Charttechnik : Kurven deuten

Einsteigen oder nicht? Die Charttechnik bietet umstrittene Hilfsmittel beim Aktienkauf.

Veronika Csizi

Rund zehn Prozent hat sich der Dax inzwischen von jenen 6168 Punkten distanziert, auf die er Mitte März gesackt war. Für Anleger stellt sich nun die Frage, ob der jüngste Anstieg über 6700 Punkte nur eine kurzfristige Gegenbewegung ist oder ob sich ein Einstieg schon wieder lohnt. Um den richtigen Zeitpunkt für Kauf oder Verkauf einer Aktie oder eines Index zu finden, kann eine umstrittene Technik helfen, die zwar von fast allen Banken und Großanlegern intensiv genutzt, von den meisten privaten Anlegern indes gemieden wird: die technische Analyse oder auch Charttechnik.

Anders als die fundamentale Analyse, die Bilanzen durchforstet, Nachrichten auswertet, die Auftragslage eines Unternehmens prüft oder Branchenvergleiche bemüht, beschränken sich Charttechniker allein auf das Kursbild, den Chart. Der Aktienkurs im Chart, so ihr Credo, sei das Ergebnis aller Erwartungen, Hoffnungen und Handlungen. In ihm seien Fakten ebenso enthalten wie psychologische Faktoren oder Massenphänomene, etwa Angst oder Herdentrieb. Um Prognosen für Kursverläufe zu erhalten, vergleicht die Charttechnik historische Kursmuster mit aktuellen, erhält eine mathematisch berechenbare Wahrscheinlichkeit für ein bestimmtes Szenario und zieht daraus Schlüsse für die Zukunft.

Der Trend ist dein Freund

„Die Charttechnik bietet auch dem Kleinanleger ein gutes Rüstzeug für das Management des eigenen Depots“, ist sich Wieland Staud von Staud Research sicher, der seine Analysen vor allem für institutionelle Anleger erstellt. Entscheidend für den Erfolg an der Börse sei vor allem der richtige Zeitpunkt für den Ein- und Ausstieg. Hier sei die technische Analyse der fundamentalen Betrachtung weit überlegen. Ein starkes Verkaufssignal sei etwa, wenn bei guter Stimmung ein Aufwärtstrend nach unten durchbrochen werde. Die Linie erhält man, indem man die Tiefpunkte in einem Chart auf einer Geraden miteinander verbindet. „Dann liegt die Wahrscheinlichkeit, dass der Markt etwa zehn bis 20 Prozent fällt, bei 80 Prozent“, sagt Staud. Der Dax hat seinen Aufwärtstrend bei 7700 Punkten im Herbst 2007 gebrochen, Staud Research habe bei 7510 Punkten zum Verkauf geraten. Grundsätzlich gelte: „The trend is your friend“ („Der Trend ist dein Freund“). Falle der Markt, so Staud, liege die Wahrscheinlichkeit für weitere Verluste bei 66,6 Prozent, die Chance einer Trendumkehr dagegen nur bei einem Drittel.

Widerstände und Unterstützungen

Gerne arbeiten Charttechniker auch mit sogenannten „Widerständen“ und „Unterstützungen“, also Kursniveaus, an denen ein Wertpapier auf dem Weg nach oben oder nach unten mindestens zwei Mal seine Richtung geändert hat. Die Marke von etwa 6410 bis 6380 Punkten im Dax könnte aktuell somit als Unterstützung gewertet werden, während massive Widerstände bei 6940 und rund 7000 Punkten warten. Wer den kurzfristigen Trend abschätzen möchte, kann sich auch die sogenannte 200-Tage-Linie ansehen, den Durchschnittskurs der letzten 200 Tage. Hier gilt vielen technischen Analysten die Faustregel: Notiert der Kurs oberhalb der Linie, ist dies ein positives Zeichen, darunter ein negatives. Aktuell verläuft diese Linie im Dax etwa bei 7500 Punkten.

