INTERVIEW : „Risiken nicht bei den Kunden abladen“

Herr Hocker, die DSW hat eine Hotline für Inhaber von Lehman-Zertifikaten geschaltet. Wie ist die Resonanz?

Es haben sich mehr als 1000 Anleger gemeldet. Einige, auch Sparkassenkunden, haben kleine Summen investiert. Aber es sind auch viele dabei, die hohe Beträge von mehr als 10 000 Euro in Lehman-Produkten angelegt haben.

Was raten Sie den Betroffenen?

Wir informieren darüber, dass wir nicht davon ausgehen, dass die Anleihen und -Zertifikate vollständig zurückgezahlt werden. Daraus können Anleger möglicherweise Ansprüche ableiten, etwa wegen fehlerhafter Beratung oder Fehlern im Prospekt. Wir helfen auch juristisch. Diese Prüfung bieten wir unseren Mitgliedern kostenlos an.

Müssten bestimmte Zertifikate verboten werden?

Das hielte ich für falsch. Es sollten weiter viele Derivate angeboten werden – aber den richtigen Kunden. Die Risiken müssen transparenter sein und von den Emittenten durch Eigenkapital unterlegt werden. Die Risiken dürfen nicht bei den Kunden abgeladen werden. Der Emittent muss mithaften.

Beraten die Banken falsch?

Ich glaube, dass viele Banker die Prospekte der US-Emittenten gar nicht gelesen haben. Umso verantwortungsloser ist es, wenn Produkte verkauft werden, die nicht der Risikoneigung des Kunden entsprechen. Hier sind die gesetzlichen Grundlagen für die Kundenberatung offenbar immer noch nicht ausreichend.

Was fehlt?

Die Banken müssen die Kunden und ihre Vermögenssituation besser klassifizieren und genauer dokumentieren. Dann hätten die Kunden etwas in der Hand. Viele können später gar nicht beweisen, dass sie falsch beraten wurden.

Sollte die Bank die Beweislast tragen?

Das wäre optimal. Denn dann müssten die Banken beweisen, dass sie korrekt beraten haben.

Wie stehen die Chancen, dass die Beweislastumkehr eingeführt wird?

Die Pflicht zu einer besseren Protokollierung dürfte beim Gesetzgeber auf Zustimmung treffen. Die Beweislastumkehr ist dagegen politisch nur schwer durchsetzbar.

DSW-Hotline für Inhaber von Lehman- Zertifikaten: 0211/669702 oder Mail an dagmar.lutter@dsw-info.de

Ulrich Hocker

ist Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Mit ihm sprach Henrik Mortsiefer.

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