Finanzkrise : Börsencrash: Was nun?

Wie kam es zu der weltweiten Kettenreaktion? Wie tief könnte der Dax fallen? Was sollten Kleinaktionäre jetzt tun? Und weitere Fragen samt Antworten zum Börsencrash.

Andreas Oswald,Rolf Obertreis

Wie kam es zu der weltweiten Kettenreaktion?

Die Kettenreaktion ist zunächst ein psychologischer Mechanismus. Plötzlich kursierte an der Wall Street die Information, der Automobilkonzern General Motors komme in Zahlungsschwierigkeiten. Angst breitete sich aus, alle Papiere standen auf einmal zum Verkauf. Psychologisch haben die weltweit ausgestrahlten Nachrichtensender mit ihren Übertragungen das Ihre beigetragen. Die Angst jagte in der Nacht um den Globus. Die Nachricht über die Pleite eines japanischen Versicherungskonzerns heizte in Asien die Gefühle weiter an. Solche einzelnen Nachrichten sind nicht die Ursache, sie sind der Auslöser, der die seit Tagen und Wochen aufgestauten Ängste von einem auf den anderen Moment löst. Am Freitagmorgen wusste jeder Deutsche und jeder andere Europäer, was die Stunde geschlagen hatte. Der Dax startete weit unter seinen Vortagesschluss und sank zwischenzeitlich um mehr als zehn Prozent.

Wer verkauft jetzt?

Privatanleger sind dafür allenfalls indirekt verantwortlich. Zum einen halten nur noch 5,4 Prozent aller Bundesbürger Aktien, zum anderen raten Anlegerschützer, aber auch Banken und Sparkassen, Aktien liegen zu lassen, die Kurse erholten sich wieder. „Wer 30 Daimler-Aktien verkauft, bewegt nicht den Markt“, sagt Aktienhändler Dirk Müller. Allenfalls über die Verkäufe ihrer Anteile an Investmentfonds tragen auch Kleinanleger zur anhaltenden Talfahrt an der Börse bei. Denn die Fondsmanager müssen Aktien aus dem Fondsvermögen verkaufen, um die Anleger auszahlen zu können.

Auch die großen institutionellen Anleger wie Banken, Versicherungen oder auch Hedge Fonds brauchen „Cash“, um ihren Verpflichtungen nachkommen zu können. „Nur am Aktienmarkt kommt man derzeit schnell an Geld“, sagt Kai Franke, Aktienstratege bei der BHF Bank. Also beschaffen sich Großanleger hier die derzeit notwendigen Mittel. Sie können womöglich nur so ihren Zahlungsverpflichtungen nachkommen und Kredite bedienen, mit denen sie einmal ihre Börsengeschäfte finanziert hatten.
Genauen Einblick, wer verkauft, haben die Händler an der Börse aber nicht. Aber die Erfahrung sagt den Profis zumindest tendenziell, wer dahinter steckt. Dass dazu in diesen Tagen auch Banken gehören, die aus ihrem eigenen Bestand Aktien verkaufen, liegt für Franke auf der Hand. Schließlich leihen sich die Institute derzeit untereinander kein Geld. Also müssen auch sie an der Börse Aktien aus ihren Beständen abgeben.

Was ist der Dax, und wie tief könnte er noch fallen?

Der Deutsche Aktienindex – kurz Dax – bildet den Wert der 30 größten deutschen Konzerne ab. Er ist eine Art Leitindex und spiegelt die Börsenlage der deutschen Großunternehmen wieder. In außergewöhnlichen Situationen koppeln sich die Kurse stark von der tatsächlichen wirtschaftlichen Situation der Firmen ab – wegen einer Ausverkaufspanik, oder weil Anleger ihre Aktien wegen ihrer Verschuldung unbedingt verkaufen müssen. Der Börsenwert vieler Konzerne liegt derzeit deutlich niedriger als der Wert ihrer Fabriken, Maschinen und Immobilien. „Das ist der Wahnsinn“, sagt ein Banker. Und äußert damit auch die beispiellose Ratlosigkeit, die derzeit in der Finanzszene herrscht. Mitverantwortlich sind unter anderem Großanleger aus den USA, die auch alle ihre deutschen Aktien zu Geld machen müssen, um zu überleben. Wie weit der Dax unter solchen Umständen fallen kann, ist in der derzeitigen Lage unklar. Auffällig war aber bei allen Crashs in der Vergangenheit, dass es zwischenzeitlich wieder zu heftigen Aufwärtsbewegungen kommen kann, bevor es wieder abwärts geht.

Warum kommt es nach starken Abwärtsbewegungen immer wieder zu zwischenzeitlichen Erholungen?

Große Abwärtsbewegungen – wie auch Aufwärtsbewegungen – verlaufen in einer Art Zick-Zack-Form. Zuerst verkaufen Insider oder Spekulanten, dann folgen ihnen die größeren Investoren, dann folgen die in Panik geratenen Kleinanleger. Diese verkaufen ihre Aktien dann zu einem niedrigen Preis an die erstgenannten Spekulanten, die inzwischen die Seite gewechselt haben. Haben alle Verkaufswilligen verkauft, kommt die Bewegung zu Stehen, kleine Käufe von Spekulanten heben den Kurs etwas, bis alles wieder von vorne losgeht.

Warum wird in anderen Ländern der Börsenhandel ausgesetzt, in Frankfurt aber nicht?

In vielen Ländern kann der Handel ausgesetzt werden, um Panik zu stoppen und die Marktteilnehmer zu einer Ruhepause zu zwingen. In Deutschland ist das nicht möglich. Sogar am 11. September, als der Wall-Street-Handel für Tage geschlossen wurde, ging es in Frankfurt weiter. Der Handel in Deutschland kann nur dann geschlossen werden, wenn aus technischen Gründen oder einer fehlenden Liquidität kein geordneter Handel mehr möglich ist. Einzelne Aktien können dagegen vorübergehend ausgesetzt werden, wenn eine Flut von kursrelevanten Insider-Nachrichten und Gerüchten einen fairen Handel unmöglich macht.

Weshalb greifen Hilfsmaßnahmen wie Zinssenkungen, Bürgschaften und Verstaatlichung von Banken nicht?

Sie greifen sehr wohl. Gäbe es diese Maßnahmen nicht, sähe alles viel schlimmer aus. Ein kurzfristige Panik kann aber durch solche Maßnahmen sogar gefördert werden, weil sie belegen, dass selbst Notenbanken und Regierungen die Zukunft schwarz sehen. Wenn ausgerechnet die US-Regierung Banken verstaatlicht, um das ganze System zu retten, ist das keine beruhigende Nachricht.

Was können Kleinaktionäre jetzt tun?

Zum Verkaufen von Aktien ist es jetzt etwas spät. Vielleicht gibt es bald eine Erholung, die sich zu einem Verkauf eignet. Zum Kauf von Aktien ist es zu früh, niemand sollte in ein fallendes Messer greifen. Wer nichts falsch machen will, eröffnet bei der Finanzagentur des Bundes ein Depotkonto und überweist sein Geld dort auf ein Tagesgeldkonto. Sicherer kann Geld derzeit kaum aufbewahrt sein.

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