Interview : „Der Anstieg der Managergehälter ist inakzeptabel“

Die Finanzkrise zieht ihre Kreise - und bringt nicht nur die Bankbranche in Bedrängnis. Handwerks-Lobbyist Hanns-Eberhard Schleyer über maßlose Vorstände, den Linksruck in Deutschland und die Folgen der Finanzkrise.

Herr Schleyer, spüren die Handwerksbetriebe schon die Folgen der Finanzkrise?



Die Zentralbanken halten die Geldmärkte aktuell liquide genug. Die Krise hat sich im Handwerk daher bisher nicht ausgewirkt. Regional berichten die Betriebe aber von gestiegenen Kreditkosten und Feilschen um mehr Sicherheiten.

Wird es eine Konjunkturdelle geben?

Das werden wir hoffentlich vermeiden können. Ich appelliere vor allem an die Institute, die keinen oder nur geringen Schaden genommen haben, für eine weiter reibungslose Mittelstandsfinanzierung zu sorgen. Sie sollten diese Chance nutzen.

Ist es sinnvoll, dass der Staat die betroffenen Banken bislang unbegrenzt stützt?

Die KfW hat Milliarden zur Stabilisierung der IKB aufgebracht. Es besteht natürlich die Gefahr, dass dies zu einer Verschlechterung der Konditionen der für Handwerksbetriebe so wichtigen Förderprogramme führt. Wichtig ist hier, dass das ERP-Sondervermögen, das gerade auf die KfW übertragen wurde, weiterhin vollständig für Förderzwecke zur Verfügung steht und die bislang vorgesehene Förderleistung bei den anderen KfW-Programmen erhalten bleibt.

Die Löhne stagnieren, Gewinne und Managergehälter explodieren. Welche Schuld trägt die Wirtschaft am Linksruck in Deutschland?

Es gibt eine Reihe von Entwicklungen, die mir Sorgen bereiten und die dazu führen, dass die Wähler den bürgerlichen Kräften immer weniger zutrauen. Allein die Wirtschaft verantwortlich zu machen, ist mir zu schlicht.

Viele haben das Gefühl, dass die Ungerechtigkeit zunimmt – dies ist nun mal eng mit der Wirtschaft verknüpft.

Die Spaltung nimmt seit geraumer Zeit zu. Es droht wieder eine Klassengesellschaft, wie sie eigentlich überwunden schien. Viele Menschen profitieren finanziell kaum vom Aufschwung. Demgegenüber steigen einige Managergehälter in einer völlig inakzeptablen Weise, gerade bei Abfindungs- oder Pensionszahlungen, sogar bei Erfolglosigkeit. Das erzeugt dieses Gefühl: Die da oben, wir hier unten – das gefällt mir überhaupt nicht.

Ist das eine zwangsläufige Folge der Globalisierung?

Nein, Exzesse bei Managergehältern sind keine zwangsläufige Folge der Globalisierung. Und wenn die Menschen netto weniger haben, hat das eher mit der Steuerpolitik als mit der Globalisierung zu tun. Die Löhne steigen, und die Arbeitnehmer rutschen automatisch in einen höheren Steuertarif. Diese kalte Progression trifft immer mehr Durchschnittsverdiener und Leistungsträger. Dass der Staat sich so bereichert, ist nicht mit der Etatsanierung zu rechtfertigen. Die Arbeitnehmer müssen mehr von ihrem Lohn übrig behalten.

Warum sorgt die steigende Zahl der Beschäftigten nicht für mehr Zuversicht?

Die Menschen spüren die internationalen Krisen, aber auch die steigenden Lebenshaltungskosten. Hinzu kommt ein rigides Arbeitsrecht in Deutschland. Das bewirkt, dass mittlerweile mehr als die Hälfte aller neuen Arbeitsverträge nur befristet abgeschlossen werden. Das ist keine gute Entwicklung, gerade für junge Menschen. Wie soll man sich Wohneigentum aufbauen, eine Familie gründen? Das drückt auf den Konsum und ist gerade für uns Handwerker ein Thema.

Die Wirtschaft wollte doch einen flexibleren Arbeitsmarkt – mit Minijobs, Zeitarbeit und eben mehr befristeten Verträgen. War das ein Fehler?

