Insolvenzverwalter Jobst Wellensiek : "Liquidieren ist einfacher als sanieren"

Insolvenzverwalter Jobst Wellensiek über Märklin und Schiesser, die Angst der Deutschen vor der Insolvenz und hohe Honorare.

Herr Wellensiek, viele Traditionsfirmen sind insolvent, darunter Märklin, Schiesser und Rosenthal. Woran liegt das?



In vielen Fällen ist die derzeitige Weltwirtschaftskrise der Auslöser. Diese wirkt sich besonders stark in der Automobilbranche aus, hat aber inzwischen auch andere Wirtschaftszweige ergriffen. Bei einem Großteil der Unternehmen ist das Eigenkapital knapp, und sie haben keine Reserven, um eine solche Situation zu überbrücken. Insbesondere Mittelständler haben jetzt Probleme. Bei den Traditionsunternehmen fällt es nur stärker auf, weil die Namen bekannter sind.

Ist es einfacher, ein bekanntes Unternehmen zu retten?

Grundsätzlich nicht. Es sei denn, es steht nicht nur ein großer Name auf dem Spiel, sondern auch viele Arbeitsplätze. Wie gerade heute beobachtet werden kann, schaltet sich in solchen Fällen die Politik ein. Hierdurch wird oft Druck auf die Banken ausgeübt, was sehr hilfreich sein kann. Die Banken sind dann eher geneigt, Kredite – sogenannte Massedarlehen – zu gewähren, damit ein Betrieb fortgeführt werden kann. Je größer das Unternehmen ist, desto besser sind die Chancen, dass man Unterstützung erhält. Allerdings setzt das natürlich immer voraus, dass das Unternehmenskonzept stimmt.

Wie wertvoll sind bekannte Markennamen für mögliche Investoren?

Sie sind natürlich ein Pluspunkt. Ich gehe davon aus, dass es der Insolvenzverwalter von Märklin auch in der Krise leichter hat, einen Investor oder Übernehmer zu finden, als das bei einem völlig unbekannten Unternehmen der Fall wäre.

Märklin ist 2006 vom Finanzinvestor Kingsbridge übernommen worden und schreibt seitdem rote Zahlen. Warten die Firmen zu lange mit dem Insolvenzantrag?

Ja, dies ist nach wie vor ein großes Problem. In Deutschland wird es immer noch als Makel angesehen, einen Insolvenzantrag zu stellen, so dass nur allzu oft gebotene Insolvenzanträge verschleppt werden. Nach der Verabschiedung der Konkursordnung im Jahre 1877 soll es wiederholt vorgekommen sein, dass sich ein Unternehmer bei Stellung eines Konkursantrages einen schwarzen Anzug angezogen und sich nach dem Konkursantrag erschossen hat. Leider gibt es solche Beispiele noch heute.

So wie Adolf Merckle, der den Niedergang seiner Firmen nicht verkraftet hat und sich vor den Zug geworfen hat?

Herrn Merckle meinte ich nicht. Er ist aber ein Beispiel dafür, dass es ein Unternehmer nicht verwindet, wenn sein Lebenswerk zerfällt. Dabei waren seine Firmen gar nicht insolvent. Ich habe vielmehr an einen Weingutsbesitzer aus der Rheinpfalz gedacht, der sich vor einigen Jahren das Leben genommen hat, weil er Insolvenz anmelden musste. In den USA beispielsweise wird dies ganz anders gesehen. Da haben viele Unternehmer keinerlei Bedenken, Gläubigerschutz nach Chapter 11 zu beantragen.

In Deutschland wird das nicht gemacht?

Nach der Insolvenzordnung kann ein Schuldner bereits dann einen Insolvenzantrag stellen, wenn künftig Zahlungsunfähigkeit droht. Von dieser Möglichkeit wird aber sehr wenig Gebrauch gemacht. In Deutschland schreckt man vor einem Insolvenzantrag zurück. Meist wird der erst dann gestellt, wenn so gut wie keine flüssigen Mittel mehr vorhanden sind.

Was denken die Mitarbeiter, wenn Sie in eine solche Firma kommen? Wird der Insolvenzverwalter als Totengräber oder als Hoffnungsträger gesehen?

Das hängt vom Verwalter ab. Wir haben inzwischen über 2000 Insolvenzverwalter in Deutschland. Es gibt Verwalter, die den Ruf haben, nur abzuwickeln und zu liquidieren. Dies ist einfacher, als eine Firma umzustrukturieren und zu sanieren. Es gibt aber auch solche Verwalter, von denen bekannt ist, dass sie alles versuchen, um eine Firma fortzuführen, zu sanieren und möglichst viele Arbeitsplätze zu retten. Voraussetzung hierfür ist natürlich, dass dies wirtschaftlich sinnvoll ist und nicht unzulässige Subventionen begehrt werden. Erfreulicherweise zählen auch meine Kollegen und ich zu den Verwaltern, die zu den sogenannten „Fortführungsverwaltern“ gerechnet werden. Verständlicherweise fordern Gewerkschaften und Betriebsräte oft, dass solche Verwalter als Insolvenzverwalter vom Gericht bestellt werden.

