Finanzen : Drachen im Depot

Chinas Märkte sind für private Anleger schwer zugänglich. Chancen bietet die Börse in Hongkong

Veronika Csizi
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Bauboom in Schanghai. China ist die Wachstumslokomotive der Welt. Foto: dpaEPA

Berlin - China ist das Land der gigantischen Zahlen. Hier leben mehr als 1,3 Milliarden Menschen, das Land schafft trotz Krise wieder acht Prozent Wachstum und verfügt über zwei Billionen Dollar Devisenreserven. Die führenden chinesischen Banken sind die größten der Erde. Auch Immobilien in den Kernstädten zählen inzwischen zu den teuersten: In Hongkong wechselte gerade ein 570-Quadratmeter-Apartment für 66 400 Euro den Besitzer – pro Quadratmeter.

China gilt als Wachstumslokomotive der Welt. Anleger konnten davon profitieren: Die Börsen in Hongkong und auf dem Festland in Schanghai und Shenzhen liegen auf Jahressicht satt im Plus. Rund 60 Prozent legten der Hang Seng-Index und der Hang Seng China Enterprises binnen eines Jahres zu, fast 70 Prozent der CSI 300 (siehe Infokasten). Lohnt es sich auch für den Privatanleger, einen Teil seines Geldes in China anzulegen – zumal nach den gewaltigen Kursgewinnen der letzten Monate?

Die meisten China-Experten beantworten die Frage mit einem klaren Ja. „China-Aktien gehören grundsätzlich in jedes Wertpapierdepot“, sagt Arne Tölsner, Asien-Experte bei Allianz Global Investors. China werde in einigen Jahren auch bei der Geldanlage zum Reich der Mitte werden. Ins gleiche Horn stößt Jing Ulrich, Leiterin des Aktien- und Rohstoffgeschäfts von JP Morgan in China: Es bestehe kein Zweifel daran, dass die Erfolgsgeschichte weitergehen werde, ist sich die gebürtige Chinesin und Harvard-Absolventin sicher. Wer im Reich der Mitte investiere, werde dabei meist gut verdienen. Aktuell lägen die großen Börsenbarometer zudem weiter deutlich unter ihren Höchstkursen.

Für interessant hält Jing Ulrich vor allem die Branchen Computer, Unterhaltungselektronik, Werbung, Medien, Autos und Gesundheit. Zwar spare ein Chinese im Schnitt 40 bis 50 Prozent seines Einkommens, doch werde der private Konsum breitflächig zunehmen. In China besitzen zwar 300 Millionen Menschen ein Handy, 100 Millionen mehr als in den USA. Eine Milliarde aber hat noch kein Mobiltelefon. Und erst sechs Prozent der Chinesen fahren im eigenen Auto.

Das Hauptproblem bei der Geldanlage in China ist: Die großen Märkte auf dem Festland sind für ausländische Privatinvestoren schwer zugänglich. Wer sich an diesen mittlerweile sehr liquiden Börsen – die Umsätze in Schanghai liegen achtmal höher als jene in Hongkong – beteiligen will, kann dies nur über eine Handvoll Zertifikate und Fonds tun. Allerdings gehören die von chinesischen Privatanlegern dominierten Festlandbörsen zu den schwankungsreichsten überhaupt. „Das ist nichts für schwache Nerven“, weiß Alexander Banik, ein auf China spezialisierter Fondsmanager der DWS, der Fonds-Tochter der Deutschen Bank.

In der Tat: Die Wertentwicklung des breiten Festland-Index CSI 300 glich in den letzten Jahren einem Ritt auf dem chinesischen Drachen. 2005 noch bei gut 900 Punkten, jagte das Börsenbarometer bis Oktober 2007 auf knapp 6000 Zähler, brach schließlich binnen eines Jahres auf 1655 ein und liegt nun wieder bei 3624 Punkten. Banik rät deutschen Anlegern, Papiere der größten festlandchinesischen Firmen über die frei zugängliche und etablierte Börse Hongkong zu kaufen. Auch Banik selbst investiert hier mit dem DWS China, er hat damit auf Jahressicht in Euro ein Plus von 41 Prozent eingefahren. Zu den erfolgreichsten deutschen China-Fonds gehört mit einem Jahresplus von etwa 49 Prozent der Allianz RCM China. Auch er steckt das Geld seiner Anleger vor allem in Hongkonger Aktien.

Deutlich mehr haben ausländische China-Fonds für den Anleger erzielt, etwa der Henderson China mit einem Plus von 117 Prozent. Wer nur passiv auf einen Index setzen möchte, kann in die günstigeren Exchange Traded Funds (ETF) investieren. Solche Indexfonds bieten der Barclays-Ableger iShares oder Lyxor, eine Tochter der französischen Société Générale, an.

Obwohl mittel- bis langfristig optimistisch, erwartet Banik im ersten Halbjahr zunächst Gegenwind für Chinas Börsen: „Ab Februar rechne ich mit Gewinnmitnahmen.“ Privatanleger, die China in ihr Depot aufnehmen möchten, sollten bis zur Jahresmitte 2010 warten, rät er. Auch Tölsner befürchtet, dass die aktuellen Bewertungen etwas zu ambitioniert seien. „Schwache Tage kann der Anleger dennoch zum Einstieg nutzen.“ Langfristig sei das Bild intakt: Der Staat verfüge über Geld für weitere Konjunkturpakete, die Haushalte seien kaum verschuldet. Die massive Kreditvergabe wolle Peking sanft zurückfahren.

DWS-China-Experte Banik sieht indes auch Risiken wie die rasche Verstädterung, überdimensionierte Infrastrukturprojekte und Umweltprobleme. An den Immobilienmärkten seien Anzeichen einer Blase erkennbar. Berücksichtigen müssten Anleger auch Informationsdefizite im kommunistischen China: „Finanzinformationen von einigen Staatsunternehmen sind vermutlich beschönigt. Der Investor muss Abschläge einkalkulieren.“

Dennoch: Zehn Prozent des Depotvolumens, da sind sich China-Experten einig, sind im Reich der Mitte gut aufgehoben. Nach einer Studie von Goldman Sachs wird China im Jahr 2050 über eine jährliche Wirtschaftsleistung von 70 000 Milliarden Dollar verfügen. Die gesamte Erde erwirtschaftet aktuell 45 000 Milliarden.

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