Wir brauchen Minijobs, viele haben ein Interesse daran. Die Zeitarbeit hilft vielen, eine Stelle zu finden. Auch Befristungen sind wichtig. Gerade kleine Betriebe haben kein Polster für Abfindungen oder Sozialpläne, wenn Aufträge ausbleiben. Es geht immer um den Ausgleich zwischen notwendiger Flexibilität und sozialer Absicherung. Hier könnten wir aber einen anderen Weg gehen, den Kündigungsschutz reduzieren und den Menschen doch mehr Sicherheit geben. Länder wie Dänemark machen es vor: Dort gibt es ein hohes Arbeitslosengeld für einige Monate und eine hocheffiziente Arbeitsvermittlung – aber wenig Kündigungsschutz. Die Handwerksbetriebe würden auf jeden Fall mehr Mitarbeiter fest einstellen, wenn die Regeln flexibler wären.

Seit Jahren sinkt die Kaufkraft. Haben die Handwerksbetriebe ihre Leute genügend am Aufschwung teilhaben lassen?

Die meisten Betriebe haben tarifvertragliche Verpflichtungen. In Boom-Branchen honorieren viele Handwerksmeister zusätzlich gerne die Flexibilität ihrer Mitarbeiter, gewähren Sonderzahlungen oder Extra-Urlaubstage. Und vergessen Sie nicht: Seit 2006 konnte der millionenfache Jobverlust der Rezessionsjahre gestoppt werden. Wobei nach wie vor die wirtschaftliche Lage vieler Mittelständler nicht besonders rosig ist.

Was wird erst passieren, wenn es weiter bergab geht mit der Konjunktur?

Darum sorge ich mich. Was ich vermisse, ist die Antwort der Regierung auf eine solche Frage. Es ist Zeit für ein neues Paket von Reformen. Diese müssen die Belastung durch Steuern und Abgaben reduzieren, und wir brauchen einen Schwerpunkt bei Bildung und Innovation. Unsere Betriebe brauchen mehr qualifizierte Menschen, um dem verschärften Wettbewerb Paroli bieten zu können. Wer qualifiziert ist, muss nicht fürchten, von der Einkommensentwicklung abgehängt zu werden.

Bildung als Gute-Laune-Programm?

Viele unserer Probleme – die Globalisierungsangst, unsichere Perspektiven, Fachkräftemangel – lassen sich fokussieren auf das Thema Bildung. Nötig ist eine „Mutmacher-Agenda“, die Bildungschancen für alle im Fokus hat. Hier müssen Bund und Länder schnell mehr tun. Auf allen Ebenen – von der frühkindlichen Betreuung über die Schulen, die Ausbildung in den Betrieben, die Weiterbildung bis zu den Universitäten. Wenn wir nicht in Bildung investieren, die Zahl der Schulabbrecher senken, mehr für Integration tun, verfestigt sich die Klassengesellschaft. Dann haben wir Villen auf der einen Seite und immer mehr Ghettos auf der anderen.

Wer lernen soll, braucht Vorbilder. Fällt Ihnen ein Manager ein, der dazu taugt?

Es gibt Hunderttausende von kleinen und mittleren Unternehmern …

… es müsste schon jemand Bekanntes sein …

Für die Bekanntheit dieser aufrichtigen Unternehmer dürfen Sie gerne sorgen. Die große Mehrheit ist engagiert, steht auch in schlechten Zeiten zu den Mitarbeitern, bildet aus. Dieses Bild wird getrübt von jenen, die maßlos sind, die ihren eigenen Konzern ausnutzen, obwohl sie es am wenigsten nötig hätten. Sie fügen dem Ansehen des Unternehmers großen Schaden zu. Es genügt nicht, nur Appelle an die Moral der Kaufleute zu richten. Wir müssen uns mehr bemühen, Fehlentwicklungen zu korrigieren, da sind die Aufsichtsgremien gefordert. Keine Frage, gute Leistung muss gut bezahlt werden. Es kann aber nicht sein, dass Managergehälter um ein Vielfaches steigen, und bei den Mitarbeitern kommt praktisch nichts an.

Muss der Gesetzgeber handeln?

Nein, neue Gesetze brauchen wir nicht. Die träfen auch die Falschen, nämlich die zumeist mittelständischen Firmeninhaber. Wir brauchen mehr Verantwortungsgefühl in den Chefetagen und Kontrollgremien. Die exorbitante Steigerung der Vorstandsgehälter hat aber auch zu tun mit der neuen Transparenz. Wer weiß, dass der Kollege beim Konzern nebenan deutlich mehr verdient, wird den Preis treiben – das wollte man eigentlich verhindern.

Das Interview führte Carsten Brönstrup.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben