Finanzkrise : Banker schimpft über Boni-Exzesse

Klaus-Peter Müller, Chef der Corporate Governance Kommission: Egoisten gefährden die Gesellschaft. Seine harsche Kritik kommt zu einem Zeitpunkt, an dem milliardenschwere Boni schon wieder an der Tagesordnung in der Branche sind.

Sven Afhüppe[Dieter Fockenbrock],Hans Nagl
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Proteste. Vor allem im Zuge der Lehman-Pleite kritisierten geschädigte Kunden die hohen Zahlungen an die Banker. Foto: p-a/dpadpa

Düsseldorf - In der Debatte über Bonuszahlungen für Banker hat der Vorsitzende der Regierungskommission Corporate Governance, Klaus-Peter Müller, die Schwergewichte der Branche zu einem Ende der Exzesse aufgefordert. „Es gibt weltweit zehn große Investmentbanken“, sagte Müller im Interview mit dem „Handelsblatt“. „Warum können die sich nicht darauf verständigen, keine exzessiven Gehälter mehr zu bezahlen?“ Überbezahlte Mitarbeiter seien ein „primär angelsächsisches Problem“. Deshalb sollten die Europäer sich von Fehlentwicklungen vor allem in den USA frei machen. „Da wünsche ich mir ein neues gesundes europäisches Selbstbewusstsein.“ Zugleich mahnte Müller, der auch den Aufsichtsrat der Commerzbank leitet, eine Wertedebatte an: „Übersteigerter Egoismus ist eine Haltung, die eine Gesellschaft über kurz oder lang zerstört.“

Corporate Governance bedeutet so viel wie gute, verantwortungsvolle Unternehmensführung. Um entsprechende Regeln aufzustellen, hatte die Bundesregierung 2002 eine Kommission eingesetzt, deren Vorsitzender Müller derzeit ist.

Seine harsche Kritik kommt zu einem Zeitpunkt, an dem milliardenschwere Boni schon wieder an der Tagesordnung in der Branche sind. Dabei hatte nur das beherzte Eingreifen von Zentralbanken und Regierungen nach der Lehman-Pleite vor gut einem Jahr den Zusammenbruch des Finanzsektors verhindert. Allein die drei großen US-Investmentbanken Goldman Sachs, Morgan Stanley und J.P. Morgan planen für 2009 Boni von insgesamt rund 30 Milliarden Dollar an ihre Mitarbeiter auszuzahlen. Hierzulande pflegt vor allem die Deutsche Bank nach wie vor alte Traditionen: Im dritten Quartal wurden für die 14 000 Investmentbanker 1,3 Milliarden Euro an Vergütung zur Seite gelegt – mehr als doppelt so viel wie im Vorjahr.

Die Staats- und Regierungschefs der Gruppe der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20) haben exzessive Bonussysteme als eine der Ursachen der Weltfinanzkrise ausgemacht und Änderungen verlangt. Es sei sehr die Frage, ob die Banken ihre aktuellen Überschüsse als Boni an die Manager ausschütten müssten, meint auch Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU). „Die sollten damit lieber ihr Eigenkapital stärken“, sagte er der „Wirtschaftswoche“. Schäuble will im kommenden Jahr ein Gesetz vorlegen, das Boni an den langfristigen Firmenerfolg knüpft. Mit Commerzbank und HVB haben in Deutschland zumindest zwei Großbanken bereits neue Vergütungsmodelle für ihre Führungskräfte vorgelegt, in denen diese Regeln umgesetzt werden.

Doch im angelsächsischen Raum fruchten die Vorgaben wenig. Die US-Notenbank Fed hat jetzt erst Beratungen mit den Banken über neue Empfehlungen in Sachen Boni aufgenommen. In Großbritannien sieht sich die Politik genötigt, härter durchzugreifen. Finanzminister Alistair Darling kündigte am Sonntag ein Gesetz an, mit dem Boni notfalls gedeckelt und überzogene Gehaltsverträge aufgelöst werden können.

Bankchefs wie Josef Ackermann von der Deutschen Bank oder Lloyd Blankfein von Goldman Sachs argumentieren, nur mit hohen Prämien die Talente der Branche gewinnen zu können. Commerzbank-Aufsichtsrat Müller hält dies für einen Vorwand. „Wenn es heute heißt, es gebe große Probleme, die exzessiven Boni der Investmentbanker einzuschränken, dann habe ich dafür überhaupt kein Verständnis“, sagt er. „Wo sollen denn die Leute hinlaufen, wenn sich die Großen einig sind?“

Müller kündigt an, bei der Commerzbank auch die Vergütung der Vorstände neu zu regeln. Führende Banker des Konzerns sollen von Januar 2010 an nur noch eine Prämie bekommen, wenn sich ihre Geschäfte mittelfristig auszahlen. Wegen der milliardenschweren Staatshilfe erhalten die Commerzbank-Vorstände derzeit eine Vergütung von maximal 500 000 Euro im Jahr. HB

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