Europäische Zentralbank : Leitzins sinkt bald auf ein Rekordtief

Angesichts der Krise lockert die Europäische Zentralbank die Geldpolitik. Sie solle die Notenpresse anwerfen, fordern Experten. Präsident Jean-Claude Trichet macht unterdessen Hoffnung für das nächste Jahr.

Dublin/Frankfurt am Main 2010 geht es mit Europas Wirtschaft wieder bergauf. Das erwartet zumindest Jean-Claude Trichet, der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB). Er bleibe bei seiner Meinung, dass im kommenden Jahr eine Belebung der Konjunktur zu beobachten sein werde, sagte Trichet dem irischen Sender "Newstalk" am Wochenende. Der Franzose wird wohl seinen Beitrag leisten, damit es besser wird - schon an diesem Donnerstag. Die EZB dürfte bei ihrem Treffen ihren Leitzins von 2,0 auf mindestens 1,5 Prozent senken, erwarten Fachleute. Das wäre ein historisches Tief - dürfte aber nicht der letzte Schritt sein.

Angesichts der dramatisch verschlechterten Konjunkturperspektiven und der stark gesunkenen Inflationserwartungen wird die Zentralbank weitere Schritte unternehmen, um die Wirtschaft zu stützen. Durch eine Senkung des Leitzinses können sich Banken bei der EZB günstiger Geld leihen und, so die Hoffnung, der Wirtschaft eher Kredite gewähren.

Neben Trichet hat auch US-Notenbankchef Ben Bernanke vergangene Woche erklärt, es gebe eine vernünftige Perspektive, dass die Rezession der US-Wirtschaft Ende 2009 überwunden sei.

Zinssenkung ist wahrscheinlich

Noch aber ist die Lage in Europa trist - daher wird die EZB am Donnerstag zum zweiten Mal in Folge ihre Wachstumsprognose in noch nicht dagewesenem Ausmaß absenken müssen. Im Dezember hatte sie eine Schrumpfung der Wirtschaft 2009 von einem halben Prozent und eine Inflationsrate von 1,4 Prozent vorausgesagt. Nach den neuesten Prognosen des EZB-Schattenrats, eines vom Handelsblatt ins Leben gerufenen Expertengremiums, wird die Wirtschaft des Euroraums stattdessen in diesem Jahr um 2,2 Prozent schrumpfen und die Inflation im Jahresschnitt nur 0,5 Prozent betragen.

Auch im nächsten Jahr erwarten die Experten nur ein schwaches Wachstum von nur 0,9 Prozent und eine Inflationsrate, die mit 1,4 Prozent deutlich unter dem Inflationsziel der EZB von "unter, aber nahe bei zwei Prozent" liegt. Dabei haben die Experten unterstellt, dass die EZB ihren Leitzins in Kürze bis auf ein Prozent gesenkt haben wird. Trichet hat bereits durchblicken lassen, dass der EZB-Rat am Donnerstag den Leitzins absenken will. "Es gibt praktisch keinen Zweifel, dass die Konjunktur bis 2010 sehr schwach und die Inflation niedrig sein wird. Ich sehe daher keinen Grund, den Leitzins nicht schnell Richtung 0,5 Prozent zu senken", warb Erik Nielsen, Europa-Chefvolkswirt von Goldman Sachs, für eine Zinssenkung um einen vollen Prozentpunkt. Die meisten der 15 Fachleute im EZB-Schattenrat halten dagegen nur eine Senkung um einen halben Punkt für realistisch, glauben aber an weitere Schritte der Bank.

Unklar ist, wie es danach weitergeht. Steht der Leitzins bald nahe Null, muss die EZB zu anderen Mitteln der Geldpolitik greifen. Die US-Notenbank Federal Reserve pumpt bereits seit Monaten durch den Ankauf von Wertpapieren zusätzliches Geld in die Wirtschaft. Die Bank von England hat ähnliche Pläne. Von der EZB weiß man aber nicht einmal, ob sie über solche Vorhaben überhaupt diskutiert - Trichet zufolge sind sie immerhin nicht ausgeschlossen. Ein Ankauf von Unternehmensanleihen oder ähnlichen Papiere etwa würde die Kreditklemme lindern, unter der die Firmen in Europa zunehmend leiden, heißt es im EZB-Schattenrat. Das bedeutet allerdings, dass die Notenbank den Kauf dieser Anleihen durch den Druck frischen Geldes finanziert. Das soll die Nachfrage ankurbeln und der Gefahr nachhaltig sinkender Preise begegnen - könnte aber im Extremfall auch in wenigen Jahren zu einer steigenden Inflationsrate führen. noh/HB

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