker dann einräumen, dass sich die Kassenlage innerhalb von 24 Stunden „deutlich verschlechtert“ hat. Innerhalb von Stunden musste die US-Notenbank ihr Diskontfenster für eine Nothilfe öffnen. Da Bear Stearns als Broker dazu keinen direkten Zugang hat, wurde der Kredit über JP Morgan weitergereicht. Das Ausfallrisiko bleibt jedoch bei der Notenbank.

Angesichts der Krise will auch die Schweizer Bank UBS noch mehr sparen, wie aus einer internen Führungskräftetagung in Berlin zu erfahren war. Das Institut hatte bereits 13 Milliarden Euro abschreiben müssen. Auch auf die Landesbanken kommen offenbar weitere Verluste in Milliardenhöhe zu. Am Wochenende hieß es in Finanzkreisen, das große Engagement bei strukturierten Wertpapieren habe sich seit Jahresanfang nochmals „negativ in den Bilanzen bemerkbar gemacht“. HB

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