Finanzkrise : Zentralbank unter Zugzwang

Eine Zinssenkung in Europa durch die EZB rückt näher. Japan und die USA haben bereits gehandelt und ihre Zinssätze erheblich gesenkt.

C. Brönstrup,R. Obertreis
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Foto: AFP

Frankfurt am Main/BerlinNach den USA hat auch Japan den Leitzins auf beinahe Null gesenkt. Statt 0,3 Prozent liege er nun bei 0,1 Prozent, teilte die Zentralbank am Freitag in Tokio mit. Die Gründe waren die sich verschlechternden Aussichten sowie der gestiegene Außenwert des Yen, der Exportfirmen wie Toyota massive Schwierigkeiten bereitet. Die Europäische Zentralbank steht nun unter Druck, nachlegen zu müssen.

Die US-Notenbank Fed will mit einer Nullzinspolitik der Krise entgegenwirken. Auch Japans Wirtschaft schrumpft nach Ansicht der Regierung im kommenden Jahr, erst 2010 soll es wieder aufwärts gehen. Die Notenbank (BoJ) kündigte an, vorübergehend kurzfristige Anleihen von Unternehmen aufzukaufen. Dies sei „extrem ungewöhnlich für eine Notenbank“, sagte BoJ-Gouverneur Masaaki Shirakawa. Üblicherweise überlässt es eine Zentralbank den Kreditinstituten, Risiken zu übernehmen. In diesem Fall ist aber das Ziel, die Liquidität auf den Kapitalmärkten zu erhöhen. Die Zinssenkung war auch nötig geworden, weil der Yen-Kurs nach der Zinssenkung der Fed auf ein 13-Jahres-Hoch geschnellt war. Dies trifft vor allem die exportorientierte Industrie, die ohnehin mit den Folgen der weltweiten Krise kämpft.

Nun steigt der Druck auf die EZB, ebenfalls einen Zinsschritt zu unternehmen. Die Notenbank hatte Anfang Dezember den Leitzins von 3,25 auf 2,5 Prozent gesenkt – so stark wie noch nie. Bundesbank-Präsident Axel Weber, der auch dem EZB-Rat angehört, hat bereits angedeutet, dass für eine gewisse Zeit der Leitzins unter die Marke von zwei Prozent sinken könnte. Die hohe Zinsdifferenz zu den beiden anderen großen Wirtschaftsräumen USA und Japan machen einen weiteren Anstieg der Gemeinschaftswährung Euro wahrscheinlich. Am Freitag pendelte der Euro um 1,42 Dollar, deutlich mehr als noch vor einem Monat.

Hinzu kommen die schlechten Konjunkturdaten. Holger Bahr, Leiter der Abteilung Volkswirtschaft bei der Deka-Bank rechnet schon bei der nächsten Sitzung des EZB-Rates am 15. Januar mit der Absenkung des Leitzinses von 2,5 auf 2,0 Prozent. Bis Sommer werde der Satz dann auf 1,5 Prozent sinken. Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer erwartet noch drastischere Schritte: Schon bis Frühjahr würden die europäischen Währungshüter den wichtigsten Zinssatz zur Beeinflussung der Konjunktur sogar auf das Rekordtief von 1,0 Prozent herunterfahren. Parallel dazu könnte die EZB verstärkt dazu übergehen, wie die Fed und nun auch die BoJ, eine alternative Geldpolitik zu betreiben – also etwa Anleihen aufzukaufen und direkt Kredite zu vergeben.

Als Grund nennt Krämer die schwache Konjunktur. 2009 werde es in Deutschland und in den Euro-Staaten eine starke Rezession mit einem Einbruch der Wirtschaft um zwei bis drei Prozent geben. Bisher war er von einem Minus von 1,2 Prozent ausgegangen. „Wir haben uns geirrt. Die Konjunktur-Indikatoren und Indizes sind stärker gefallen als wir befürchtet haben“, räumte er ein.

Spielraum für eine Zinssenkung bekommt die EZB auch angesichts der sinkenden Inflationsrate. Deka-Bank-Experte Bahr rechnet schon für den Dezember mit nur noch um 1,2 Prozent steigenden Preisen, im Frühjahr sei angesichts des billigeren Öls ein weiterer Rückgang zu erwarten. In Zukunft erwarten viele Ökonomen sogar einen Rückgang des Preisniveaus. Die EZB sieht Preisstabilität bei einer Inflationsrate von knapp unter zwei Prozent gewährleistet.

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