Finanzkrise : "Das ist noch keine Blase"

US-Ökonom Liaquat Ahamed über Boni, Börsen und die Parallelen zwischen der Großen Depression vor 80 Jahren und der aktuellen Finanzkrise.

Ahamed
Liaquat Ahamed sieht derzeit keine Inflationsgefahr. -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Vor 80 Jahren rauschten an der Wall Street die Kurse in die Tiefe. Als Beginn der Weltwirtschaftskrise gilt der 29. Oktober 1929, der Schwarze Dienstag. Doch bereits in den Tagen zuvor hatten die Aktien an der Wall Street massiv an Wert verloren. Ursachen waren eine massive Überproduktion in der Industrie, und ein regelrechtes Spekulationsfieber unter den Anlegern, viele hatten Anteilsscheine auf Kredit gekauft. Die Börsenpanik erfasste rasch die ganze Welt und führte zu Armut und Hunger. In den USA verlor jeder Vierte seine Arbeit, in Deutschland jeder Dritte. Zudem ebnete die Krise Adolf Hitler den Weg. Angesichts der aktuellen Finanzkrise fürchteten viele eine erneute „Große Depression“ – doch bislang scheint die Angst unbegründet.

Herr Ahamed, ist die Finanzkrise genauso schlimm wie die Depression vor 80 Jahren?

Nein. Politik und Notenbanken haben viel besser darauf reagiert. In der Depression handelten sie wie Ärzte im 18. Jahrhundert, die ihren Patienten einen Aderlass verordneten, um sie zu heilen. Sie ließen Banken zusammenbrechen, erhöhten Steuern und setzen die Zinsen herauf – das war das Schlimmste. Die stärkste Erhöhung auf zwölf Prozent gab es in Deutschland. Das zerstörte die Wirtschaft. Nichts davon geschah in der Finanzkrise: Die Staaten machten Schulden und stützten die Banken, die Leitzinsen stürzten in den Keller. Das macht den Unterschied.

Gibt es auch Parallelen zwischen damals und heute?

Die Vorgeschichte beider Krisen ähnelt sich auf beklemmende Weise. In beiden Fällen gab es eine Blase – damals an der Börse, heute am Häusermarkt. In beiden Fällen machte die US-Notenbank Fed Fehler, dies wurde durch Probleme im internationalen Finanzsystem noch verschärft. 1929, nur eine Dekade nach dem Ersten Weltkrieg, war Europa hoch bei den USA verschuldet, Deutschland wegen der Reparationszahlungen, England und Frankreich wegen des teuren Krieges. Die einzige Möglichkeit für die Amerikaner waren niedrige Zinsen, um das System am Laufen zu halten und den Europäern Kredit zu geben. Das aber erzeugte eine Blase an der Börse – und die platzte im Oktober 1929.

Und was ist dieses Mal schief gelaufen?


Dieses Mal hat es geklemmt zwischen den USA und Asien. Die dortigen Zentralbanken investierten ihre Dollar-Bestände in Amerika – das drückte die Zinsen und sorgte für eine Blase. Zudem hat die zu hohe Verschuldung damals und heute eine große Rolle gespielt – damals haben sich die Leute Aktien auf Pump gekauft, heute haben Banken mit zu viel fremdem Geld gearbeitet. In beiden Fällen platzte die Blase, es folgte eine Bankenkrise.

Und eine Krise in der Realwirtschaft.

Genau. Im Januar 1929 war der Dow Jones 16 Monate nach Beginn der Krise um 50 Prozent eingebrochen, ebenso die Unternehmensgewinne. Im Mai 2009 – 16 Monate nach Beginn der aktuellen Finanzkrise – sah es ungefähr genauso aus. Während der Depression ging es danach aber noch einmal in den Keller: Zwischen Januar 1931 und Mitte 1932 fiel die Industrieproduktion um weitere 20 Prozent, die Börsen um 50 Prozent. Das Finanzsystem brach zusammen.

US-Regierung und Fed haben Lehman Brothers pleite gehen lassen. Das spricht nicht dafür, dass sie aus 1929 gelernt haben.

Das war der einzige Fehler. Allerdings war Lehman eher das Symptom, nicht das Problem an sich. Das bestand darin, dass weite Teile der Finanzbranche pleite waren. Zahlungsunfähige Banken mitten in einer Bankenkrise untergehen zu lassen, ist aber eine schlechte Idee. Das führt zu zusätzlicher Panik, zu einem Domino-Effekt. Tatsächlich gab es im September 2008 Turbulenzen, weil es die Wahrnehmung gab, dass die US-Regierung das Problem der Pleitebanken gar nicht angehen wollte. Das 700-Milliarden-Dollar Rettungsprogramm des Finanzministers lehnte der Kongress zunächst ab – das schockte alle. Erst als allen klar war, wie groß die Probleme sind, gab es ein gutes Krisenmanagement.

Hätte die tiefe, weltweite Rezession verhindert werden können?

Ja, wenn man die Dimension des Problems früher erkannt hätte. Schließlich lief die Finanzkrise seit Sommer 2007. Bis März 2008 haben die Zentralbanken sie aber wie eine Liquiditätskrise behandelt. Dann kam die Schieflage von Bear Stearns – und es wurde klar, dass es um eine andere Größenordnung geht. Hätte man nicht erst im September den Banken frisches Kapital zugesteckt und die Märkte mit Geld geflutet, sondern bereits im März, hätte man den tiefen Absturz vermeiden können. Zwar hätte es eine Rezession gegeben, aber nur eine leichte, keinen Totalabsturz.

