Finanzen : Immer wieder die gleichen Fehler

Börse ist zu 90 Prozent Psychologie, sagen Experten. Leider sind Gefühle oft schlechte Investmentberater

Veronika Csizi

Schon Isaac Newton biss sich an der Börse die Zähne aus. Der Vater der Naturwissenschaften investierte in Südsee-Papiere, kaufte zu einem günstigen Preis und stieg, als sich der Kurs verdoppelt hatte, mit 7000 Pfund Gewinn wieder aus. Doch die Aktien der South Sea Company kletterten munter weiter – und Newton kaufte zurück, leider am Höhepunkt der Spekulationsblase, so dass er am Ende fast sein ganzes Geld verlor. Heute, knapp 300 Jahre später, machen private wie professionelle Anleger immer noch die gleichen Fehler.

Nicht ökonomische Fakten entscheiden letztlich über das Geschehen an den Märkten. Die Kurse seien „zu 90 Prozent Psychologie“, glaubte schon Börsen-Altmeister André Kostolany. Dass der Anleger in seinen Kauf- und Verkaufsentscheidungen nicht von Verstand und Vernunft, sondern von der Lust am Risiko, der Angst vor Verlusten, von Narzissmen und Gier getrieben ist, hat inzwischen einer neuen Wissenschaft zum Durchbruch verholfen: der verhaltensorientierten Finanzmarktanalyse (Behavioural Finance). Sie versucht zu klären, warum Anleger, ob knallharte Profi-Trader oder konservative Gelegenheitskäufer, fast immer zu Opfern ihrer Gefühle werden, und was man dagegen unternehmen kann. Wie ernst Behavioural Finance inzwischen von Wissenschaft wie Finanzwelt genommen wird, zeigt nicht nur die Tatsache, dass nahezu alle großen Banken Psychologie-Experten beschäftigen oder sich deren Expertise einkaufen. 2002 ging auch der Nobelpreis für Wirtschaft mit Daniel Kahneman an einen Psychologen, der das systematische Fehlverhalten von Investoren analysiert hatte. Und in den USA sind Bücher wie das jüngst erschienene „Your money and your brain“ („Dein Geld und dein Gehirn“) bereits Verkaufsschlager. Welches sind also die Fehler, die Anleger immer wieder machen?

Schlechte Papiere liegen zu lange im Depot

Einer der Hauptfehler sei, dass „der Anleger Gewinne oft nicht laufen lässt und umgekehrt Verluste nicht begrenzt“, sagt Joachim Goldberg, Gründer von Cognitrend, einer der führenden deutschen Unternehmen im Bereich Behavioural Finance. Ursache dieser Haltung sei, dass der Anleger Verluste etwa zweieinhalb Mal gravierender einschätze als Gewinne in gleicher Höhe. „Es ist fast allen Menschen deutlich lieber, viermal 100 Euro Gewinn und einmal 400 Euro Verlust zu machen als umgekehrt einmal 400 Euro Gewinn und viermal 100 Euro Verlust, obwohl unter dem Strich kein Unterschied besteht“, weiß Goldberg. Denn im zweiten Fall müsse sich der Anleger eingestehen, vier Mal eine falsche Entscheidung getroffen zu haben.

Verlustpositionen blieben deshalb „viel zu lange“ im Depot – in der Hoffnung, dass sich das betroffene Papier schon wieder erholen werde. Das geht so weit, dass die falschen Entscheidungen durch eine selektive Wahrnehmung der Fakten bestätigt werden. Der Anleger stellt unbewusst vereinzelte positive Analysen oder Nachrichten zu einer Aktie in den Vordergrund, verdrängt Negatives, betreibt Schönfärberei. Oft, erklären Börsenpsychologen, werden fallende Papiere dann sogar noch nachgekauft, um den Einstandspreis im Schnitt zu senken. Ein aktuelles Beispiel: Auch Jérôme Kerviel, des Betrugs verdächtiger Ex-Börsenhändler der Bank Société Générale, scheint bei zunehmenden Verlusten immer wieder nachgekauft zu haben.

