Finanzen : Den Absturz vor Augen

In China droht ein drastischer Einbruch am Aktienmarkt. Doch die Wirtschaft dürfte das kaltlassen

Stefan Kaiser

Berlin - Auf dem chinesischen Aktienmarkt kann es einem derzeit leicht schwindelig werden. Die Kurse schwanken extrem stark. Mal geht es acht Prozent nach unten, danach wieder fünf Prozent nach oben. Weil es zuletzt öfter abwärts als aufwärts ging, hat der wichtigste Aktienindex des Landes, der Shanghai Composite, in den vergangenen drei Wochen rund zehn Prozent seines Wertes verloren. Ein Grund für die Nervosität ist die rasante Aufwärtsentwicklung der vergangenen Monate. Seit Anfang 2006 hat der Index seinen Wert mehr als verdreifacht. Viele Experten rechnen daher mit einem Crash. „Das Niveau ist zu hoch und lässt sich nicht plausibel begründen“, sagt Eddy Henning, Firmenkundenchef der Deutschen Bank in Peking. „Eine deutliche Korrektur ist sehr wahrscheinlich.“ Henning rechnet mit einem Absturz von 20 bis 30 Prozent und steht damit nicht alleine da.

Gerne werden zurzeit deshalb Horrorszenarien entworfen, die die Folgen eines solchen Crashs für Finanzmärkte und Weltwirtschaft ausmalen. Doch die meisten Experten betrachten das Thema weitaus nüchterner. „Ausländer sind in China fast gar nicht im Markt, deshalb wären die Auswirkungen sehr gering“, sagt Oliver Stönner-Venkatarama, Investmentstratege für Emerging Markets bei Cominvest. An den Festlandsbörsen in Schanghai und Shenzen hielten Ausländer nur rund ein Prozent der Aktien. „Die Übertragungseffekte sind vernachlässigbar“, sagt Stönner-Venkatarama. Michael Heise sieht dagegen durchaus die Möglichkeit, dass ein Crash in China auch andere Länder mit nach unten reißen könnte. „So ein Rückschlag würde überschwappen auf andere Hochrisikomärkte“, sagt der Chefvolkswirt der Allianz. Investmentfonds und Hedgefonds würden ihre Gelder möglicherweise in Panik auch aus anderen Schwellenländern abziehen. Doch dieser Effekt, meint Heise, wäre wohl nicht von langer Dauer.

Noch geringer schätzen die meisten Experten die Auswirkungen auf die reale Wirtschaft ein. „Wir sind der Meinung, dass es für die chinesische Volkswirtschaft ziemlich egal ist“, sagt Deutsche-Bank-Mann Henning. „Die Börsen sind hier noch kein wichtiges Finanzierungselement. Nur fünf Prozent des Vermögens der Chinesen ist in Aktien investiert“, erklärt er und rechnet allenfalls mit einer Wachstumsdelle von 0,5 bis ein Prozent. Bei jährlichen Wachstumsraten zwischen zehn und elf Prozent dürfte dies kein wirkliches Problem darstellen. In den ersten drei Monaten des Jahres ist die chinesische Wirtschaft um 11,1 Prozent gewachsen, wie die chinesische Zentralbank berichtete. Für das Gesamtjahr rechnet sie mit 10,8 Prozent.

Die chinesische Regierung tritt derzeit auf die Bremse und versucht eine Überhitzung der Volkswirtschaft zu verhindern. Vor wenigen Wochen kündigte sie die Kürzung der Exportsubventionen an, um den riesigen Handelsbilanzüberschuss des Landes einzudämmen. „Das war wichtig“, sagt Henning von der Deutschen Bank.

Die Regierung will auch das Aktienfieber senken, das viele Chinesen in den vergangenen Monaten erfasst hat. Dazu hat sie bereits die Steuer auf Aktiengeschäfte erhöht und lässt immer mal wieder warnende Meldungen von der Zentralbank oder den staatlichen Medien veröffentlichen. Derzeit ist im Gespräch, die Steuer auf Zinsen aus Bankeinlagen zu senken um diese gegenüber Aktien attraktiver zu machen.

Die einzigen wirklichen Verlierer eines Börsencrashs wären die chinesischen Anleger. Zwar sind immer noch relativ wenig Chinesen am Finanzmarkt aktiv – Schätzungen gehen von 50 Millionen aus. Gemessen an einer Gesamtbevölkerung von 1,3 Milliarden ist das nicht gerade viel. Doch die Spekulanten bilden die neue Mittelschicht. Platzt die Börsenblase, droht zumindest denen, die spät eingestiegen sind, der soziale Abstieg. „Es gibt in China keine Altersvorsorge nach westlichem Muster“, erklärt Friedolin Strack, Geschäftsführer des Asien-Pazifik-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft. „Die, die es sich leisten können, versuchen ihre Altersversorgung über die Börse aufzubauen.“ Und zwar über die chinesische Börse, denn sie dürfen ihr kleines Vermögen in der Regel nur im Inland investieren. Dies ist ein wesentlicher Grund für die Blase am Aktienmarkt.

Die Experten hoffen jetzt, dass die Regierung langsam die Luft rauslässt und den Markt öffnet. „Wenn auch Ausländer in China investieren dürfen, wird dies den Markt stabilisieren“, sagt Analyst Stönner-Venkatarama und hat dabei auch das Interesse der westlichen Investoren im Blick, die keine Angst haben und auf den Wachstumsmarkt China warten.

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