Derzeit tun die Banken, als wäre nichts gewesen. Die Gewinne sprudeln, die Boni fließen. Macht Ihnen das Angst?

Ja, die Politik ist zu zögerlich, und die Banken versuchen, die neuen Regeln zu verwässern. Gleichzeitig sind viele Institute deutlich profitabler geworden, weil sie sich billiges Geld bei der Zentralbank borgen können. Und alle wissen, dass die Regierung keine Bank mehr fallen lassen wird. Die Branche streicht im Prinzip Subventionen ein. Und weniger Banken bedeuten auch weniger Wettbewerb. Aber die Dinge werden sich ändern. Ende des Jahres werden die Banken Rekordgewinne und Rekordboni melden. Wenn zugleich die Arbeitslosigkeit über zehn Prozent steigt, wird es eine Bewegung hin zu strengerer Regulierung geben.

Die Politik strebt nach neuen Regeln für das Weltfinanzsystem. Reicht das bislang Beschlossene, um Krisen zu verhindern?

Nein. Das wichtigste ist, die Banken zu verpflichten, mehr Eigenkapital vorzuhalten. Entscheidend ist, welche Quote man ihnen vorschreibt. Ich denke, eine Verdopplung würde reichen.

Und was ist mit den Exzessen bei der Manager-Vergütung?

Das ist ein großes Thema für die Politik, aber es ist nicht wirklich die Frage. Wir sollten das System stabilisieren, statt darüber zu diskutieren, wie gut die Leute bezahlt werden. Die Bezüge werden automatisch sinken, wenn man höhere Eigenkapitalregeln einführt, weil dann die Banken weniger Geld verdienen.

Sollten riskante Finanzprodukte verboten werden?

Es ist Konsens, dass man die Ansteckungsgefahr großer Derivatepositionen senkt, wenn man mehr Produkte standardisiert. Das Problem ist, dass Investmentbanken viel Geld damit verdienen, neue Derivate zu erfinden und kein Interesse an einer Standardisierung haben. Also werden sich Banken und Regulierer in die Wolle kriegen. Wichtig ist, dass neue Regeln international abgestimmt werden. Man braucht im Prinzip nur sechs Beteiligte: England, Frankreich und Deutschland, die USA, China und Japan. Wenn alle übereinkämen, könnten die Banken nur schwer Widerstand leisten.

Würde eine Tobin- oder Börsenumsatzsteuer das System stabilisieren?


Das ist nicht der richtige Ansatz. Allerdings müssen wir die Branche für die Subventionierung zur Kasse bitten. Da gibt es eine Menge Instrumente.

Finanzexperten wie der britische Notenbankchef Mervyn King finden, dass man Banken daran hindern muss, zu groß zu werden. Was denken Sie?

Kein Politiker will noch einmal in die Schwierigkeit kommen, eine Bank retten zu müssen, weil ihr Scheitern den Staatsbankrott bedeuten könnte…

… wie es etwa im Fall Islands passiert ist.


Ja. Banken werden schrumpfen, wenn man die Eigenkapitalvorschriften erhöht. Dadurch wird die Bilanzsumme vieler Häuser automatisch zurückgehen. Daneben muss man dem Schattenbankensystem ein Ende machen, mit dem Banken Eigenkapitalregeln umgehen. Die Citibank hat eine Bilanzsumme von zwei Billionen Dollar und eine weitere Billion in einer Schattenbilanz. Mir war nie klar, warum so etwas erlaubt ist. Sobald es neue Regeln gibt, sind 80 bis 90 Prozent des Problems gelöst.

Die Zentralbanken haben die Zinsen radikal gesenkt und Geld auf den Markt geworfen. Ist es angesichts der allgemeinen Erholung Zeit für einen Kurswechsel?

Die Fed sollte aufhören, dem Markt für Autokredite oder Kreditkarten Geld zur Verfügung zu stellen. Das gleiche gilt für den Interbankenmarkt, hier ist das Vertrauen wiederhergestellt. Aber es wäre viel zu früh für eine Zinserhöhung.

Könnte es nicht zu Inflation kommen, wenn die Fed zu lange zögert? Das würde den Dollar schwächen und den Europäern schaden.

Kein Indikator deutet derzeit auf Inflationsgefahren hin. Und der Aktienmarkt ist erst da, wo er vor der Krise war. Das ist noch keine Blase, die Fed hat noch viel Zeit.

Das Gespräch führte Carsten Brönstrup


ZUR PERSON 

DER ÖKONOM

Liaquat Ahamed war jahrzehntelang Finanzhändler an der Wall Street, spezialisiert auf festverzinsliche Anleihen. Zuvor hatte der Ökonom mit Abschlüssen aus Harvard und Cambridge für die Weltbank gearbeitet. Derzeit berät er verschiedene Hedgefonds und Denkfabriken in New York und Washington.

DER AUTOR

2004 begann Ahamed eine neue Karriere – er produzierte einen Film und schrieb das Buch „Lords of Finance“, das die Ursachen der „Großen Depression“ beleuchtet und als eines der besten Wirtschaftsbücher des Jahres gilt.

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