Interview : "Gottvertrauen ist der falsche Weg"

Gustav Horn leitet das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK). Im Gespräch mit dem Tagesspiegel spricht er über Stabilisierungsmaßnahmen in Zeiten der Krise.

Horn
Gustav Horn -Foto: dpa

Herr Horn, wann gibt es endlich wieder gute Nachrichten von der Konjunktur?



Die haben wir bereits – die Institute sagen, dass der freie Fall im zweiten Halbjahr gestoppt wird. Wenn wir stattdessen Stagnation bekommen, auch 2010, ist das immerhin etwas.

Liegt das an den Ausgabenprogrammen?

Ja, ausschließlich. Aus sich selbst heraus stabilisieren sich marktwirtschaftliche Systeme nicht – es herrscht tiefer Pessimismus bei Firmen und Konsumenten. Ohne Anstoß von außen geht der Absturz weiter. Jetzt hilft der Staat – die Regierungen investieren, die Notenbanken lockern die Geldpolitik.

Die Institute sind gegen zusätzliches Geld für die Konjunktur. Sie nicht?

Die Institute sind mit ihrer Denkweise noch nicht in der Krise angekommen. Sie setzen auf Gottvertrauen, das ist der falsche Weg. Die Geldpolitik stützt die Wirtschaft nicht, sie wirkt derzeit nur begrenzt. Auch die Stabilisierung der Banken braucht Zeit. Nur die Fiskalpolitik bleibt als rasch wirksames Mittel.

Die Regierung steckt bereits Milliarden in Ausgabenprogramme.

Das reicht als Stabilisierung, einen Aufschwung löst das nicht aus. Den braucht man aber, um einen drastischen Anstieg der Arbeitslosigkeit zu verhindern.

Der Staat muss nur genügend Geld ausgeben, damit es wieder Wachstum gibt?

Das ist jedenfalls die entscheidende Voraussetzung. Die Beträge, die Berlin jetzt ausgibt, sind nicht klein. Aber sie werden nicht verhindern, dass die Arbeitslosenzahl 2010 auf 4,6 Millionen steigt. Das halte ich wirtschaftspolitisch für unverantwortlich. Wir müssen in gewaltigen Größenordungen denken. Nötig sind 80 bis 100 Milliarden Euro. Wichtig ist zudem, dass neue Programme international koordiniert sind. Wir haben eine Krise der Weltwirtschaft, die bekommen wir nur in den Griff, wenn sich die Industriestaaten wechselseitig stabilisieren.

Das Geld, das man nun für die Stabilisierung ausgibt, muss man im nächsten Aufschwung einsparen – das hemmt zukünftiges Wachstum, warnen die Institute.

Konjunkturprogramme sollen dafür sorgen, dass die Menschen wieder Optimismus gewinnen. Es geht um eine staatliche Initialzündung, die von privater Initiative abgelöst und dann zurückgefahren werden muss. Bei einem sich selbst tragenden Aufschwung kann man dann wieder sparen. 2000/2001 haben die USA so einen schnellen Weg aus der Rezession gefunden.


Das Interview führte Carsten Brönstrup.

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