Auf die Lunte kommt es an

Nahezu alle Banken bieten ihren Anlegern im Internet Charts, die diese Linien anzeigen, aber auch andere Hilfsmittel der Charttechnik, etwa „Candlesticks“. Dabei werden die Kurse mittels schwarzer oder weißer Kerzen samt Docht nach oben und/oder unten dargestellt, so dass auf einen Blick erkennbar ist, ob ein Papier innerhalb eines Zeitraums gestiegen oder gefallen ist beziehungsweise wo die Kursextreme liegen. Hieraus kann der Anleger Schlüsse ziehen: Eine lange schwarze Kerze ohne Docht ist beispielsweise ein sehr negatives Signal, während mit einem „Bullish Belt Hold“, einer langen weißen Kerze ohne unteren Docht, die Hoffnung auf ein Ende eines Abwärtstrends bestehen kann. Und die DZ Bank sieht aktuell in der Montagskerze des Dax eine „Lunte“, was aufkommende Stärke signalisiere.

Wimpel, Diamant oder Dreieck

Echte Chartkönner interpretieren in Charts dabei zahllose weitere Formationen hinein, etwa sogenannte Schulter-Kopf-Schulter-Formationen, Wimpel, Diamanten oder Dreiecke, die je nach Zusammenhang interpretierbar sind. Andere nutzen sogenannte Elliott-Wellen, deren regelmäßige Wiederkehr in jedem Kursverlauf der Mathematiker Ralph Nelson Elliott vor rund 80 Jahren entdeckt haben will. Vielfach beachtet werden auch sogenannte Gaps, das sind Zonen ohne jede Handelsaktivität, also Kurssprünge von Indizes oder Aktien, die sich im Chartbild als Lücken (Gaps) darstellen. Hüpft beispielsweise der Dow Jones in einem Abwärtstrend ein Stück nach unten, so liegt die Chance, dass er an das Gap zurückkehrt, es also schließt, im Normalfall bei mindestens 70 Prozent. Der Anleger könnte diese Wahrscheinlichkeit nutzen, um einen günstigeren Ausstiegskurs zu erzielen. Eine Aussage über den generellen Kursverlauf lässt sich damit aber nicht treffen.

Die Kritik: Nicht besser als der Zufall

Beim bedingungslosen Glauben an die Wiederkehr alter Kursmuster setzt jedoch die Kritik an der Charttechnik an. Börsen-Altmeister André Kostolany charakterisierte die technische Analyse nur abfällig als „Wissenschaft, die vergeblich sucht, was Wissen schafft“. Andere Kritiker bezweifeln, dass die Prognosefähigkeit der Charttechnik unter dem Strich über 50 Prozent, also über jener des puren Zufalls liegt. So haben die amerikanischen Investmenthäuser Citigroup und Prudential Financial ihre Charttechnik-Teams abgeschafft. Bei der Deutschen Bank will man sich gar nicht dazu äußern, welchen Sinn charttechnische Betrachtungen haben. Und bei der Berliner Volksbank, die im Internet ausführliche Informationen zum Thema zur Verfügung stellt, steht Charttechnik „nur auf ausdrücklichen Kundenwunsch im Mittelpunkt der Beratung“. Dass mit Uwe Wagner und seinen Firmen gerade einer der bekanntesten technischen Analysten in Insolvenz gehen musste, ist nicht gerade ein ermutigendes Signal.

Befürworter der Charttechnik führen dagegen ins Feld, dass die technische Betrachtung ein emotionsloseres Engagement erlaube. „Wer sich an einer qualitativ hochwertigen Charttechnik-Analyse orientiert, trifft sehr viel bessere Entscheidungen“, sagt Wieland Staud. Die Frage nach den Aussichten für den Dax beantworten Charttechniker derzeit relativ ähnlich. Die Hessische Landesbank stellt fest, dass „die Luft dünner wird“, da der Anstieg nicht von steigenden Umsätzen begleitet worden sei. Auch HSBC erwartet noch keine Trendumkehr. Klare Kaufsignale sehen viele Charttechniker, wenn die Marke von 7000 Punkten zurückerobert ist, an der der Dax im Februar mehrfach gescheitert ist. Richtig nach oben geht es aus technischer Sicht jedoch erst, wenn der langfristige Aufwärtstrend wieder überschritten ist. Der liegt jedoch bei 7360 Punkten.

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