Branchenkrise : Autohändler in Not

Jedes vierte Unternehmen ist in seiner Existenz bedroht. Verbraucher können hohe Rabatte aushandeln – auch im neuen Jahr.

Yasmin El-Sharif,Henrik Mortsiefer

BerlinIm VW-Autohaus in der Neuköllner Hasenheide könnte man in diesen Tagen eine Stecknadel fallen hören. „Die Kunden bleiben weg. Fast niemand will kaufen“, sagt Fritz Reetz. Das Neuwagengeschäft sei seit dem Sommer regelrecht eingebrochen, klagt der Autohändler. Auch die Gebrauchtwagen verkauften sich schlecht. Viele Absatzflauten habe er in seinem Berufsleben bereits erlebt, aber „dieses Mal ist es echt krass“, sagt Reetz.

Die weltweite Krise auf dem Automarkt macht auch vor den Türen der Berliner Händler nicht halt. „Die Zahl unserer Kunden hat sich in den vergangenen Monaten halbiert“, berichtet ein Toyota-Verkäufer aus Mitte. Schuld sei die Finanzkrise. Denn die verunsichere die Verbraucher. „Die meisten halten jetzt ihr Geld beisammen. Es weiß ja keiner, was noch kommt.“

Dieter Rau, Geschäftsführer der Kfz-Innung Berlin, meint hingegen, die Sättigung des Marktes sei schon seit Jahren absehbar gewesen, unter anderem, weil Autos immer langlebiger geworden seien. Zudem sei Mobilität stetig teurer geworden. „Die Hersteller haben es aber versäumt, die Zeichen der Zeit zu erkennen und haben einfach so weiter gemacht wie vorher“, schimpft Rau.

Und so bleiben die rund 20 000 Händler in Deutschland, davon etwa 430 in Berlin, nun auf den Beständen sitzen. Mit fatalen Folgen: Im laufenden Jahr sollen bis zu zwei Drittel aller Händler rote Zahlen schreiben, befürchtet der Zentralverband des Deutschen Kraftfahrzeuggewerbes. Im Durchschnitt werde die Rendite bei den Händlern gegen Null gehen, heißt es. 2007 lag die durchschnittliche Umsatzrendite bei 0,1 Prozent.

Branchenbeobachter warnen vor einer Pleitewelle. „Ein Viertel aller Händler wird aufgeben müssen“, sagt Ferdinand Dudenhöffer, Auto-Professor an der Universität Duisburg. Auch Matthias Bentenrieder, Automobilexperte und Partner bei der Unternehmensberatung Oliver Wyman, zeigt sich im Gespräch mit dem Tagesspiegel pessimistisch. Bis zu 30 Prozent aller Händler könnten in den nächsten 24 Monaten vom Markt verschwinden, vermutet er. „Wenn es sehr hart kommt, wird es ein richtiges Massensterben geben“, sagt Bentenrieder.

Vor allem treffe es kleine Händler und solche, die im Leasinggeschäft zu hohe Restwerte einkalkuliert haben. Das ist der Preis, mit dem ein Händler für den Wiederverkauf eines Autos nach Ablauf der Leasinglaufzeit rechnet. „Da sind oft völlig falsche Prognosen abgegeben worden“, sagt Bentenrieder. Um die zurückgekommenen Autos überhaupt noch loszuschlagen, müssten die Händler nun Verluste in Kauf nehmen. Zwei Drittel aller in Deutschland neu zugelassenen Autos werden finanziert oder geleast. Das liegt vor allem an der hohen Quote an gewerblich genutzten Fahrzeugen. So entfielen 2007 von 3,2 Millionen Neuzulassungen rund zwei Millionen auf Autovermieter, Firmen und Selbstständige.

Um Gebrauchte und Neuwagen noch loszuwerden, müssten sich viele Händler auf neue Rabattschlachten einlassen, meint Berater Bentenrieder. In den kommenden Wochen und Monaten werde dieser Trend zunehmen. „Rabatte von bis zu 25 Prozent sind möglich“, sagt er, selbst wenn die Renditen dabei auf der Strecke blieben. „Der Autohändler steht noch schneller vor dem Aus, wenn er gar nichts verkauft.“

Was für die Unternehmen bitter ist, freut die Verbraucher. Ferdinand Dudenhöffer rechnet 2009 ebenfalls mit steigenden Rabatten. Er erwartet, dass wegen der zahlreichen Leasingrückläufer die Gebrauchtwagenpreise im kommenden halben Jahr um bis zu zehn Prozent sinken. Bei den Finanzierungskonditionen müssten die Verbraucher allerdings Abstriche in Kauf nehmen – etwa höhere Anzahlungen, Leasingraten, Zinsen und kürzere Laufzeiten. Dudenhöffers Tipp: bis 2009 warten – und bar bezahlen.

Der Automobilclub ADAC rät hingegen potenziellen Käufern zu schnellen Entscheidungen: „Autofahrer sollten jetzt intensiv über den Kauf eines neuen Wagens nachdenken“, sagte ADAC-Präsident Peter Meyer. Die Rabatte seien schon hoch, hinzu komme die beschlossene Kfz-Steuerentlastung für Neuwagen mit Euro -5- und Euro -6-Abgasnorm. Insbesondere bei großen Fahrzeugen stünden die Chancen im Moment gut, hohe Rabatte herauszuholen, meint auch Berater Bentenrieder. Kleinwagen hingegen seien relativ begehrt.

Jürgen Tewes von der Stiftung Warentest gibt zu bedenken, dass sich ein Anfang kommenden Jahres und nicht Ende 2008 gekaufter Neuwagen später teurer verkaufen lasse, weil er als Erstzulassung das spätere Jahr 2009 im Fahrzeugschein stehen habe. „Das kann schon 1000 bis 1500 Euro für den Gebrauchten ausmachen“, sagt Tewes. Allerdings zögen die Neuwagenpreise im Frühjahr traditionell wieder an. Das spreche für den baldigen Autokauf. „Die Zeiten waren selten günstiger als heute.“ Wie viel Rabatt man beim Kauf erzielen könne, hänge vom persönlichen Verhandlungsgeschick des Käufers ab. „Man sollte zum Beispiel gezielt nach Lagerfahrzeugen fragen.“

Auch Bentenrieder rät Verbrauchern, die sich mit dem Gedanken an ein neues Auto tragen, schnell zu handeln. Denn in einem halben Jahr könnten die Bestände deutlich reduziert sein. „Vor allem Vertragshändler versuchen zum Jahresende, ihr Lager abzuverkaufen“, fügt Warentester Tewes hinzu. Das schaffe Platz für die neuen Modelle.

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