Interview : "Ein Einzelner kann das nicht"

Wie kann ein Terminhändler seinen Arbeitgeber um fünf Milliarden Euro prellen? Bankenexperte Wolfgang Gerke erläutert, was bei der Société Générale passiert ist und was das alles mit dem Schwarzen Montag zu tun hat.

Ein Interview von Irja Most
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"Ein Märchen": Bankenexperte Gerke über die Einzeltäter-Theorie bei der Société Générale. -Foto: dpa

Der Aktienhändler Jérôme Kerviel hat die französische Bank Société Générale mit Termingeschäften um 4,9 Milliarden Euro gebracht. Die Bank hat daraufhin die riskanten Positionen am Montag an den Börsen verkauft. Ist das der Auslöser für den weltweiten Kurssturz?



Ich gehe nicht davon aus. Aber alles, was im Moment von der Société Générale bekannt gegeben wird, muss man mit Vorsicht genießen. Es kann durchaus sein, dass man auch schon vorher versucht hat, die Positionen wieder abzubauen.

Es gibt also keinen Zusammenhang zwischen dem schwarzen Montag und dem Desaster bei der Société Générale?

Das wäre eine Überinterpretation. Ich geh davon aus, dass gerade als die Kurse eine starke Abwärtstendenz hatten, man sich gezwungen sah, sich zu stellen. Das bedeutet, dass man in den freien Markt hinein auch weiter die Verkauforders gegeben hat, was dann die Abwärtsentwicklung noch weiter unterstützt hat.

Ist der Absturz der Indizes also ein marktüblicher Prozess gewesen?

Es ist überraschend, dass das nicht vorher passiert ist. Und es ist überraschend, dass das alles an einem Tag passiert ist. Die Finanzkrise ist so groß, dass sich das eigentlich schon früher auf die Börsenkurse hätte niederschlagen müssen. Insofern war eigentlich das Außergewöhnliche daran, dass wir so heil über das Jahr 2007 hinweggekommen sind.

Es drängt sich der Verdacht auf, dass Vorgesetzte oder noch mehr Personen von den Machenschaften Kerviels wussten.

Die Schieflage, die es dort gegeben hat, ist von einer derartigen Dimension: Ich halte es für ein Märchen, dass das nur ein einzelner Mitarbeiter gewusst hat. Es wäre um die Société Générale chaotisch bestellt, wenn Dimensionen dieser Art völlig an den übrigen Mitarbeitern vorbeigehen würden. Insofern vermute ich, dass man so in der Vergangenheit Geld verdient und die Augen geschlossen gehalten hat.

Also ist Kerviel ein Bauernopfer.

Davon gehe ich aus. Zumindest werden andere gewusst haben, dass da viel Geld durch spekulative Geschäfte verdient wird. Und da hat man wohl erstmal zugeschaut.

Wie konnten das Risikomanagement und die Kontrollmechanismen der Société Générale derart versagen?

Das passiert dann, wenn man die Kontrollmechanismen bewusst außer Kraft setzt. Das kann ein Einzelner nicht. Wenn das ein Einzelner könnte, dann wäre es chaotisch um solch große Banken bestellt. Société Générale wird viel Geld investiert haben in ein Risiko-Controlling. Und dieses Risiko-Controlling muss so riesige Beträge wie fünf Milliarden Euro aufdecken.

Termin- und Future-Geschäfte, die Kerviel getätigt hat, scheinen sehr lukrativ zu sein.

Wenn man per Termin hoch investiert, kann man damit sehr viel Geld verdienen. Und man kann sehr viel Geld verlieren. Deshalb sind diese Geschäfte auch streng reglementiert.

Sind derlei Geschäfte bei den Banken im Trend?

In den letzten Jahren war das in der Tat ein Trend. Man hat versucht höhere Renditen zu erzielen, indem man höhere Risiken eingegangen ist. Man hat auch die Illusion geweckt, man könnte über lange Perioden hinweg 20 bis 30 Prozent Rendite vor Steuern erzielen. Das geht aber nur, wenn man gleichzeitig das Risiko erhöht.

Kann ein Desaster wie bei der Société Générale auch eine deutsche Bank ereilen?

Wir haben in Deutschland gleiches in kleiner Dimension längst erlebt. Denken Sie daran, was bei der WestLB an Spekulationen mit VW-Aktien betrieben wurde. Das war auch nur durch Austricksen der Sicherheitsrestriktionen möglich. Dort hat das auch nicht ein Einzelner gemacht, sondern man hat die entstandenen Gewinne erst einmal gerne eingestrichen.

Ähnlich ist die Geschichte bei der Sächsischen Landesbank gelaufen, wo man in einem anderen Bereich sehr spekulativ außerhalb der Bilanz Geschäfte gemacht hat. Diejenigen, die die Gewinne aus diesen Geschäften gesehen haben, haben auch gewusst, dass dafür höheres Risiko gegangen werden muss. Anders konnte man solche Gewinne nicht erwirtschaften.

Schärfere Gesetze könnten vielleicht helfen.

Wir haben eigentlich schon ganz gute Aufsichtsvorschriften mit Basel II. Man muss insbesondere dafür sorgen, dass man nicht Risiken, für die man gerade zu stehen hat, aus der Bilanz herausnehmen kann - etwa über Tochterfirmen. Man muss sie zumindest unter dem Bilanzstrich aufführen. Das heißt jetzt nicht, dass wir Bankgeschäfte in Zukunft ungeheuer restriktiv handhaben müssen. Aber die Banken müssen sich an die vorgegebenen Regeln halten. Und das muss auch entsprechend kontrolliert werden.

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