Interview : "Niemanden verschont die Pleitewelle"

Udo Steffens (59) ist Präsident der Frankfurt School of Finance & Management, einer privaten Hochschule für die Bankenbranche. Mit ihm sprach Rolf Obertreis.

Herr Steffens, wie viele giftige Papiere verbergen sich noch in den Bank-Bilanzen?



Das ist schwer abzuschätzen, weil es um schwierige Bewertungsfragen geht. Eine Bank kann nur so viel aufräumen, also abschreiben, wie sie verkraften kann. Es dauert sicher noch zwei bis drei Jahre, bis die Bilanzen bereinigt sind. Klar ist, neue Katastrophenmeldungen können die Banken und der Steuerzahler nicht gebrauchen – in den USA genauso wie in Europa.

Wie wirken sich die Krise und die schwierige Lage vieler Firmen aus?

2010 werden die Kreditportfolien vieler Banken und Sparkassen unter Druck geraten. Pleiten und Zahlungsengpässe bei vielen Firmen werden sich bemerkbar machen. Das wird nicht ohne Schäden für Bilanzen und Gewinne der Institute bleiben.

Droht dann doch eine Kreditklemme?

Bislang geben die Statistiken keine Kreditklemme her. Es gibt allenfalls eine gefühlte Knappheit. Die Kreditausleihungen von Banken und Sparkassen liegen auf Vorjahresniveau, auch wenn die Preise gestiegen sind. Gleichwohl stehen die Banken unter Druck, weil sie risikostabiler werden sollen und müssen, also mehr teures Eigenkapital vorhalten sollen. Das macht Kredite teurer. Diesen schwierigen Spagat müssen die Banken lösen.

Die Bilanzprobleme treffen eher Großbanken. Werden dadurch Sparkassen und Volksbanken zur Konjunkturstütze?

Was in den Bilanzen der kleineren Institute noch schlummert, weiß niemand wirklich. Auch da ist Vorsicht angebracht. Warten wir mal das nächste Jahr ab, ob Sparkassen und Volksbanken wirklich stabiler sind als die großen Banken. Außerdem wird die Pleitewelle auch die kleinen Kreditinstitute nicht verschonen.

Goldman Sachs, Deutsche Bank und andere Investmentbanken schreiben schon wieder satte Gewinne. Ist das gesund?

Es ist zumindest gewollt. Und es ist auch gesund. Niemand kann sich wünschen, dass die Flaggschiffe der Finanzindustrie Not leiden. Natürlich hilft ihnen, dass sie sich derzeit quasi zum Nulltarif Geld leihen können. Und da sie es natürlich nicht zum Nulltarif ausleihen, wirkt dies wie eine Droge. Goldman Sachs, Deutsche Bank und andere profitieren von dieser versteckten Subvention, auch wenn sie keine direkte Staatshilfe erhalten.

Genau deshalb regt sich Unbehagen.

Entscheidend ist: Wie werden diese Gewinne verteilt? Stärken sie das Eigenkapital der Bank und werden Hilfen zurückgezahlt? Goldman Sachs hat das getan. Oder werden massiv Boni ausgeschüttet? Das wird die Gesellschaft kaum akzeptieren. Die Banken sind gut beraten, ein neues, erkennbar geringeres Maß zu finden. Wenn sie das nicht tun, wird auch ihre zu großen Teilen sinnvolle und Wohlfahrt stiftende Finanzierungspolitik in Verruf geraten.

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