Finanzkrise : Im Griff der Märkte

Ein Jahr nach Ausbruch der weltweiten Finanzkrise sind die deutschen Großkonzerne deutlich stärker betroffen als zunächst angenommen. Am Donnerstag mussten sowohl die Deutsche Bank als auch die Deutsche Post neue Rückschläge einräumen.

Stefan Kaiser

Berlin Während das größte Kreditinstitut des Landes im zweiten Quartal erneut 2,3 Milliarden Euro abschreiben musste und nur noch ein Viertel des Vorjahreswertes verdiente, sank der Gewinn der Post zwar weniger stark, aber dafür überraschend. Wegen Abschreibungen bei der Konzerntochter Postbank und der Verluste im amerikanischen Expressgeschäft DHL schrumpfte der Vorsteuergewinn um gut vier Prozent von 703 auf 672 Millionen Euro.

Bei der Deutschen Bank summieren sich die Belastungen aus der Krise mittlerweile auf 7,3 Milliarden Euro – der Großteil davon, rund fünf Milliarden Euro, fiel im ersten Halbjahr 2008 an. Und das, obwohl Bank-Chef Josef Ackermann seit Februar schon mehrmals den „Anfang vom Ende“ der Krise ausgerufen hat, die Deutschland im Juli 2007 mit dem Beinahe-Zusammenbruch der Mittelstandsbank IKB erreicht hatte.

Nach einem Verlust im ersten Quartal, kam die Deutsche Bank im zweiten Quartal zwar zurück in die schwarzen Zahlen. Doch das Investmentbanking belastet noch immer die Bilanz. Hier verbuchte die Bank einen Verlust von 311 Millionen Euro. Insgesamt verdiente die Bank 642 Millionen Euro vor Steuern. Der Gewinn stützt sich jedoch teilweise auf Beteiligungsverkäufe (rund 250 Millionen Euro) und niedrigere Personalkosten. So wurden etwa die in der Branche üblichen Bonuszahlungen deutlich gekappt.

Im ersten Halbjahr hat die Bank gerade einmal 388 Millionen Euro verdient. Zum Vergleich: ein Jahr zuvor waren es noch 5,4 Milliarden Euro. Der ursprünglich angepeilte Jahresgewinn 2008 von 8,4 Milliarden Euro ist damit in unerreichbare Ferne gerückt. Zumal Analysten mit weiteren Hiobsbotschaften rechnen: „Wir erwarten zusätzliche Abschreibungen von zwei bis drei Milliarden Euro“, meinen etwa die Experten der US-Bank JP Morgan. Auch Ackermann gab sich zurückhaltend: „Mit Blick auf die zweite Jahreshälfte bleiben wir vorsichtig“, schrieb er in einem Brief an die Aktionäre. Die Aktie rutschte erst ins Minus, schloss jedoch 1,3 Prozent im Plus.

Denn es gibt auch positive Zeichen. So hat die Bank ihre riskanten Positionen im Geschäft mit Übernahmefinanzierungen inzwischen deutlich abgebaut. Zudem laufen die von ihr als „stabil“ bezeichneten Geschäftsfelder weiter gut – vor allem das Privatkundengeschäft, das mit einem Gewinn von 328 Millionen Euro vor Steuern so viel wie noch nie zum Gewinn beitrug.

Ackermann will diesen krisenfesteren Bereich gerne weiter stärken, um unabhängiger vom Investmentbanking zu werden. Er sehe sich aber nicht unter Druck, Akquisitionen „zu jedem Preis“ tätigen zu müssen, schrieb er gestern. Als heißester Übernahmekandidat galt bis vor kurzem die Post-Tochter Postbank. Doch zuletzt hatten die schlechten Bedingungen an den Finanzmärkten Zweifel an einem baldigen Verkauf aufkommen lassen. „Eine Entscheidung zum heutigen Zeitpunkt ist nicht gefallen“, sagte Postchef Frank Appel. Wann und ob die Postbank verkauft werde, sei „momentan noch offen“. Auch einen Rückzieher schloss er nicht aus. Finanzkreisen zufolge verhandelt die Post derzeit unter anderem mit der Deutschen Bank, der spanischen Santander und der holländischen ING.

Die Postbank musste zwar im ersten Halbjahr ebenfalls 317 Millionen Euro abschreiben, erwirtschaftete aber einen Gewinn von 337 Millionen Euro (vor Steuern). Viel mehr Sorgen macht Post-Chef Appel das US-Geschäft der Tochter DHL, das vor allem wegen hoher Restrukturierungskosten einen deutlichen Verlust verbuchte. Dies enttäuschte die Anleger ebenso wie der verhaltene Ausblick des Post-Chefs, der das Gewinnziel von 4,1 Milliarden Euro unter den Vorbehalt einer weiter gut laufenden Weltkonjunktur stellte. Die Aktie brach um knapp drei Prozent ein. Stefan Kaiser

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