Finanzkrise : Milliardenverluste - und die Börse feiert

Verdoppelte Belastungen bei der Deutschen Bank, tiefrote Zahlen bei der UBS: Trotzdem steigen die Kurse.

Stefan Kaiser
Börse
Die Frankfurter Börse -Foto: ddp

Berlin Die Finanzkrise trifft die europäischen Großbanken stärker als bisher erwartet. Die Deutsche Bank gestand am Dienstag ein, dass sie für die ersten drei Monate 2008 weitere 2,5 Milliarden Euro abschreiben muss – mehr als im gesamten vergangenen Jahr. Die Schweizer UBS steckt noch viel tiefer im Schlamassel: Sie muss noch einmal zwölf Milliarden Euro abschreiben und ist damit von allen Banken in der Welt bisher am schwersten getroffen. Trotz dieser Schreckensnachrichten reagierten die Anleger mit Aktienkäufen: Der Kurs der UBS-Aktie legte knapp elf Prozent zu, bei der Deutschen Bank waren es knapp vier Prozent. Auch andere Bankaktien stiegen.

Analysten erklärten die Kurssprünge mit einem generellen Stimmungswandel der Investoren. „Die Einschätzung am Markt ist offenbar, dass das Schlimmste überwunden sei“, sagte Konrad Becker von Merck Finck dem Tagesspiegel. Auch die schnelle Reaktion der Deutschen Bank habe die Investoren beruhigt. „Die Bank hat nur acht Stunden nach Ablauf des Quartals über die neuen Abschreibungen informiert“, sagte Becker. „Das deutet darauf hin, dass es ernsthaft um Transparenz geht.“ Andere Analysten vermuteten, dass die internationalen Großbanken sich gegenseitig stützen, indem sie große Aktienpakete kaufen.

Die Deutsche Bank hatte bereits in der vergangenen Woche in ihrem Geschäftsbericht angedeutet, dass zu den Belastungen von 2,3 Milliarden Euro aus dem vergangenen Jahr im ersten Quartal 2008 weitere Abschreibungen hinzukämen. Nun sind es noch einmal 2,5 Milliarden Euro geworden. „Damit dürfte die Deutsche Bank im ersten Quartal operativ in die roten Zahlen rutschen“, meint Analyst Dieter Hein von Fairesearch. Der angepeilte Jahresgewinn von 8,4 Milliarden Euro vor Steuern ist jedenfalls in weite Ferne gerückt.

„In den letzten Wochen haben sich die Bedingungen weiter erheblich verschlechtert“, erklärte das größte deutsche Bankhaus am Dienstag. Die neuen Abschreibungen betreffen vor allem Wertverluste auf US-Hypothekenanleihen und zugesagte Kredite für Unternehmensübernahmen, die nun zu platzen drohen.

Die Deutsche Bank ist mit rund 3,3 Milliarden Euro auf dem US-Markt für zweitklassige Immobilienkredite (Subprime) engagiert. Weitere 7,9 Milliarden stecken in dem Bereich leicht oberhalb des Subprime-Niveaus. Bank-Chef Josef Ackermann verwies am Dienstag vor Investoren in London darauf, dass ein Großteil der Wertpapiere mit Gegengeschäften abgesichert sei. Im großen Bereich von Kreditzusagen für fremdfinanzierte Übernahmen, etwa durch Finanzinvestoren, im Volumen von 36,2 Milliarden Euro sei Ende 2007 mehr als die Hälfte noch nicht in Anspruch genommen worden. Die Bank muss ihre Positionen jeweils zum Marktwert in den Geschäftsbüchern ausweisen. Bei sinkenden Marktpreisen müssen dann Abschreibungen vorgenommen werden.

Bei der UBS sieht es noch düsterer aus: Nach einem Verlust von umgerechnet 2,8 Milliarden Euro im Gesamtjahr 2007 ist die Bank im ersten Quartal 2008 mit rund 7,6 Milliarden Euro in die roten Zahlen gerutscht.

Die Bank braucht nun erneut frisches Geld. Über eine Kapitalerhöhung will sie sich knapp zehn Milliarden Euro beschaffen. Verwaltungsratspräsident Marcel Ospel kündigte seinen Rücktritt an (siehe Text rechts). Die UBS ist nicht die einzige Bank, die mehr Geld braucht. Auch die viertgrößte US-Investmentbank Lehman Brothers hat am Dienstag vier Milliarden Dollar am Kapitalmarkt beschafft, um ihre Finanzkraft zu stärken.

Experten gehen davon, dass weltweit noch weitere Milliarden-Abschreibungen folgen werden. In den USA haben die am stärksten betroffenen Institute Citigroup und Merrill Lynch noch keine Zahlen für das erste Quartal vorgelegt. In Deutschland war die Deutsche Bank sogar die erste, die dies getan hat. Vor allem bei der Dresdner Bank rechnen Analysten noch mit hohen Abschreibungen. Auch die Postbank deutete am Dienstag weitere Wertkorrekturen an. Sie ist bisher mit 112 Millionen Euro allerdings äußerst gering betroffen. Insgesamt erwarten Experten Belastungen von bis zu 600 Milliarden Dollar weltweit – nicht einmal die Hälfte davon ist bisher veröffentlicht. Analyst Konrad Becker ist deshalb eher pessimistisch gestimmt: „Es gibt wenig harte Gründe zu glauben, dass der Höhepunkt der Krise überschritten ist.“

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