Gut gelaufene Aktien steigen oft weiter

Umgekehrt orientiere sich der Anleger beim Verkauf von Gewinnpositionen an willkürlichen Marken wie „Verdoppelung des Kaufpreises“ oder am Erreichen eines Jahres- oder Allzeithochs. So kommt es etwa an Jahreshochs, Tausendermarken oder gar Allzeithochs im Dax immer zu Verkäufen, auch wenn diese Hochs Jahre zurückliegen und sich die ökonomischen Voraussetzungen mittlerweile völlig gewandelt haben. Die Angst, die schönen Gewinne könnten wieder zerrinnen, ist übermächtig. Goldberg: „Damit wirft der Anleger häufig seine besten Papiere aus dem Portfolio.“ Denn was steigt, „kann durchaus weiter steigen.“

In beiden Fällen sei es sinnvoller, sich vor der Investition einen klaren Plan zu machen beziehungsweise sogar ein Investment-Tagebuch zu führen, rät der Cognitrend-Spezialist. Eine Faustregel sei: Der angestrebte Gewinn müsse dabei etwa dreimal so hoch sein wie das Risiko, das man zu tragen bereit sei. Wer einem Papier also beispielsweise ein Plus von 60 Euro zutraue, müsse die Notbremse bei einem Minus von 20 Euro ziehen.

Am einfachsten funktioniert dies mit Stopp-Limits, also dem Auftrag an die Bank, das Papier bei einem entsprechenden Verlust automatisch zu verkaufen. Während die Verlustbegrenzung kategorisch einzuhalten sei, müsse der Anleger bei Erreichen des Ziels nicht gleich verkaufen, sondern vielmehr seine Stopp-Kurse neu anpassen. „Das Wichtigste ist Disziplin, auch wenn sie oft keinen Spaß macht“, sagt Goldberg.

Wer der Herde folgt, kommt meist zu spät

Auch der deutsche Ökonom Thorsten Hens, Professor am Zürcher Institut für schweizerisches Bankwesen, beschäftigt sich mit der Frage, warum Anleger sich häufig irrational und unvorhersehbar verhalten. So hat Hens untersucht, ob und wie Gerüchte das Verhalten von Investoren beeinflussen. Das Ergebnis: Es ist völlig unerheblich, ob ein Gerücht plausibel ist oder nicht, ob es aus einer seriösen oder aus einer unseriösen Quelle stammt. Es verursacht fast immer eine Marktreaktion, Anleger kaufen oder verkaufen.

Psychologen erklären dies mit der Angst, eine Aufwärtsbewegung zu verpassen oder, umgekehrt, betroffen zu sein, wenn die Kurse abstürzen. Die Statistik jedoch beweist klar: Panikverkäufe sind eine ebenso schlechte Idee wie kopfloses Verfolgen eines kurzfristigen Trends, den man dann fast immer zu spät erwischt. Der Herdentrieb des Anlegers führt folglich zu Fehlentscheidungen. Man kauft lieber, wenn alle kaufen – aus purer Panik, am Ende als Verlierer dazustehen. Ein gutes Beispiel war die Spekulationsblase am Neuen Markt, in den Anfang 2000 noch jeder ungeprüft und um jeden Preis einsteigen wollte, dessen Crash ab März 2000 am Ende aber 200 Milliarden Euro vernichtet hat.

Analysten wissen längst nicht alles

Ein weiterer grober Fehler: Jeder weiß, dass niemand die Kurse der Zukunft vorhersagen kann, dass es bestenfalls Wahrscheinlichkeiten sind, die prognostiziert werden. „Trotzdem“, sagt Goldberg, „hängen Anleger an den Lippen von Analysten.“ Die Empfehlungen von Banken oder Prominenten werden zu häufig und zu unkritisch übernommen. Sinnvoller, wenn auch zeitaufwändiger sei es, bestätigen Verbraucherschützer, alle Analysen zu einem Wunschpapier zu lesen und sich dann selbst eine Meinung darüber zu bilden.

Bloß nichts dem Nachbarn erzählen

Goldberg rät auch, sich von der „Triebfeder Freunde und Nachbarn frei zu machen“. So seien bei einem Experiment mit Anlegern zwei Drittel der Befragten bereit gewesen, Geld nur deshalb zu investieren, „weil der Nachbar dabei verliert“. Wer sich vom sozialen Erfolgsdruck befreien möchte, verrate am besten niemanden etwas Konkretes über sein Investment.

Ob man als Anleger die Dominanz von Bauch und Gefühl überhaupt jemals vollständig in den Griff bekommen kann, ist dabei gar nicht sicher. Die noch sehr junge Forschung zur Neuroökonomie hat nämlich festgestellt, dass der Mensch sich an der Börse häufig ähnlich verhält wie der steinzeitliche Jäger: Er läuft im Rudel, strebt ständig Belohnungen an und scheut das Risiko. Bei Gewinnen ordnet das Gehirn rauschartige Zustände an, bei Verlusten signalisiert es Todesgefahr. Wer die Erkenntnisse der Börsenpsychologie vollständig und erfolgreich anwenden will, räumt Experte Goldberg ein, wird die Entscheidung über Kauf oder Verkauf möglicherweise einem Emotionslosen überlassen müssen: dem Computer.

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