Aber bei den spektakulären Verfahren sind Sie im Moment nicht dabei.

Dennoch können meine Kollegen und ich über Arbeit nicht klagen. Von uns werden zahlreiche Verfahren bearbeitet, worunter sich mit der Papierfabrik Scheufelen auch ein Familienunternehmen mit langer Tradition befindet. Diese Unternehmen sind vielleicht nicht so bekannt wie Schiesser oder Märklin, es handelt sich aber doch um bedeutende Firmen mit einigen Tausend Arbeitsplätzen.

Wie viel Zeit hat der Insolvenzverwalter, um die Firma zu retten?


Der Beginn eines Insolvenzverfahrens kann mit einer Sprintstrecke verglichen werden. Manchmal muss der Insolvenzverwalter Tag und Nacht durcharbeiten. Man hat nur wenig Zeit, die vielfältigen Aufgaben zu bewältigen. Die Zahlung von Insolvenzgeld beziehungsweise die Vorfinanzierung von Insolvenzgeld, das für die letzten drei Monate vor Eröffnung des Insolvenzverfahrens bezahlt wird, muss beantragt werden. Kunden, Lieferanten – überhaupt alle Beteiligten – müssen beruhigt werden, es muss neues Vertrauen geschaffen werden. Dazu gehören natürlich auch die Beschäftigten. Das Wichtigste ist, die Liquidität wieder herzustellen, wozu meistens ein Massedarlehen der Banken benötigt wird.

Zahlt sich der Stress aus? Was verdienen Sie in einem Insolvenzverfahren?

Die Vergütung ergibt sich aus der Vergütungsverordnung und wird vom Gericht festgesetzt. Bei kleineren Verfahren heißt es oft, außer Spesen nichts gewesen. Bei Großverfahren sieht dies sicherlich anders aus, man kann gut verdienen.

Was heißt das – hunderttausend Euro Honorar oder gar mehrere Hunderttausend?

Das Honorar kann schon mehrere Hunderttausend Euro betragen. Hierbei handelt es sich natürlich um Großverfahren, die möglicherweise über zehn Jahre dauern. Man wird nicht nach der Zeit bezahlt, sondern nach der Höhe der Vermögenswerte, die vom Insolvenzverwalter verwaltet und gegebenenfalls veräußert werden. Es ist auch zu berücksichtigen, dass der Vergütung eines Insolvenzverwalters hohe Kosten gegenüberstehen.

Wie wichtig ist die Person des Insolvenzverwalters für die Rettung einer Firma?

Der Insolvenzverwalter ist Dreh- und Angelpunkt des Verfahrens. Er beherrscht das Verfahren. Renommierte Verwalter haben ein großes Büro und ein Netzwerk, um die umfangreichen und vielfältigen Aufgaben zu bewältigen. Bei größeren Verfahren kann man unmöglich alle Aufgaben allein bearbeiten. Es liegt auf der Hand, dass erfahrene und erfolgreiche Insolvenzverwalter mit einem entsprechenden Team mehr Durchschlagskraft haben. Sie dürften auch mehr Chancen haben, von Banken einen Massekredit zu erhalten.

Wie viele Firmen überstehen das Insolvenzverfahren?

Ich würde sagen, wenn man in rund 50 Prozent der Fälle Erfolg hat, kann man zufrieden sein. Die Insolvenz kann für ein Unternehmen die letzte Chance sein, saniert zu werden. Wenn nötige Restrukturierungsmaßnahmen umgesetzt werden, wenn man sich von unprofitablen Betriebsteilen trennt oder überflüssige Arbeitsplätze abbaut, kann eine Firma gestärkt aus dem Verfahren hervorgehen.

Können Sie voraussagen, ob es zum Beispiel Märklin, Schiesser, Rosenthal oder Qimonda schaffen?

Ich glaube, vor einigen Monaten hat noch niemand geahnt, was auf uns zukommt. Jetzt erinnern die Ausmaße der weltweiten Wirtschaftskrise an das Jahr 1929. Deshalb kann man keine Prognose mehr wagen. Man kann auch nicht sagen, dass zumindest den Großen nichts passieren wird. Leider ist alles möglich. Dennoch bin ich der Auffassung, dass die von Ihnen genannten Unternehmen eine Chance haben, zumindest in Teilbereichen saniert zu werden.

Das Gespräch führte Heike Jahberg.



ZUR PERSON

DER SANIERER

Jobst Wellensiek (77) ist einer der bekanntesten Insolvenzverwalter Deutschlands. Der promovierte Jurist hat sich in zahlreichen Insolvenzfällen einen Namen gemacht. Wellensiek gilt als Mann des Ausgleichs, der versucht, möglichst viele Jobs zu retten. Für seinen Einsatz hat er das Bundesverdienstkreuz bekommen.

DIE KANZLEI

Wellensiek hat in seiner Kanzlei in Heidelberg und in weiteren Sozietäten über 80 Mitarbeiter. Er und seine Mitarbeiter haben die Klöckner- Werke saniert und waren Insolvenzverwalter bei der Maxhütte. Der größte Fall war im Jahr 1996 der Bremer Vulkan mit 28 000 Beschäftigten.

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