Hypothekenkrise : Angst vor dem schwarzen Oktober

Die Aktienmärkte feiern die Zinssenkung in den USA. Doch die Freude könnte von kurzer Dauer sein.

Stefan Kaiser

Berlin - Die Zinssenkung in den USA hat die Anleger in Asien und Europa am Mittwoch in einen regelrechten Kaufrausch versetzt. In Japan stieg der Nikkei-Index um 3,7 Prozent, und auch der Dax legte um 2,3 Prozent auf 7750 Punkte zu. Damit schloss der deutsche Leitindex trotz anhaltender Finanzkrise nur gut vier Prozent unter seinem historischen Höchststand von 8105 Punkten aus dem Juli.

Vor allem Finanzaktien waren am Mittwoch gefragt. Die Aktien von Postbank und Commerzbank legten um 4,5 beziehungsweise 5,5 Prozent zu. Sie hatten in den vergangenen drei Monaten rund ein Viertel ihres Wertes verloren.

„Es ist eine Erleichterung da“, sagt Aktienstratege Markus Reinwand von der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba). „Die Märkte setzen darauf, dass Aktien in Zinssenkungsphasen gut laufen – das war in der Vergangenheit oft der Fall.“

Wie die Entwicklung an den Aktienmärkten in den kommenden Monaten weitergehen wird, traut sich derzeit fast niemand vorauszusagen. Die Nervosität an den Märkten ist weiter hoch. Der V-Dax, der die Kursschwankungen misst, ist gegenüber seinem historischen Höchststand Mitte August bisher nur leicht gesunken (siehe Grafik). „Wir stehen an einem Scheideweg“, sagt Helaba- Analyst Reinwand.

RISIKEN

Viel hat der Dax im Verlauf der Krise noch nicht verloren. Anders als andere Indizes in Europa und den USA verbucht er seit Jahresbeginn immer noch ein deutliches Plus. Ob dies so bleibt, ist aber fraglich. „Die Risiken sind mit der Zinssenkung noch nicht ausgeräumt“, sagt Reinwand. „Eine Beruhigung am US-Immobilienmarkt zeichnet sich nicht ab.“ Im Gegenteil: In den kommenden Monaten werde eine Reihe von Krediten fällig, die neu aufgelegt werden müssten. Auch auf dem Geldmarkt sei die Lage nach wie vor angespannt. Die Banken leihen sich untereinander immer noch ungern Geld, weil sie nicht wissen, welche Risiken aus US-Hypotheken die anderen Institute in ihren Büchern haben. „Man muss die Berichtererstattung der Banken für das dritte Geschäftsquartal abwarten“, sagt Reinwand.

In den USA hat die Berichtssaison bereits begonnen. Am Mittwoch legte mit Morgan Stanley die zweite Investmentbank ihre Zahlen vor. Und die waren alles andere als beruhigend. Morgan Stanley hat die Auswirkungen der Krise im dritten Geschäftsquartal (Juni bis August) deutlich zu spüren bekommen und mit 1,47 Milliarden Dollar gut sieben Prozent weniger verdient als im Vorjahreszeitraum. In Deutschland werden die Quartalsberichte der Banken erst Ende Oktober und Anfang November erwartet.

Ein weiteres Risiko für den Aktienmarkt ist die schwächelnde Konjunktur. Die Wirtschaftsforscher korrigieren ihre Wachstumsprognosen gleich reihenweise nach unten – nicht nur für die USA, auch für Deutschland. Der hohe Ölpreis tut ein Übriges, um die Konjunktur zu drosseln.

Viele Experten rechnen auch damit, dass die Gewinne der Unternehmen nicht mehr so schnell steigen wie bisher. „Wir gehen davon aus, dass die Gewinndynamik nachlässt“, sagt Helaba-Analyst Reinwand. Dies würde auch die vielfach optimistischen Schätzungen für das Kurs-Gewinn-Verhältnis der deutschen Aktien ins Wanken bringen.

Die Helaba rechnet in den kommenden Monaten mit einem „holprigen Weg“. Der Dax werde zum Jahresende bei 7200 Punkten stehen, schätzen die Experten der Bank. „Einstiegskurse sehen wir deshalb derzeit nicht“, sagt Reinwand.

CHANCEN

Langsam beginnen die Analysten aber auch die Chancen der Aktienmärkte wiederzuentdecken. Eine ergibt sich unmittelbar aus der Zinsentscheidung der US-Notenbank vom Dienstagabend. Denn fallende Zinsen sind ein gutes Umfeld für Aktien. Und durch die Zinssenkung in den USA rechnen Experten nun auch mit einer Trendwende in der Politik der Europäischen Zentralbank (EZB), die eigentlich weitere Zinserhöhungen angedeutet hatte. „Jetzt wird es sehr schwierig sein, im November oder Dezember die Zinsen noch mal zu erhöhen, wenn die Fed schon die andere Richtung eingeschlagen hat“, sagt der Konjunkturchef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Joachim Scheide. Auch Robert Halver, Analyst bei Vontobel Asset Management, rechnet nun nicht mehr mit einer Leitzinserhöhung durch die EZB.

Halver hebt zudem das viele Geld hervor, das vor allem institutionelle Anleger wie Investmentfonds horten. „Das Geld muss angelegt werden“, sagt Halver. Er ist deshalb vorsichtig optimistisch für den deutschen Aktienmarkt und rechnet damit, dass der Dax bis zum Jahresende seine alte Höchstmarke wieder geknackt haben wird.

Allerdings rät auch er den Anlegern, die Unternehmenszahlen für das dritte Quartal abzuwarten. Dann wird sich zeigen, ob die deutschen Konzerne ihre Gewinne wie bisher fortschreiben können. Doch selbst wenn die Gewinne stagnieren sollten, wären die meisten Dax-Unternehmen immer noch relativ günstig bewertet. Auch dies spricht zumindest mittelfristig für Aufwärtspotenzial bei den Kursen.

Die Crux für die Entwicklung am deutschen Aktienmarkt wird aber die Bewältigung der US-Hypothekenkrise und ihrer Folgen sein. Die Zurückhaltung der Banken bei neuen Krediten hatte zuletzt dafür gesorgt, dass auch das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen fast zum Erliegen gekommen ist. Im ersten Halbjahr war dieses Geschäft noch einer der wichtigsten Treiber des deutschen Aktienmarktes gewesen. „Wenn sich die Verspannung an den Geldmärkten löst, könnte es auch einen neuen Schub bei Fusionen und Übernahmen geben“, sagt Analyst Reinwand von der Helaba. So bald rechnet er aber nicht damit.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben