Interview : "Viele sehen nur die Katastrophen"

Klaus Schneider zum 50. Geburtstag der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK).

Herr Schneider, die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger feiert ihr 50-jähriges Bestehen. Wofür dürfen wir gratulieren?



50 Jahre als Organisation in diesem turbulenten Kapitalmarkt zu überstehen ist doch schon beachtlich, oder?!

Aktienkultur ist in Deutschland gleichwohl immer noch ein Fremdwort. Die Zahl der Aktionäre hat sich seit dem Jahr 2000 sogar halbiert. Woran liegt das?

Dafür gibt es viele Gründe. Zum Beispiel die Enttäuschung nach dem Absturz der Telekom-Aktie. Und die Finanzkrise, in der viele Kleinanleger viel Geld und vor allem das Vertrauen in den Kapitalmarkt verloren haben. Hinzu kommt die Selbstbedienungsmentalität in vielen Vorständen und Aufsichtsräten, die mitunter schlechte Unternehmensführung zu Lasten der Aktionäre. Und nicht zuletzt hat die Abgeltungsteuer Aktien und Aktienfonds noch unattraktiver gemacht.

Ist die Zurückhaltung der Verbraucher angesichts der Turbulenzen der vergangenen Jahre nicht vernünftig?

Sie ist auch eine Folge mangelnden Finanzwissens. Viele Menschen sehen nur die Katastrophen an der Börse. Aber der Aktienmarkt ist mehr und funktioniert nicht so kurzatmig, wie mancher denkt. Langfristig haben sich die großen Werte positiv entwickelt. Für viele ist Aktie aber gleich Aktie – egal, was draufsteht.

Sehen Sie da Versäumnisse der Aktionärsvertreter? Müssten Sie mehr aufklären?


Das ist gar nicht so einfach. In Schweden hat jeder Dritte Aktien, in Deutschland ist es nur jeder Zwanzigste. Die meisten Verbraucher haben wenig bis keine Ahnung von Wirtschaft, geschweige denn vom Kapitalmarkt. Sie wissen nicht, wie sie Chancen und Risiken beurteilen sollen. Deshalb trauen sich viele nicht an das Thema. Wir versuchen trotzdem, Wissenslücken zu schließen, damit die Verbraucher keine Angst mehr vor der Aktienanlage haben und selbstständig entscheiden können, ohne Beratern ausgeliefert sein zu müssen. Die Angebote zur Aufklärung werden aber meist nicht angenommen.

Vielleicht, weil der Einfluss der Kleinaktionäre zu gering ist? Geben nicht die institutionellen Großanleger, also Fonds und Versicherungen, den Ton an?


Sie können natürlich nicht mehr Einfluss haben, als Sie bereit sind kollektiv auszuüben. Wer sich nicht mit anderen zusammenschließt, wird immer Beobachter der Entwicklung bleiben. Auch die Arbeitnehmer wurden erst stark, als sie sich in Gewerkschaften organisiert haben. SdK, Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz und einige andere Aktionärsvereine kommen zusammen vielleicht auf 40 000 Mitglieder. Das ist zu wenig, um als Lobby mächtig zu sein.

Täuscht der Eindruck, oder besteht die Hauptaufgabe der Aktionärsvertreter inzwischen eher darin, die juristischen Folge von Aktienkrisen zu bewältigen?


Mancher sieht darin als Anwalt wohl seine Hauptaufgabe. Doch es geht nicht um das Ausfechten von Prozessen. Viel wichtiger wäre die Prävention, damit die Leute anfangen, selbstständig zu denken.

Das Interview führte Henrik Mortsiefer

Klaus Schneider (51) ist seit dem Jahr 2000 Vorstandsvorsitzender der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). Der Verein feiert an diesem Donnerstag sein 50-jähriges Bestehen.

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