Dubai in Geldnot : Krise im Wüstenparadies

Die Baukräne stehen still, die Immobilienpreise fallen. Die gesamte Finanzarchitektur des einstigen Boom-Emirats Dubai wackelt.

Martin Gehlen[Kairo]
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Vor der Krise wurde in Dubai überall gebaut: Zum Beispiel die Dubai Marina. -Foto: dpa

Vor zwei Wochen hatte er sein kleines, sonniges Paradies zum letzten Mal schöngeredet. „Ich glaube nicht, dass wir irgendwelche Fehler gemacht haben“, versicherte der gewöhnlich eher wortkarge Herrscher Mohammed bin Raschid al Maktum auf einer Pressekonferenz. Auf Wirtschaftskongressen lässt er sich gerne als kühnen Visionär feiern, für 2020 will „Scheich Mo“, wie ihn seine Untertanen nennen, sogar die Olympischen Spiele in sein Emirat holen. Dubai werde alle Schulden zurückzahlen, versprach der 60-jährige Herrscher und fügte selbstbewusst hinzu, die Wirtschaftskrise werde sein Land nicht daran hindern, „seine Entwicklungspläne zu verwirklichen, seine führende Position auszubauen und auch weiterhin eine wichtige Rolle auf der Bühne der internationalen Wirtschaft zu spielen“.

In welchem Gewand sich Dubai jedoch künftig auf der Weltbühne bewegen wird, darüber gibt es seit Mittwoch düstere Spekulationen. Seit das staatliche Firmenkonglomerat Dubai World kurz vor Beginn des viertägigen islamischen Opferfestes in einer dürren Mitteilung alle internationalen Schuldner aufforderte, „wenigstens bis zum 30. Mai 2010“ die Rückzahlung aller Kredite zu stunden, sind die Finanzmärkte weltweit in Alarm versetzt. Allein der Immobilienentwickler Nakheel müsste eigentlich bis zum 14. Dezember 3,5 Milliarden Dollar berappen, bis zum 13. Mai 2010 käme eine weitere Milliarde hinzu. „Der Markt hat eine pünktliche Rückzahlung der 3,5 Milliarden Dollar von Nakheel erwartet“, sagte Eckhart Woertz vom Golf-Forschungszentrum der Agentur Reuters. Nun sei viel Vertrauen zerstört worden.

Andere Vermögensverwalter bezeichneten das Signal aus Dubai als schockierend. „In den vergangenen Monaten gaben die aktuellen Nachrichten den Anlegern eher das Gefühl, dass Dubai aller Wahrscheinlichkeit nach seinen Verpflichtungen nachkommt“, sagte Shakeel Sarwar von der Investmentbank Sico. Von einem Riesending sprach ein Händler für Kreditversicherungen: „Das ist das größte Kreditproblem auf staatlicher Seite seit dem Beginn der globalen Krise.“ Beobachter spekulieren über einen Dominoeffekt, der die gesamte Finanzarchitektur des glitzernden „Monacos am Golf“ zum Einsturz bringen könnte. Internationale Ratingagenturen stuften die Kreditwürdigkeit aller großen Dubaier Immobilienfirmen drastisch herab. Die Raten für Kreditausfallversicherungen schnellten über Nacht um 30 Prozent in die Höhe. Denn niemand weiß, ob der Kleinstaat am Golf mit seinen 1,2 Millionen Einwohnern noch in der Lage ist, die gigantischen Schulden zu bedienen. Das Finanzgebaren der herrschenden Scheichs ist absolut intransparent. Nach Berechnungen der US-Ratingagentur Standard & Poor’s müssen die staatsnahen Baukonzerne Dubais in den kommenden drei Jahren insgesamt 50 Milliarden Dollar an Krediten zurückzahlen, das entspricht 70 Prozent des Bruttoinlandsproduktes von Dubai. Hinzu kommen nach Schätzungen von Banken bis zu 30 Milliarden Euro weitere öffentliche Schulden.

Auf den meisten Baustellen in dem einst bewunderten Juwel der Reichen und Superreichen herrscht gespenstische Ruhe. Die Immobilienpreise sind seit Anfang 2009 um 40 bis 50 Prozent gefallen. Nach der ersten von Nakheel aufgeschütteten künstlichen Inselpalme Jumeirah wird für die beiden nächsten Projekte schon längst kein Kubikmeter Sand mehr bewegt. 400 Großvorhaben im Wert von 300 Milliarden Dollar haben Investoren in den letzten zwölf Monaten abgesagt.

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