Dax-Absturz : Ist der Fünf-Milliarden-Betrüger schuld?

Der kleine Aktienhändler Jérôme Kerviel hat Frankreichs Top-Geschäftsbank Société Générale um 4,9 Milliarden Euro ärmer gemacht. Nun wird spekuliert, ob er den Schwarzen Montag auslöste. Doch kann das ein Einzelner?

Irja Most
Jerome Kerviel
Soll seinen Arbeitgeber durch riskante Geschäfte um fünf Milliarden Euro geprellt haben: Jérôme Kerviel. -Foto [M]: dpa

BerlinDie Gerüchteküche in der Bankenwelt kocht: In der Branche wird diskutiert, ob die Fehlspekulationen des Brokers Jérôme Kerviel, der die französische Top-Geschäftsbank Société Générale (SocGen), um 4,9 Milliarden Euro brachte, Grund für den Zusammenbruch der Börsen am Montag gewesen sein könnten. „Das ist eine Überinterpretation“, meint Wolfgang Gerke, Experte für Banken und Finanzierung an der Universität Erlangen. „Es kann durchaus sein, dass man auch schon vorher versucht hat, die Positionen wieder abzubauen.“ Seiner Ansicht nach sind die Informationen, die die Société Générale herausgibt mit Vorsicht zu genießen. Es ist gut möglich, dass die Bank im Strudel des Abwärtstrends der Kurse verkaufen musste, um nicht noch mehr Verluste hinnehmen zu müssen.

Ebenso hält er es für unwahrscheinlich, dass Kerviel allein für das Desaster verantwortlich ist. „Die Schieflage, die es dort gegeben hat, ist von einer derartigen Dimension; ich halte es für ein Märchen, dass nur ein Mitarbeiter davon gewusst hat“, so Gerke. Er ist der Meinung, dass mindestens mehrere Mitarbeiter der Bank von den Geschäften wusste und Stillschweigen bewahrte, so lange sich Geld verdienen ließ.

''Wir sind fast vom Stuhl gefallen''

Was war geschehen? Der bisher unscheinbare Börsenhändler Jérôme Kerviel mit nicht einmal einem Jahresgehalt von 100.000 Euro, angestellt bei Frankreichs zweitgrößter Traditionsbank Société Générale, hatte knapp fünf Milliarden Euro mit Termingeschäften verzockt, indem Kerviel die Kontrollsysteme der Bank geschickt ausgetrickst haben soll. Kerviel handelte mit sogenannten Future-Geschäften, mit denen auf künftige Marktentwicklungen gewettet wird. Kerviel hat bis Ende des Jahres auf fallende Märkte, Anfang des Jahres aber plötzlich auf steigende Märkte gesetzt.

Der junge Mann Mitte 30 habe über das vergangene Jahr seine eigenen Geschäfte "innerhalb der Bank" gemacht, teilte SG-Bankenchef Daniel Bouton mit. Er sei dabei so schlau vorgegangen, dass er unbemerkt durch sämtliche Kontrollen gerutscht sei. Bei der Suche nach seinem Motiv hieß es nach einer Krisensitzung mit der Chefetage schlicht, der Händler habe das Geld "einfach verspielt". Ein Gewerkschaftsmitglied sagte, der Händler habe die Firma anscheinend "nicht zu seinen Gunsten" betrogen. "Wir sind fast vom Stuhl gefallen", fügte er hinzu. "So etwas hat man noch nicht gesehen." Kerviel soll familiäre Probleme gehabt haben, berichteten Gewerkschaftsvertreter weiter.

''Er war ein netter Kerl''

Kerviel hat einen Master-Abschluss der Universität Lyon und arbeitete seit 2000 bei der Pariser Bank. Eine frühere Hochschullehrerin beschrieb Kerviel als "brillanten" Studenten. "Er war ein netter Kerl", sagte sie. Bis vor zwei Jahren sei Jérôme Kerviel im so genannten Back Office tätig gewesen, seit 2005 im Handelsraum. Bankchef Bouton entschuldigte sich bei einer Pressekonferenz bei allen Anlegern für den Vorfall. Vizechef Philippe Citerne sprach von einem "nicht zu erklärenden Akt der Böswilligkeit". Bouton kündigte an, Citerne und er selbst würden sich ihren Bonus für das vergangene Jahr nicht auszahlen lassen. Bis "mindestens Juni" würden sie zudem auf ihr Festgehalt verzichten. Bankenchef Bouton hatte außerdem seinen Rücktritt angeboten, dies habe die Bank aber abgelehnt.

Die Bank zeigte Kerviel an und auch etwa hundert Anleger erstatteten eine Sammelanzeige, wie Rechtsanwalt Frederik-Karel Canoy mitteilte. Sie wollten unter anderem wegen "Betruges, Vertrauensmissbrauchs und Fälschung" gegen das Geldinstitut vorgehen. Seine Mandanten hätten auf einen Schlag "wahrscheinlich ihr gesamtes Geld verloren", sagte der Anwalt. Die französische Zentralbank kündigte eigene Ermittlungen an. Frankreichs Regierungschef François Fillon sprach am Rande des Wirtschaftsforums in Davos von einer "schwer wiegenden Angelegenheit".

Gewinneinbruch von 4,4 Milliarden Euro zum Vorjahr

Die Société Générale hatte schon vergangene Woche mitgeteilt, dass einer ihrer Aktienhändler in Paris fiktive Geschäfte gemacht und dabei die Kontrollmechanismen umgangen habe. Der Angestellte habe den Betrug zugegeben und werde entlassen; mehrere Manager, denen seine Machenschaften entgangen waren, müssten ebenfalls gehen. Zu den 4,9 Milliarden Euro Verlust durch den Betrug des Händlers kommen nach Angaben der Bank noch zwei Milliarden Euro, die das Haus wegen der weltweiten Finanzkrise abschreiben muss.

Trotz der Belastungen werde der Gewinn der Bank für das vergangene Jahr noch im positiven Bereich liegen, erklärte das Unternehmen. Es sei mit 600 bis 800 Millionen Euro zu rechnen. Im Jahr davor hatte die Bank noch 5,2 Milliarden Euro verdient. Um den Verlust auszugleichen, will die Société Générale in den kommenden Wochen ihr Kapital um 5,5 Milliarden Euro erhöhen. JPMorgan und Morgan Stanley haben bereits Interesse signalisiert. Für die traditionsreiche Société Générale, die während des zweiten französischen Kaiserreiches 1864 gegründet wurde, würde deren Einstieg einen Verlust der lange gehüteten Unabhängigkeit bedeuten. (mit AFP/dpa)

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