Finanzkrise : "Alle werden leiden"

Nach dem gescheitertem US-Rettungsplan für die Finanzmärkte wächst der Druck auf Washington. Bundeskanzlerin Merkel fordert das Hilfspaket - US-Präsident Bush bittet erneut um Unterstützung. Derweil nimmt die Sorge um die Konjunktur zu.

Bush
Sorgenvolle Mine. US-Präsident Bush. -Foto: dpa

Washington/BerlinDas US-Rettungspaket ist vorerst gescheitert -  die Finanzbranche taumelt weiter. In Europa musste mit der belgisch-französischen Dexia erneut eine Bank mit staatlichen Milliardenhilfen vor dem Zusammenbruch bewahrt werden. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) forderte die USA angesichts der rasant wachsenden Risiken für die Weltwirtschaft auf, das 700 Milliarden Dollar schwere Hilfspaket noch diese Woche zu verabschieden. Es habe eine "unglaublich wichtige Bedeutung" für Wirtschaft und Bürger, um Vertrauen zu bilden.

Zugleich verteidigte Merkel die Milliarden-Bürgschaft des Bundes für den Finanzkonzern Hypo Real Estate (HRE). Die Bürgschaft soll Kredite der Banken-Branche sichern. Diese sei wichtig zur Stützung des Münchner Immobilienfinanzierers.

Die US-Präsidentschaftskandidaten, der Demokrat Barack Obama und der Republikaner John McCain, machten sich einmütig für das Rettungspaket stark. Auch US-Präsident George W. Bush mahnte den US-Kongress erneut, das Paket zu bewilligen. Die Folgen bei einem Scheitern wären für die Wirtschaft gravierend, warnte Bush in Washington. Am Vortag hatte das Paket im Repräsentantenhaus überraschend keine Mehrheit gefunden.

"Alle werden leiden: Wall Street und Main Street"

Experten erwarten weitere Bankenpleiten in den USA, eine rasche Abwärtsbewegung der US-Wirtschaft und ein Abrutschen in die Rezession. Ökonom Robert Mundell von der Columbia-Universität sagte: "Alle werden leiden: die Wall Street und die Main Street" - also die Finanzwelt und Jedermann.

Die Volkswirte der Dresdner Bank erwarten zwar "keine tiefe Rezession" in Deutschland, aber Stillstand für den Rest des Jahres. "Die deutsche Wirtschaft steuert auf eine Stagnation im zweiten Halbjahr 2008 zu", sagte Michael Heise, Chefvolkswirt von Allianz und Dresdner Bank in Frankfurt. Die Wirtschaft dürfte im laufenden Jahr wie erwartet um 1,8 Prozent wachsen. Für 2009 senkten die Experten jedoch ihre Prognose deutlich von 2,2 Prozent auf jetzt 0,7 Prozent.

Frankreichs Notenbankchef Christian Noyer gab Entwarnung für ein reihenweises Zusammenbrechen europäischer Banken. Sie seien nicht mit "faulen Aktiva" belastet wie die amerikanischen. "Sie sind solide, sie sind sehr gut mit Kapital ausgestattet", sagte Noyer.

Leichter Optimismus an den Börsen

Die europäischen Aktienmärkte hielten sich trotz der massiven Verluste an der Wall Street und auch in Tokio noch relativ gut. Der deutsche Aktienindex Dax verlor bis zum Nachmittag etwa 0,4 Prozent, der Euro-Stoxx 50 lag sogar mit 1,6 Prozent im Plus. Der US-Leitindex Dow Jones hatte am Montag in Punkten gerechnet den höchsten Tagesverlust seiner Geschichte erlitten, startete am Dienstag aber mit leichten Gewinnen.

Auch die EU-Kommission betonte die besondere Verantwortung der Regierung in Washington. Die aktuellen Turbulenzen stammten aus den USA und seien zum globalen Problem geworden, sagte ein Kommissionssprecher in Brüssel. "Die USA haben deshalb eine besondere Verantwortung und wir erwarten, dass das Rettungspaket bald verabschiedet wird."

Auch Dexia erhält Hilfspaket

Die Kommission unterstützt die Rettungsaktion für den Immobilienfinanzierer Dexia der Regierungen in Belgien, Frankreich und Luxemburg. "Das zeigt, dass sie ihrer Verantwortung gerecht werden, die Finanzmärkte zu stabilisieren und Ersparnisse zu retten", sagte der Sprecher. Sie sei auch in Kontakt mit der Bundesregierung über das Rettungspaket für die HRE.

Nach den milliardenschweren Rettungsaktionen für den belgisch- niederländischen Finanzkonzern Fortis und für die Hypo Real Estate erhält nun auch der belgisch-französische Immobilienfinanzierer Dexia ein staatliches Hilfspaket. Das gab Belgiens Premierminister Yves Leterme nach einer nächtlichen Verhandlungsrunde in Brüssel bekannt. Der belgische und der französische Staat steuern jeweils drei Milliarden Euro bei, Luxemburg 376 Millionen Euro.

Hypo Real Estate soll umgebaut werden

Derweil steht die Hypo Real Estate nach Darstellung von Bundesbank und Finanzaufsicht Bafin vor einem umfassenden Umbau. In einem Schreiben an das Bundesfinanzministerium heißt es: "Anders als bei einer sofortigen Insolvenz, wird eine geordnete und Substanz schonende Neustrukturierung der HRE-Gruppe durch einen den Wert erhaltenden Verkauf der Bankentöchter oder von deren Vermögenswerten ermöglicht."

Zuvor hatte auch Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) von einer "geordneten Abwicklung" der HRE-Gruppe gesprochen, was der Münchener Finanzkonzern bisher vehement zurückweist.

Der Dax-Konzern erhält auf Grund von Liquiditätsproblemen von anderen Banken und von der Notenbank die Finanzspritze. Die Bürgschaft des Bundes wird fällig, wenn tatsächlich Verluste anfallen.

Um die Folgen der Krise abzumildern, pumpen die Notenbanken weiter Milliarden von Dollar und Euro in die Geldmärkte. Da sich die Banken untereinander wegen des mangelnden Vertrauens kaum noch Geld leihen, soll mit den Maßnahmen dem Austrocknen der Geldmärkte entgegengewirkt werden. (ck/dpa)

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